EU prüft Zusatzstoffe neu


Mathe-Relation Abb.
Grafik: Wikimedia Commons (pd)

Einer der Gründe, DeutschlandRadio Kultur gelegentlich einzuschalten oder auf deren Onlineseiten zu gehen, ist die wöchentliche Kolumne sowie Interviews mit dem Lebensmittelchemiker Udo Pollmer.

Was er kürzlich über Nahrungsmittelzusatzstoffe und die Hintergründe der soeben aktualisierten EU-Verordnung dazu mitzuteilen hatte, lässt einem das Lächeln im Gesicht gefrieren. Nach wissenschaftlichen Maßstäben steht also sowohl die Datenbasis der EU-Lebensmittelsicherheit als auch die Verlässlichkeit der toxikologischen Prüflabors auf tönernen Füßen. Das zu hören, schmeckt verdammt bitter.

Da muss viel geschehen, damit einiges drastisch zum Besseren verändert wird. Der erste, wichtigste Schritt dazu besteht darin, es so weit irgend möglich in der EU-Bürgerschaft zu verbreiten. Nur so kann eine kritische Öffentlichkeit aufmerksam werden und Druck entstehen auf das EU-Parlament und die Medien, da endlich mehr zu tun. Jede/r kann dieses Thema verstärken.

Von Udo Pollmer, DeutschlandRadio Kultur

Die EU will Zusatzstoffe für Lebensmittel neu bewerten

Vor wenigen Wochen trat eine neue EU-Verordnung zur Sicherheit von Zusatzstoffen in Kraft. Per Rechtsakt sollen zahlreiche Substanzen wie Konservierungsmittel, Farbstoffe, Emulgatoren oder Süßstoffe erneut toxikologisch bewertet werden.

Die Entscheidung der EU, die Zusatzstoffe für unsere Lebensmittel neu zu bewerten, war längst überfällig. Denn viele Bewertungen sind uralt. Sie stammen noch von einem Gremium der Weltgesundheitsorganisation. Nun soll die EFSA, die Lebensmittelbehörde der EU, die Daten neu auswerten. (..)

Je mehr Fertigprodukte, desto mehr Zusatzstoffe nehmen wir auf. Und wenn die sogenannte duldbare tägliche Aufnahme bei einem Stoff überschritten wird, dann werden einfach ein paar Zusätze mehr zugelassen und schon verteilt sich die Zufuhr auf mehr Stoffe. Rein statistisch – versteht sich. So geschehen bei den Süßstoffen, genau deshalb gibt es da immer mehr.

Was von den bisherigen Studien zu halten ist, weiß die EU-Kommission nur zu gut. Nämlich herzlich wenig. Um 1990 ließ sie überprüfen, was die toxikologischen Labors so taugen. Dazu gab es einen sogenannten Ringversuch. Dabei bekommen die Labors eine Probe einer unbekannten Substanz, die sie dann an Tieren testen. Die Ergebnisse der Ringversuche waren schlicht verheerend. Die allermeisten Schäden wurden erst gar nicht erkannt. Und das obwohl sich die Experten – weil sie selbst auf dem Prüfstand standen – besonders angestrengt hatten. Nicht gerade sehr vertrauenswürdig.

Wie mau die Datenlage tatsächlich ist, zeigt ein Aufruf der Vereinigung der Lebensmitteltechnologen in den USA. Darin bat sie verzweifelt um gesundheitliche Daten für wichtige Zusatzstoffe. Die würden dringend gebraucht, um die Stoffe im internationalen Handel mit Lebensmitteln weiterhin benutzen zu können. Das fordert nämlich eine weitere Organisation, diesmal der sogenannte Codex Alimentarius. Der nämlich legt die Regeln für den Welthandel mit Lebensmitteln fest.

Es gibt also gute Gründe, unsere Zusatzstoffe erneut auf den Prüfstand zu stellen. Die EU nimmt sich dafür auch Zeit. Viel Zeit. Insgesamt bis zu zehn Jahre. Doch warum dauert das alles so lange? Offensichtlich soll der Lebensmittelwirtschaft genug Zeit eingeräumt werden, nachträglich noch jene Daten zu fabrizieren, die man benötigt, um das Gesicht zu wahren. Da die Studien aber nicht von neutralen Sachverständigen stammen, sondern von den Firmen, ist auch in Zukunft Skepsis angesagt.

Insgesamt sind die Vorgaben der EU auch bei kritischer Wertung ein Fortschritt gegenüber dem deutschen Zusatzstoffrecht. Denken Sie nur an die Enzyme. Bei uns waren diese heimlichen Helferchen allesamt ohne gesundheitliche Prüfung zugelassen. Es war nicht mal rauszukriegen, was denn da alles ins Essen kam. Diese Geheimniskrämerei hat die EU beendet.

Seither wissen wir, dass für Lebensmittel satte 210 unterschiedliche Enzyme eingesetzt werden. Die meisten davon stammen aus gentechnisch veränderten Mikroben. Zumindest eine Handvoll Enzyme wird noch aus echten tierischen Drüsen gewonnen. Ja, es gibt sie noch, die natürlichen Zusätze! Aber wo man diese einsetzt, darüber werden sich die Etiketten auch in Zukunft ausschweigen. Der Lobby sei dank. Mahlzeit!

Literatur:
Verordnung (EU) Nr. 257/2010 der Kommission vom 25. März 2010 zur Aufstellung eines Programms zur Neubewertung zugelassener Lebensmittelzusatzstoffe gemäß der Verordnung (EG) 1333/2008 des Europäischen Parlaments und des Rates über Lebensmittelzusatzstoffe. Amtsblatt der Europäischen Union com 26.3.2010 L80/19

Gürtler, R.: Sicherheit von Lebensmittelzusatzstoffen aus nationaler und EU-Sicht. Bundesgesundheitsblatt – Gesundheitsforschung – Gesundheitsschutz 2010; 53: 554-560

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5 Comments

  1. Ich will keine Vorschriften machen, ich habe meine Meinung zu solchen Themen kundgetan. Und das werde ich sicherlich auch weiterhin machen, auch wenn sich manche damit angegriffen fühlen.
    Ich hoffe mal, dass ich damit nicht allzuvielen Leuten auf den Schlips trete, aber es es gibt mehr als eine definierte Meinung davon, wie wir es uns auf diesem Planeten einrichten (sollten).

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  2. Ob e. coli meine Lebensmittelzusätze (unfreiwillig) herstellt kann mir ziemlich egal sein, der Rest ist aber gut zu wissen.

    PS: Das Bild verstehe ich nicht. Zusatzstoffe sind surjektive Abbildungen? 😉

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  3. Da ist jetzt schon wieder ein Artikel der NICHTS mit Brights oder Religionskritik zu tun hat. Dieses Blog sollte meiner Meinung nach nicht dazu verwendet werden, um jemanden seine persönliche Sicht von der Welt aufzwingen zu wollen („es uns passt oder nicht“), sondern sich kritisch mit Religionen und deren Auswirkungen auseinanderzusetzen.
    In meinem persönlichen Umfeld sind die meisten Atomkraftgegner übrigens alle religiös angehaucht, und haben dann zugleich auch Angst vor Mobilfunk und therapieren sich dagegen mit Homöopathie.
    Ich möchte hier jetzt über diese Themen (Klima und Atomkraft) nicht weiter diskutieren, da das wohl zu einem Endlosthread führen würde, ich kein Lobbyist bin, aber bequem, und deshalb trotzdem nicht auf meinen Strom aus der Steckdose für die 50″-Plasmabildschirme und die Klimaalage verzichten werde. Und man kann nicht alle Wissenschaftler, die nicht der Mainstreammeinung anhängen (die Erde ist eine Scheibe, Atomkraft ist böse, CO2-Sparen stoppt den Klimawandel), pauschal Verurteilen. Und selbst wenn, das hier ist das falsche Forum.

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    1. Roland Kemer

      Da ist jetzt schon wieder ein Artikel der NICHTS mit Brights oder Religionskritik zu tun hat. Dieses Blog sollte meiner Meinung nach nicht dazu verwendet werden, um jemanden seine persönliche Sicht von der Welt aufzwingen zu wollen („es uns passt oder nicht“), sondern sich kritisch mit Religionen und deren Auswirkungen auseinanderzusetzen.

      Wenn du keine Ahnung hast, was Brightsbewegung bedeutet, einfach die Klappe halten. Dieser Blog ist nicht nur auf Religionskritik beschränkt und wir werden uns wie bisher auch zukünftig zu Themen äußern, die uns interessant erscheinen. Du meinst doch nicht etwa im ernst, dass du hier Vorschriften machen kannst?

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  4. ja, ist ein bekanntes Kulturelles Problem.

    Schon bei Marx war zu lesen, ab so und so vielProzent Profit geht es locker über Leichen…

    Scheußlich, aber leider wahr.

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