DFG gegen Publikationsflut


Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), Bonn-Plittersdorf
DFG, Bonn - Foto:Wikimedia Commons (GFDL)

Manchmal gerät aus dem Blick, dass Evolution  nicht nur eine erd- und biologiegeschichtliche Basistatsache ist, sondern eben auch ein Entwicklungsprinzip in der gesellschaftlichen und individuellen Alltagspraxis.

Ohne stetiges Weiterentwickeln der Ziele, Strukturen und Ordnungs-Regeln verkommt jedes gesellschaftliche Handeln zu unproduktivem Gewusel und Auf-der-Stelle-Treten. Die bedrückenden Verhältnisse in den meisten islamisch geprägten Staaten sind dafür ein abschreckendes Beispiel.

Doch auch in dynamischen Sektoren wie dem westlichen Wissenschaftsbetrieb entstehen laufend Fehlentwicklungen. Die Konzentration der staatlichen Förderfinanzen auf die Forschung bei gleichzeitiger Vernachlässigung der Lehre an den Hochschulen gehört dazu. Die Umsetzung des Bologna-Prozesses mit dem Bachelor-System ist uneingestanden eine gescheiterte Bildungs-Reform.

Naheliegender, aber dennoch erst nach vielen Jahren des Schieflaufens jetzt endlich positiv gelöst worden ist ein interner Mechanismus der Forschungsfinanzierung.

Gemäß den gesetzten Anreizen zu hemmungsloser Quantifizierung wurden die Bewerbungen und Bewilligungsanträge innerhalb der deutschen Forschungsbetriebs immer ausufernder. Die Lektüre und Prüfung der eingereichten Unterlagen wurde daher aus Gründen des Zeitaufwands von den Prüfgremien kaum mehr als oberflächlich geleistet. Doch nun wird einiges anders.

Von Armin Himmelrath, Goethe-Institut online

Qualität statt Quantität: Unter diesem Motto hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) neue Regeln zur Forschungsförderung beschlossen. In Zukunft zählt nicht mehr die Länge einer Publikationsliste, sondern ihr Gehalt – ein Paradigmenwechsel für die Wissenschaft. DFG-Präsident Matthias Kleiner erklärt Goethe.de den Sinn der Maßnahme – und wie die deutsche Wissenschaftsszene auf die neuen Antragsregeln reagiert.

Herr Prof. Kleiner, ab 1. Juli 2010 gelten bei der DFG komplett neue Regeln: Wo Wissenschaftler ihren wissenschaftlichen Lebenslauf bisher gerne mit seitenlangen Publikationslisten aufmotzten, dürfen sie in Zukunft nur noch fünf Veröffentlichungen anführen. Begrenzen Sie damit nicht die Aussagekraft solcher Lebensläufe?

Nein, im Gegenteil. Wir haben in den vergangenen Jahren erleben müssen, dass bei der Bewertung von Forscherleistungen die Fixierung auf quantitative Faktoren immer größer wurde. Oft zählte nur noch die reine Zahl der angegebenen wissenschaftlichen Publikationen, nicht mehr der Inhalt; das hat uns ziemliche Sorgen bereitet. Schließlich hängt von solchen Bewertungen ja einiges ab, wenn Sie etwa die Bewilligung von Fördermitteln oder die Einrichtung großer Projekte nehmen.

Ich streite ja gar nicht ab, dass eine quantitative Betrachtung für die Arbeit von Wissenschaftlern manchmal sinnvoll sein kann. Aber eben nur manchmal. Beim Gesamtbild sollte es eindeutig auf den Gehalt und nicht auf die reine Zahl der Artikel ankommen. Wenn nur noch Quantität zählt, dann schadet die Publikationsflut der Wissenschaft. (..)

Und die Gutachter werden sich damit noch intensiver auseinandersetzen müssen. Die entscheidende Frage ist eben nicht mehr: „Wo und wie viel hat er publiziert?“, sondern: „Was hat der Antragsteller vor? Und was hat er schon erforscht?“ Damit setzen wir radikal auf das Prinzip „Qualität statt Quantität“.

Reaktionen weitgehend positiv

Wie reagiert denn der Rest der wissenschaftlichen Welt?

Die Reaktionen sind ganz überwiegend positiv. Gerade aus dem Ausland bekomme ich nach unserem Beschluss immer wieder das Signal: „Wir schauen auf die DFG.“ Natürlich müssen wir jetzt erst einmal abwarten, welche Erfahrungen wir mit den neuen Regelungen machen. Ich denke, dass wir in zwei bis drei Jahren wissen werden, wie effektiv dieser Schritt wirklich war.

Und die Reaktionen aus dem Inland?

Da gibt es natürlich auch kritische Stimmen, etwa mit der Befürchtung, dass die leistungsorientierte Mittelvergabe damit unterlaufen wird. Aber das sind Argumente, die sich innerhalb des bisherigen Systems bewegen – und genau dieses System wollen wir ja überwinden.

Grundsätzlich überwiegen auch hier die positiven Reaktionen, etwa bei der Hochschulrektorenkonferenz oder dem Deutschen Hochschulverband. Und ich habe von einem Uni-Präsidenten gehört, der nach unserer Entscheidung ein Berufungsverfahren gestoppt hat, weil bei der Ausschreibung zu stark auf quantitative Kennwerte Bezug genommen wurde. Das alles zeigt, dass unser Impuls wahrgenommen wird. Es geht hier um einen Paradigmenwechsel in der Wissenschaftskultur – und er scheint zu gelingen.

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