Heldenbild als Trugschluss


Homerische Schlacht
Kampfszene (Public Domain)

Der „Held von Solln“, Blumen, Teddybären, das Bundesverdienstkreuz, der bayerische Verdienstorden – im Tod hat Dominik Brunner viel Aufmerksamkeit erfahren. Die Demontage des Heldenbildes vor Gericht fällt nun umso drastischer aus. Das Publikum will Helden, und nichts liebt es mehr als einen wie du und ich, der im entscheidenden Moment über sich hinauswächst.

Marcus Hammerschmitt, telepolis

Die besten Helden, die deutschen Meister der Herzen sind demnach nicht immer diejenigen, die siegen, sondern diejenigen, die kämpfend untergehen, und Dominik Brunner war einer, der im Tod dieses Paradigma aufs i-Tüpfelchen zu bestätigen schien: Normaler Bürger trifft auf dem Nachhauseweg auf das unheilvolle Treiben gewaltbereiter Jugendlicher. Der normale Bürger beschützt die von diesen gewaltbereiten Jugendlichen bedrohten nichtgewaltbereiten Jugendlichen und büßt dafür mit dem Leben. Die Presse überschlug sich vor Begeisterung, klarer konnten das Gute und das Böse nicht verteilt sein.

Nun gab es schon von Anfang an Stimmen, die zur Vorsicht rieten. Als die Zeit jüngst die Kampfsporterfahrung Brunners geklärt haben wollte und leise Zweifel an seinem Heldenstatus aufkommen ließ, traf sie bei den Aktivbürgern, die aus seinem Tod den Grund für bürgerschaftlichen Aktivismus gestrickt haben, auf Schweigen.

Auslegungsbedürftige Vorkommnisse

Spätestens nach den ersten Aussagen vor Gericht ist nun aber klar, dass die Vorkommnisse zumindest auslegungsbedürftig sind: Mehrere Zeugen haben bestätigt, dass Brunner nicht nur zuerst zugeschlagen, sondern den für ihn letztlich tödlichen Kampf regelrecht herausgefordert hat, durch aggressives Herumtänzeln in Boxerart (die ihm von seinem Kickboxtraining in den Neunzigern her vertraut war), über starke Sprüche, bis hin zu Geschubse.

Das macht die Angeklagten noch lange nicht zu harmlosen Jugendlichen, die sich bloß mal einen Spaß erlauben wollten. Was hormongesteuerte männliche Jugendliche unter Alkoholeinfluss in öffentlichen Verkehrsmitteln mit dem Verkehrsmittel, sich selbst und anderen anstellen, hat oft genug mit Spaß nichts mehr zu tun, und Fakt ist und bleibt, dass Markus S. und Sebastian L. einen Menschen getötet haben.

Aber es kann gut sein, dass sie nicht die Monster sind, zu denen die Presse und das Publikum sie aufgepumpt hat, und dass Dominik Brunner nicht der strahlende Held war, sondern jemand, der in einer brenzligen Situation handeln wollte, übers Ziel hinaus schoss und seine körperlichen Möglichkeiten überschätzte – dies möglicherweise im Wissen um ein erhöhtes Grundrisiko auf seiner Seite: Wie sich jetzt herausstellte, hatte Brunner einen Herzfehler, der im Zusammenspiel mit den Verletzungen durch seine jugendlichen Gegner anscheinend den Tod Brunners herbeigeführt hat.

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1 Comment

  1. Das Stilisieren von Helden und das Stilisieren von Monstern hängt ja eng miteinander zusammen.

    Ich selbst hab aber schon öfter erlebt, wie Menschen gern mal weggucken, und finde nach wie vor GUT, wenn mal jemand Zivilcourage zeigt.
    Daß das nicht perfekt läuft, und der Mann auch ein wenig übertrieben hat – nun ja.
    Perfektion ist Illusion.
    Wenn man sich aber ansieht, was für die bedrängten SChulkinder raussprang, nämlich daß sie erst mal aus dem SChneider waren, so war es wohl doch eher ein Erfolg.
    Daß der mann dann den Löffel abgegeben hat, ist ein Unglücksfall. Die beiden Burschen sind damit nicht rehabilitiert.

    und er hat zuerst zugeschlagen? Je nun, wer mit den Wölfen reden will, muß in ihrer Sprache heulen…
    Das ist die innere Logik der Gewalt, und mti braven Pastorensprüchen hätte keiner die beiden Beutezügler von ihrer „fetten“ Beute Schülerchentaschengeld abgezogen….

    iss mir auch schon passiert, wurde von einem Dreiergrüppchen angegangen – am Tage und mitten im Stadtzentrum – die mir in die Taschen langten. Ich ging ganz automatisch in Kampfstellung und hätte nicht gezögert, aber sie waren schneller und zischten ab.
    Mit „he, meine lieben herren, bitte laßt das“ wärs wohl anders ausgegangen. netter für die Jungmänner, weniger nett für mich.
    Und bin ich damit gewaltbereit? Sicherlich. Der erste hätte sicher eins auf die glocke gekriegt. Ich bin nicht zu billig zu haben…

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