Katholiken, die Infoblockierer


Auster
Auster (Foto: Wikimedia Commons, CC-by-sa/3.0 by David Monniaux)

Die katholische Kirche erhält in diesem Jahr den Negativpreis „Verschlossene Auster“. Die Journalistenvereinigung „Netzwerk Recherche“ verlieh die Skulptur bei ihrer Jahrestagung in Hamburg stellvertretend an die Deutsche Bischofskonferenz. Die Römisch-Katholischen respektierten den Anspruch der Öffentlichkeit auf vollständige Informationen nicht und widersprächen damit eigenen Werte-Postulaten von Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit, teilte die Jury mit.

Thomas Leif, Vorsitzender von „Netzwerk Recherche“, erläuterte, die katholische Kirche habe nur selten Bereitschaft zur Aufklärung gezeigt und stattdessen recherchierende Journalisten behindert, auch mit rechtlichen Mitteln wie Abmahnungen und Unterlassungserklärungen.

Exkurs: Über die Austern

Austernschlürfen
Foto: Wikimedia Commons (pd)

Ein Trugschluss von Nicht-Kennern ist das Lauern auf wertvolle Perlen. Nur bei sehr speziellen Austernarten entsteht eine große, kugelrunde Perle. Bei den kulinarischen Austern ist diese Perlenbildung extrem selten. Falls sich doch eine bildet, so ist sie kaum jemals größer als ein bis zwei Millimeter, sie ist unansehnlich und wertlos. Derartig kleine Perlen werden in der Regel beim „Schlürfen“ nicht wahrgenommen. Es ist so gut wie ausgeschlossen, beim Öffnen einer kulinarischen Auster eine wertvolle Perle zu entdecken.

Doch auch die biologisch-ökologischen Aspekte verdienen erwähnt zu werden. Der Austernbohrer ist eine Schnecke, die mittels einer raspelartigen Zunge die Schale einer Auster durchbohren kann. Durch das entstandene Loch holt sie dann mit der Zunge das Fleisch der Auster stückweise heraus. Auch viele Krebstiere wissen Austernfleisch zu schätzen; sie knacken die Schale mit ihren Scheren. Auch Möwen machen gelegentlich Jagd auf kleine Austern. Sie nehmen die Auster in den Schnabel, steigen mit ihr auf, lassen die Muschel dann über hartem Grund fallen.

Das kalte Herz der Kirche

Von Heribert Prantl, Süddeutsche Zeitung

Es gibt sie überall. In Behörden und Verbänden, in Firmen und Parteien, bei Banken und Vereinen: Die Vertuscher, die Verleugner und die Verheimlicher. Wer sich in diesen Disziplinen im Laufe eines Jahres besonders hervortut, hat gute Chancen, die Verschlossene Auster zu gewinnen, den Kritik-Preis der Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche.

In diesem Jahr wird der Preis zum neunten Mal verliehen. Er steht als mahnendes Symbol für mangelnde Offenheit und Behinderung der Pressefreiheit von Personen oder Organisationen gegenüber den Medien.

Dieses Jahr geht der Kritikerpreis an die katholische Kirche für ihren Umgang mit dem Missbrauchsskandal. „Die deutschen Bischöfe geben bei der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle nur die Tatsachen zu, die sich nicht mehr leugnen lassen. Die katholische Kirche respektiert den Anspruch der Öffentlichkeit auf frühzeitige und vollständige Information nicht und widerspricht damit ihren eigenen Werte-Postulaten nach Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit“, sagte Thomas Leif, Vorsitzender von Netzwerk Recherche, zur Jurybegründung.

Stellvertretend für sie nahm Matthias Kopp, Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, den Preis entgegen. Die Laudatio, im Folgenden dokumentiert, hielt Heribert Prantl, Ressortleiter Innenpolitik der Süddeutschen Zeitung. (..)

Die Diskussion über den Zölibat samt der Sexualität der Priester ist ein Tabu, die Diskussion über die katholische Sexuallehre ist ein Tabu, das Reden über Verhütung ist tabu. Wenn es so viele Tabus gibt, gibt es keine Wahrhaftigkeit mehr. Die Institution, die diese Tabus aufgestellt hat, geht den heiklen Fragen aus dem Weg, weil sie keine Antworten geben will. Und wenn die Fragen gleichwohl drängend werden, schlagen die Antworten Haken wie der Hase auf der Flucht. (..)

Wenn beispielsweise das Bistum Regensburg gegen das Online-Portal Regensburg Digital klagt, wenn sie Kritiker zum Schweigen bringen will, und sich die deutsche Bischofskonferenz weigert, dazu eine Stellungnahme abzugeben, dann mag das zwar juristisch zulässig sein, aber es ist eine Demission.

Die Kirche redet wenig, die Opfer reden viel. Aus der Schweigespirale ist eine Redespirale geworden; darüber mäkeln kann nur der, der die Opfer nicht kennt. Seitdem der mutige Pater Klaus Mertes als Rektor des Berliner Canisiuskollegs der Jesuiten im Januar 2010 in einem Brief an 600 ehemalige Schüler die jahrelangen sexuellen Übergriffe durch Lehrkräfte an seiner Schule öffentlich bekannt hat, haben Opfer im ganzen Land den Mut zum Reden gefunden. (..)

Die Amtskirche, bis hinauf zu dem Mann, der heute Papst ist, hat seinerzeit neue Verbrechen an Kindern nicht konsequent verhindert, als sie von den alten Verbrechen erfahren hat. Sie hat pädophile Priester einfach woanders hinversetzt, sie hat die Fälle von sexueller Gewalt an Schutzbefohlenen der Kirche viele Jahre systematisch verschleiert. Und erst in jüngster Zeit hat sie begonnen, die Schleier abzulegen und wegzureißen – gedrängt von den Opfern und den Medien.

In der Kirche wird nun Klage geführt darüber, dass dieses Drängen nicht immer in ziemlicher Form geschehe, es wird Klage geführt über den Zorn, die Wut und den Hass, der angeblich in diesem Drängen steckt. Ja, es gibt diesen Zorn, diese Wut und es gibt vielleicht auch Hass – es wäre ein Wunder, wenn es nicht so wäre. Hässliches erzeugt Hass. Eine Kirche, die sich ja als Fachinstitution für den Umgang mit Verfehlungen begreift, darf sich darüber eigentlich zuallerletzt wundern.

Ich selber wundere mich eher darüber, wie wenig reißerisch, wie sachlich und sorgfältig die Berichte über sexuelle Gewalt und Misshandlung trotz alledem ganz überwiegend waren und sind. Der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller sieht seine Kirche von den Medien viel zu hart angepackt, er sieht bösartige Kräfte am Werk; er sieht die Kirche einer Verfolgung ausgesetzt wie unter dem Nationalsozialismus. In der Wortwahl steht er alleine. Aber in vielen Predigten wird die Kirche als verfolgte Unschuld präsentiert, bedrängt von einer feindlichen Kampagne, gejagt von antiklerikalen Journalisten, die angeblich aus Lust an der Zerstörung der letzten moralischen Anstalt handeln.

Der Regensburger Bischof Müller hat den Journalisten, die über die Regensburger Domspatzen recherchierten, öffentlich „kriminelle Energie“ bescheinigt. Gegen die Kirche, so sagt er, wird gezischt, „als ob man gerade in einem Gänsestall hier die Gänse aufgeweckt hätte“. In einer Predigt sprach er von „missbrauchter Pressefreiheit“ und von einer „Diffamierungs-Lizenz, mit der man scheinbar legal all diejenigen Personen und Glaubensgemeinschaften ihrer Würde beraubt, die sich dem totalitären Herrschaftsanspruch des Neo-Atheismus und der Diktatur des Relativismus nicht fügen.“ Es wird bei dieser Medienschelte, bei dieser Verfluchung so getan, als seien die Skandale nicht in der Kirche entstanden, sondern ihr von außen angetan worden.

Der Vorwurf „antikatholischer Propaganda“ wird auf den Webseiten der Regensburger Ordinariats erhoben, von einer „primitiven Manipulation und gezielten Volksverdummung“ ist die Rede und von einem Journalismus, der „die Wahrheit so unverschämt niederhält“, expressis verbis auch in Bezug auf die Süddeutsche Zeitung.

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3 Comments

  1. @tischl

    Moral und Goetter: Es war schon Sokrates, der darauf hinwies, dass es der Natur einer Gottheit im Grunde widersprechen muesste, moralisch zu handeln – und wenn wenn uns das Gemetzel besonders im Alten Testament anschauen, so scheint er wohl recht gehabt zu haben. Auch wenn Sokrates wohl eher an die kl. Schmuddelgeschichten des Zeus, Apoll und anderer dachte (der Christen-/Juden-/Moslemgott spielt da schon in einer ganz anderen Kategorie).

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  2. „…Die deutschen Bischöfe geben bei der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle nur die Tatsachen zu, die sich nicht mehr leugnen lassen…“

    Weshalb lässt sich ein allwissender und allmächtiger Gott eigentlich von so einem fragwürdigen Verein auf Erden vertreten? Hat er keine Moral oder nur einen seltsamen Geschmack? Eigentlich auch nicht so verwunderlich, hat er bisher doch noch jedem Völkermord — in unendlicher Liebe? — zugesehen. Verglichen damit sind die paar missbrauchten Ministranten eine Kleinigkeit – eben nicht der Rede wert…

    Wahrscheinlich braucht man inzwischen 5 Semester Theologie — oder 5 Flaschen Messwein — um in dieser Kirche eine „…frohe Botschaft…“ erkennen zu können.

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