Wissenschaftssprache Deutsch


Is it freewheeling? (GFDL-Lizenz by Katharina Bleuer, 2004)

Vor dem Hintergrund der Globalisierung verliert Deutsch als Wissenschaftssprache an Boden. Insbesondere bei Natur- und Ingenieurwissenschaften hat sie an Ansehen eingebüßt. Damit die deutsche Sprache international nicht bedeutungslos wird, hat sich eine Bewegung gegen die Monopolstellung des Englischen gebildet. Darunter ist auch das Goethe-Institut. Was will die sprachpolitische Offensive?

Goethe-Institut

Deutsch als Wissenschaftssprache ist in die Defensive geraten. Das erlebt Kai O. Arras täglich. Mit seinen Kollegen tauscht sich der 39-jährige „Junior Research Leader“ für Robotik an der Universität Freiburg auf Englisch aus. Fachaufsätze gibt es nur im englischen Idiom. Von einem ästhetischen Erlebnis ist die Lektüre vielfach weit entfernt: „Bei einem Paper aus Japan mache ich mich auf das Schlimmste gefasst“, meint der Ingenieur. Höchstens 20 Prozent der wissenschaftlichen Aufsätze, die er regelmäßig liest, sind seiner Meinung nach in gutem Englisch geschrieben. Übersetzungen? Fehlanzeige.

Diktatur der Ranglisten

Eines Tages wurde es Ralph Mocikat deshalb zu bunt. Das war, als der Mediziner und Immunologe Zeuge wurde, wie selbst auf Kongressen mit deutschem Publikum Vorträge nur noch auf Englisch abgehalten wurden. Diese Selbstaufgabe der eigenen Wissenschaftskultur veranlasste den Professor, 2007 den „Arbeitskreis Deutsch als Wissenschaftssprache“ (ADAWIS) zu gründen. Er setzt sich für sprachliche Vielfalt ein und für die Erhaltung der Wissenschaftstauglichkeit der deutschen Sprache. Der Arbeitskreis konzentriert sich auf Naturwissenschaften, Informatik und Medizin, weil das Fachbereiche sind, in denen laut ADAWIS die Anglisierung besonders weit fortgeschritten ist.

Warum geben deutsche Forscher heute ihre Muttersprache so bereitwillig auf? Immerhin war das Deutsche früher in Geistes- und Naturwissenschaften auch Weltsprache. „Aus Sorge, dass ihre Beiträge von der anglophonen Welt nicht genügend zitiert werden könnten“, beantwortet Mocikat diese Frage – ein Umstand, der zwangsläufig zu einem immer weiter fortschreitenden Rückgang deutschsprachiger Beiträge in den wichtigen Zitatendatenbanken führt.

Hier tanzen Wissenschaftler um ein goldenes Kalb: den sogenannten Impaktfaktor. Nur wer häufig in ausgewählten, international angesehenen Zeitschriften zitiert wird, kommt in den Genuss einer hohen Bewertung. Laut Mocikat schließt man dabei vom Rangplatz der wissenschaftlichen Zeitschrift auf die Qualität der Arbeiten, die ein Autor darin publiziert. Nicht immer zu Recht. Der Impaktfaktor wird von dem amerikanischen Privatunternehmen Thomson Reuters ermittelt und in den Journal Citation Reports (JCR) veröffentlicht. Mocikat fordert daher auf lange Sicht als Gegengewicht eine europäische mehrsprachige Zitatendatenbank.

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6 Comments

  1. 1. „Der Impaktfaktor wird von dem amerikanischen Privatunternehmen Thomson Reuters ermittelt und in den Journal Citation Reports (JCR) veröffentlicht. Mocikat fordert daher auf lange Sicht als Gegengewicht eine europäische mehrsprachige Zitatendatenbank.“ Gibt es nachvollziehbare, rationale Argumente gegen eine solche mehrsprachige Zitatendatenbank? Dieses US-Privatunternehmen ist doch strukturell beinah so bias-trächtig wie die drei sogenannten Ratingagenturen im Finanzsektor, ebenfalls US-Privatfirmen.

    2. Um es nochmals deutlich zu sagen: es geht um ein weg von der Alles oder Nichts-Pseudologik. Englisch ist und bleibt so oder so wichtigste internationale Sprache. Aber das erfordert keineswegs die Selbstaufgabe der deutschen Sprache in den Wissenschaften!

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  2. Der Vorteil der engl. Sprache ist eine realtiv einfache Grammatik, was den Austausch auf einen geringen sprachlichen Niveau unheimlich erleichtert. waerend Deutsch, Latein und, zwischen ca. 1650 und ca. 1870, Franzoesisch (Leibniz z.B. veroeffentlichte in Franzoesisch) hier eine komplexere Struktur besitzen.

    Als jemand, der seit ueber 10 Jahren in London lebt, etwas zu dem Vorurteil Englisch sei eine einfache Sprache:

    Bis einem gewissen Masse stimmt dies, aber der tatsaechliche Gebrauch der engl. Sprache ist so farb- und schattierungsreich, dass dieser fuer jemand, der nicht ueber Jahre sich dieser Sprache taeglich bedient, kaum moeglich ist, dies zu verstehen. Fuer jeden, der meint, dass sein englisch gut, empfehle ich einmal sich eine Ausgabe z.B. von Private Eye zu kaufen oder „Yes Minister“/“Yes Primeminister“ im Orginal, um zu sehen, ob sein Englisch wirklich so ist, wie er denkt.

    Das Englisch, das Briten untereinander verwenden, ist ein erheblich anderes als das international verwendet wird.

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  3. @Rheinländer:
    Genau so ist es. Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt wurden die Chemical Abstracts u.a. deswegen gegründet, weil die Amerikaner der Meinung waren, sich in den deutsch dominierten chemischen Fachpublikationen nicht ausreichend berücksichtigt zu sein.

    Eine lingua france kann der Wissenschaft nur von Vorteil sein. Früher war es eben Latein und heute ist es Englisch. Es ist müßig darüber zu diskutieren, ob es ‚geeigneterere‘ Sprachen als Englisch gibt oder nicht. Deutsch hatte mal eine ähnliche Stellung, aber diese Stellung wurde eben durch eigene Schuld aufgegeben. Und ich wage zu bezweifeln, ob die als Bsp angeführten japanischen Beiträge bei der Verwendung von Deutsch besser wären. Es ist auf der anderen Seite natürlich lächerlich, bei einem rein ’nationalen‘ Kongress diesen nicht in der Landessprache abzuhalten. Das ändert aber nichts an den Vorteilen einer globalen Wissenschaftssprache (die eben Englisch ist).

    Gruß

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  4. Vielleicht sollte man darauf hinweisen, dass Deutsch zum Anfang des 20. Jhrdts. wirklich weltweite Wissenschaftssprache war, bis Hitler auf die Idee kam, aus der dt. Wissenschaft eine Nazi-Wissenschaft zu machen, und so einen ganzen Schwung der besten Koepfe aus Deutschland vertrieb, und die Universitaeten in GB und den USA Zufluchtstaetten des Geistes wurden.

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  5. Ein Zitat aus dem Jahre 1846:

    „Wie in meiner ‚Lehre vom Menschen‘ so war ich auch in diesem Werke nach dem Beispiele meines hochverehrten Lehrers bemüht, mich einer möglichst deutschen Ausdrucksweise zu bedienen. Wenn wir Deutsche uns etwas darauf zugutthun dürfen, in der Neuzeit die vorwaltenden Pfleger der Philosophie zu sein: so kann es uns sicherlich nicht zur Ehre gereichen, wenn wir unsere Wissenschaftsprache so wenig ausbilden, und wir den reichen Schatz der Bezeichnungen, welche unsere ureigenthümliche Muttersprache darbietet, so wenig benützen. Die unserm Volkgeiste fremden Ausdrücke sind es gerade, welche die fruchtbaren Ergebnisse deutscher Wissenschaft unseren Volksgenossen so wenig zugänglich machen. Wer sein Vatervolk liebt, es in geistiger und sittlicher Beziehung wahrhaft heben will, der kann dieses nur dadurch, daß er es in einer dessen Geist und Gemüth ansprechenden Weise anregt. Dieses geschieht aber am wirksamsten mittelst der Muttersprache; während fremdsprachliche Ausdrücke, wenn auch verstanden, nicht so eindringlich zur Seele sprechen. Ein jeder Versuch, unsere Wissenschaftsprache deutscher zu machen, sollte daher statt belächelt und bekrittelt freudig aufgenommen, mißlungene Ausdrücke sollten möglichst verbessert, nicht ganz entsprechende wenigstens so lange geduldet werden, bis man bessere an deren Stelle setzen kann. Was man auch gegen solche Bemühungen einwenden möge, kein biederer Deutscher sollte sich fortan davon zurückschrecken lassen, vielmehr darin eine zähe Ausdauer bewähren. Hoffen wir, daß die Zukunft auch in dieser Hinsicht der deutschen Wissenschaftforschung mehr Ehre bringt als Vergangenheit und Gegenwart!“

    (Heinrich Simon Lindemann, „Die Denkkunde oder die Logik“, 1846, ix + x.)

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  6. Bei allem Verständnis dafür, dass wir die deutsche Sprache erhalten wollen. (was ich gut finde!)

    Es gibt jedoch defakto eine wissenschaftliche Globalisierung, die niemand aufhalten kann oder will. Dabei ist es elementar, dass man auf einer gemeinsamen Basis arbeitet. Und das geht nur mit einer gemeinsamen Sprache.

    Dass nicht die deutsche Sprache diese gemeinsame ist, haben unsere Vorfahren im 20. Jahrhundert nunmal grundlegend verbockt und unsere jetzige Politik macht damit weiter, in dem sie die deutsche Hochschullandschaft kaputtsparen will.

    Im Übrigen: Wie soll denn ein internationaler Wissenschaftsbetrieb ablaufen, wenn jeder an seiner Muttersprache festhält? Das Schöne ist doch, dass sich zur Zeit jeder Wissenschaftler relativ problemlos in einer ausländischen Arbeitsgruppe zurecht finden kann, ohne die sprachliche hürde als Hinderniss.

    Auf den Impact Factor zu schimpfen ist eine Sache, es als sinnvoll darzustellen, dass jedes Land in seiner Landessprache publizieren sollte, ist doch an lächerlichkeit nicht mehr zu überbieten. Soll jeder das Rad neu erfinden? Soll internationale Zusammenarbeit zurückgefahren werden?

    Für mich ist das seeehr viel heiße Luft.

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