Bibel-TV, R. Junker und die Schöpfung


Gespräch bei Bibel TV mit dem Thema „Schöpfung oder Evolution?“

Wolfgang Severin interviewte Dr. Reinhard JUNKER, ausgestrahlt am 19.08.2008. Ein Kommentar von Andreas BEYER,Wolfgang JÄHNIG & Martin NEUKAMM

– S: Hallo, und herzlich willkommen bei Bibel TV das Gespräch. Für den Großteil der Christen sind die naturwissenschaftliche Evolutionstheorie von Darwin und der christliche Schöpfungsglaube irgendwie miteinander versöhnt. Das Eine versucht die Welt zu erklären auf der Basis von naturwissenschaftlichen Daten, das Andere ist ein christlicher Glaube, der die Wahrheit ausdrücken will, dass Gott die Welt erschaffen hat. Unser heutiger Gast sieht das ein wenig anders. Er hinterfragt mit naturwissenschaftlichen Methoden eben diese Evolutionstheorie von Darwin

Hier liegt schon der erste Fehler vor: JUNKER orientiert sich bei seiner Kritik in wesentlichen Punkten gerade nicht an der wissenschaftlichen Methode. So wird z. B. das Wesen des „naturwissenschaftlichen Beweises“ von Gegnern der Evolutionstheorie in aller Regel missverstanden. Entgegen ihrer Auffassung ist die Evolutionstheorie heute so gut belegt und auch bezüglich der „großen Transformationen“ im Tier- und Pflanzenreich so gut verstanden, dass aus wissenschaftlicher Sicht keine vernünftigen Zweifel mehr an ihr bestehen. Zwar haben die Evolutionskritiker insofern Recht, als die spezifische Evolution aller Gruppen nicht bis ins Detail ausreichend erklärt und beschrieben worden ist – das ist aber auch gar nicht zu erwarten. Wo die Natur nicht so „freundlich“ war, uns in genügendem Ausmaß Hinweise zu hinterlassen, werden wir mit Erkenntnislücken leben müssen. Bloß lässt sich daraus eben nicht die immer wieder vorgebrachte kreationistische Fundamentalkritik ableiten (s. NEUKAMM 2009, Kap. III.2). Ein unentbehrliches Kennzeichen wissenschaftlichen Arbeitens ist insbesondere die Modellbildung, also die Präsentation von erklärungsmächtigen Theorien, wobei das, was es zu erklären gilt, durch ein vorgeschlagenes Alternativmodell noch vollständiger und besser erklärbar sein muss – so sind die Regeln des wissenschaftlichen Diskurses. Doch gerade die Alternativen, die Reinhard JUNKER in ermüdender Regelmäßigkeit präsentiert, sind unter Zugrundelegung naturwissenschaftlicher Rationalitätsstandards völlig indiskutabel (s. NEUKAMM/BEYER 2009, Kap. II.). Wer die vielfältigen Erklärungswege der Evolutionsbiologie, die uns ein kausales Verständnis der Vorgänge in der Natur ermöglichen, aufgrund ihres vermeintlich „spekulativen“ Gehalts beiseite schiebt, um einer noch weitaus spekulativeren These den Vorzug zu geben – nämlich dem völlig unspezifischen „Design“, welches hinsichtlich Konkretheit, Prüfbarkeit, Erklärungskraft und heuristischem Wert noch weit schlechter dasteht als die Evolutionstheorie, der hat die Regeln naturwissenschaftlichen Argumentierens und Arbeitens gründlich missverstanden.

Bei WORT UND WISSEN gibt es kein einziges Labor und keine Forschungsgruppe; die allermeisten Mitglieder sind fachfremd und haben niemals auf dem Gebiet der Evolutionswissenschaften gearbeitet. Wissenschaftliche Publikationen mit kreationistischer Evolutionskritik existieren ebenfalls nicht; bei Wort und Wissen gibt es  lediglich sog. „Fachgruppen“, deren Tätigkeit erschöpft sich darin, wissenschaftliche und  nicht-wissenschaftliche Literatur nach echten oder vermeintlichen Widersprüchen zu durchforsten und deren Inhalt schöpfungstheoretisch umzudeuten. Publiziert wird ausschließlich im Internet sowie in fachfremden (zumeist christlichen) Verlagen. Sicher: Die Richtigkeit eines Arguments hängt nicht davon ab, wer es vorbringt. Der springende Punkt ist aber: Nicht nur die Kreationisten bei Wort und Wissen sind in keiner Weise evolutionswissenschaftlich ausgewiesen, es gibt weltweit keine kreationistischen Arbeitsgruppen, es gibt überhaupt keine wissenschaftlichen Befunde, auf die Kreationisten verweisen können, um ihre Behauptungen zu stützen.

und zum anderen glaubt er daran, dass die Welt tatsächlich in sieben Tagen erschaffen worden ist, wie es eben in der Bibel steht. Über diese Thesen wollen wir heute mit ihm sprechen. Herzlich willkommen Dr. Reinhard JUNKER. Dr. JUNKER, an welchen Punkten sehen Sie denn diese Evolutionstheorie widerlegt?

– J: Ich möchte nicht von widerlegt sprechen. Das wäre ein zu starkes Wort, aber es gibt einige schwerwiegende Einwände und schwerwiegende Fragen, die die Evolutionstheorie meines Erachtens nicht erklären kann und von daher nicht den Anspruch erheben kann, eine gesicherte Sicht der Dinge über die Entstehung der Welt zu sein. (…)

Forum für diese angeblichen „schwerwiegende Einwände und Fragen“ sollte allerdings weder das Internet noch Bibel-TV, sondern die wissenschaftliche Gemeinde sein. JUNKER möge seine Fragen und Einwände mit Daten untermauern und in Form von Fachartikeln in einem der einschlägigen Fachjournale publizieren und zur Diskussion stellen. Augenscheinlich ist dies bisher weder ihm noch einem anderen Kreationisten gelungen. Wie verschiedentlich ausgeführt, liegt der Grund darin, dass (a) die „schwerwiegenden Einwände“ aus methodologischer Sicht eben keine schwerwiegenden Einwände sind und (b) schlichtweg die Daten fehlen.

(…) Hauptkritikpunkt ist, dass meines Erachtens kein Mechanismus bekannt ist, der erklären kann, wie das wirklich echt Neue in der Entwicklung der Lebewesen entstanden ist, wie neue Strukturen, neue Baupläne entstanden sind.

Und genau diese Behauptung ist wissenschaftlich falsch. Ernst MAYR hatte bereit 1959 (!) die wesentlichen Mechanismen dargelegt; zu dem damals Gesagten gibt es bis heute wenig hinzuzufügen. Heutzutage können wir das Bild mit den neu hinzugekommenen Befunden und Erkenntnisse aus der Molekular- und Entwicklungsbiologie mechanistisch erweitern: Wir haben mittlerweile ziemlich detaillierte Vorstellungen davon, wie sich komplexe Strukturen entwickelten, mithilfe welcher Mechanismen neue genetische Elemente, zelluläre Regelkreise und neue morphologische Merkmale entstehen und wie sich von einer einzelnen Zelle aus die Komplexität eines ausgewachsenen Tieres entwickelt. Die Entdeckung des uralten „genetischen Werkzeugkastens“ ist ein eindeutiger Beleg dafür, dass Tiere wie Menschen von einem einfachen gemeinsamen Vorfahren abstammen, der dann modifiziert wurde. Dieses Thema ist zu komplex, um dies an dieser Stelle zu vertiefen; wer sich für die Details interessiert, sei auf CARROLL (2008) sowie auf HEMMINGER/BEYER (2009) verwiesen.

Dann ist es auch durchaus so, dass bei den Fossilien, also bei sterblichen Überresten von Lebewesen, regelmäßig markante Lücken auftreten zwischen verschiedenen Organismengruppen statt eines einigermaßen durchlaufenden Kontinuums, was man ja erwarten sollte, wenn es eine allgemeine Abstammung gegeben hat.

Kein Evolutionsbiologe, der etwas von Entwicklungsbiologie und phylogenetischer Systematik versteht, hat aber je gefordert, dass es ein „einigermaßen durchlaufendes Kontinuum“ geben müsse. Dies wäre im Hinblick auf die Grundlagen der Entwicklungsbiologie und Kladistik geradezu widersinnig. Die Notwendigkeit, die Funktionsfähigkeit des Gesamtbauplans (auf entwicklungsbiologischer, physiologischer, biochemischer Ebene etc.) aufrecht zu erhalten, erlaubt es der Evolution gar nicht, mit einem Kontinuum zu operieren (MAHNER 1986, 68). Außerdem sind, ontogenetisch betrachtet, fein abgestufte Modifikationen auch kausal meist gar nicht realisierbar. Und drittens lassen sich Fossilienlücken auch aus geologischer Sicht verständlich machen (Theorie der gestörten Gleichgewichte).

– S: Gehen wir noch einmal zunächst zum Ersten, was Sie gesagt haben oder machen wir gerade das Letzte. Wenn da Lücken sind, heißt das, dass dort Bindeglieder fehlen aus Ihrer Sicht?
– J: Genau. Es fehlen Bindeglieder und zwar nicht vereinzelt hier und da, sondern regelmäßig. Es ist ein genereller Befund quer durchs Tier- und Pflanzenreich, dass verschiedene größere Gruppen von Lebewesen, wenn sie im Fossilbericht, also in den Gesteinen dann irgendwann einmal auftauchen, dass sie dann immer in sehr großer Vielfalt und relativ plötzlich auftauchen, nicht so allmählich aufzweigend, verschiedener werden, sondern, dass dies so abrupt explosionsartig geschieht. Manche sprechen auch von explosiver Entwicklung nicht von evolutiver.

Zur Behauptung, es fehlten regelmäßig Bindeglieder, kann man sich bereits in der freien Internet-Enzyklopädie Wikipedia über die Stichwörter „missing link“, „connecting link“, „Mosaikform“, „Taxon“ u. dgl. informieren und wird dabei erkennen, (a) dass die Materie differenzierter zu betrachten ist, als JUNKER es tut, und (b), dass die Behauptung, es fehlten regelmäßig Zwischenformen, in dieser Form nicht der Wahrheit entspricht.
JUNKER verschweigt ferner, dass eine „explosive Entwicklung“, wie er es nennt, alles andere als unerwartet ist: Im Rahmen der Entstehung evolutiver Neuheiten erwartet man geradezu eine derart schnelle Aufspaltung. Ein Beispiel: Kurz nachdem das Land erstmalig von den Wirbeltieren erobert war und die Luft von den Vögeln, taten sich „mit einem Schlag“ eine Unzahl neuer, ökologischer Nischen auf, die zwangsläufig zu solch einer „explosiven“ Verzweigung führten. In der Evolutionsbiologie kennt man dieses Phänomen, man nennt es adaptive Radiation. Dabei ist zu beachten, dass das Prädikat „explosiv“ vor dem Hintergrund erdgeschichtlicher Zeiträume zu verstehen ist. Selbst die „Kambrische Explosion“ dauerte nach dem bisherigen Fossilienbefund 50 bis 80 Millionen Jahre!

  • Weiterhin produziert JUNKER den sattsam bekannten Fehlschluss des argumentum ad ignorantiam: Aus „Nichtwissen“ folgt nicht „Unwahrscheinlichkeit“ oder „Unmöglichkeit“. Der Wiener Evolutionsbiologe Franz M. WUKETITS hat hierzu eine entsprechende Antwort auf Evolutionszweifel gegeben: „Neben dem bekannten Urvogel als Bindeglied zwischen Reptilien und Vögeln sind noch weitere Übergangsformen vorhanden. Und dort, wo solche fehlen, ist der Schluss auf einen  Schöpfer illegitim. Pointiert gesagt: Wer nicht weiß, wer sein Urgroßvater war, zweifelt auch nicht daran, dass es ihn gegeben hat und glaubt auch nicht, dass die folgenden Generationen spontan erschaffen worden sind.“ (WUKETITS 2008).
  • Nebenbei bemerkt: U. KUTSCHERA bezeichnet sein Buch „Evolutionsbiologie“  (Kutschera 2006) im Klappentext als „ein Buch der Zwischenformen, weil es eine große Zahl ‚connecting links‘ abhandelt.“
  • Ende 2009 ist von Martin NEUKAMM das Buch „Evolution im Fadenkreuz des Kreationismus“ (NEUKAMM 2009) erschienen. Im Kapitel V („Die Rekonstruktion der  Stammesgeschichte: Phylogenetische Systematik, Fossilien, Zwischenformen“) setzt sich NEUKAMM sehr differenziert mit dem Thema „Zwischenformen“ auseinander, ebenso in verschiedenen Internet-Texten (NEUKAMM 2000).
  • Im Fossilbefund sind auch Übergangsformen dokumentiert, die eine Evolution vom Land zum Wasser belegen. Ein markantes Beispiel stellt die Evolution der Wale dar. Diese Meeressäuger haben sich aus landlebenden Huftieren entwickelt, die vor ca. sechzig Millionen Jahren lebten (BUSKES 2008). Gerade die Evolution der Wale wurde in einer Qualität durch Fossilien dokumentiert, wie kaum eine andere evolutionäre Transformation. Es ist vermutlich kein Zufall, dass just die Evolution der Wale im „evolutionskritischen Lehrbuch“ keines Wortes gewürdigt wird.

Wie also kommt JUNKER zu der Behauptung, es wären keine Bindeglieder bekannt? Doch nur dadurch, dass es mit diesem Begriff (absichtlich?) falsche oder antiquierte Vorstellungen verknüpft. Im Standardwerk des deutschen Kreationismus Evolution – Ein kritisches Lehrbuch (JUNKER/SCHERER 2006) findet man unter dem Stichwort „Bindeglied“ auf S. 220 unter dem Titel „Grundbegriffe der Paläontologie“ in einem blauen Kästchen namens „Grenzüberschreitung“ Folgendes: „Im Rahmen der Schöpfungslehre ergeben sich ebenfalls testbare Schlussfolgerungen: Es wird die Voraussage gemacht, dass unter den Fossilien keine Bindeglieder zwischen Grundtypen (>II.3.4) gefunden werden“. Da aus der Evolutionstheorie (ET) die genau entgegengesetzte Vorhersage folgt, ist der erfolgreiche Test der evolutionstheoretischen Erwartungen gleichzeitig auch eine Widerlegung dieser Behauptung. Angesichts dessen bleibt Kreationisten gar nichts anderes übrig, als die immer zahlreicher werdenden „connecting links“ entweder zu evolutionär irrelevanten Mosaikformen zu erklären (bzw. den existierenden „Grundtypen“ zuzurechen) oder sie einfach zu ignorieren. Hier werden unter scheinbar wissenschaftlichen Kriterien Vorgaben gemacht, die nicht mehr ergebnisoffen sind, weil ein Rahmen vorgegeben wird, in den nur Deutungen einfließen, welche die Vorgaben bestätigen. Wenn sie nicht bestätigt werden, fallen sie unter den Tisch. So ergeben sich Deutungen und Konstrukte, die mit der Realität kaum etwas zu tun haben oder sie verzerren. Wir werden im weiteren Verlauf des Interviews sehen, wie JUNKER seine Arbeitsweise als sog. „Schöpfungswissenschaft“ präsentiert. Mit Wissenschaft im klassischen und eigentlichen Sinne hat das freilich nichts zu tun, es  handelt sich um eine lupenreine Pseudowissenschaft (vgl. NEUKAMM/BEYER 2009, Kap. II) und stellt außerdem einen äußerst fragwürdigen Umgang mit der Bibel dar, die als Naturkundebuch gelesen und mit kaum zu haltenden Deutungen belegt wird.

weiterlesen(pdf, 19 S.)

2 Comments

  1. Was mich immer wieder an dem vorgebrachten ‚Argument‘ der fehlenden Bindeglieder amüsiert ist, dass diejenigen, die es vorbringen, damit ihren Gott auf den ‚god of gaps‘ reduzieren. Einige sind anscheinend so weitblickend, dass sie diese Gefahr erkennen und, um dem vorzubeugen, fordern sie Übergangsformen als Beleg einer evolutionären Abstammung, die an Lächerlichkeit nicht mehr zu überbieten sind (aber damit durchaus Unterhaltungspotential besitzen, wie die berühmte Crocoduck 😀 zeigt (hier die persiflierte Form: http://ocasapiens-dweb.blogautore.repubblica.it/files/2010/01/Crocoduck1.jpg. Und hier der Beleg, dass die das durchaus ernst meinen: http://www.youtube.com/watch?v=Az8k0uzQ6sA&feature=related).

    Gruß

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  2. Es gibt wohl kaum eine zweifelhaftere Dokumentation als die Bibel, was die Beweisführung und den Wahrheitsgehalt der darin behaupteten und verbreiteten Schöpfungsgeschichte anbetrifft. Somit deklassiert sich die Junker’sche Kritik von selbst. Dieser Mann ist nicht wirklich an Forschung und Wissen interessiert, sein geistiger Horizont beschränkt sich auf stumpfsinnigen Glauben. Ein unbelehrbarer, ignoranter und sturer Religiot eben. wie man sie aus christlichen Kreisen sattsam kennt.

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