Hund als Spiegel seines Herrn


Bullterrier
Bullterrier (CC-by-sa/3.0 by Lilly M)

Einen bemerkenswert scharfsinnigen kleinen Essay zu „Herrenmensch und Hund“ hat der kulturkritische Schriftsteller Frank Lisson für das „politische Feuilleton“ verfasst, aus vielerlei Lesefrüchten zusammengetragen. Obschon er als Kultur-„Philosoph“ ausgewiesen wird, darf man ihn rühmen, dass er keineswegs nur längst vergangene „Sittenbilder“ und literarische Anekdoten aufführt, sondern die Gegenwart im Blick hält.

Die Hunde(schiet)-Metropole Berlin wird mit Peter Fox prägnant aufgespießt. Ich vermisse Dany Dziuks „Das war nicht der Hund“ über die peinliche Täter-Opfer-Umkehrung vieler Hundebesitzer.

Auch das flehentliche Betteln zahlreicher Kinder um einen eignen Hund hätte vielleicht in der ironischen Brechung einer Birgit Vanderbeke oder eines Ernst Kahl gut gepasst. Ach je, das Thema sprengt vorgegebene Platz-Limits. Das muss man einsehen. Da reicht’s dann eben nur für Sch… am Schuh.

Jedenfalls rückt das Herrchen-Motiv viel mehr pralles Leben aus Deutschland ins Spot(t)licht als ein weiteres Skandälchen aus der Elends-Chronik der deutschen katholischen Bischofskonferenz. Chief Zollitsch hat da ein ähnlich delikates Problem wie jüngst die amtsmüde Protestanten-Bischöfin Jepsen. Manchmal sind Hunde leichter zu ertragen als Bischöfe. So kommt es einem zumindest vor.

Der Hundehalter ist mehr Mensch als jeder andere. Man beobachte homo sapiens, in welchem Verhältnis er zu seinem Hund steht, und man erfährt im Grunde alles über Wesen und Tragik der eigenen Spezies. Etwa, wenn homo sapiens Stöckchen wirft. Der lauernde, heiter-begierige Blick des Hundes.

Von Frank Lisson, DeutschlandRadio Kultur

Das Tier als Spiegel der menschlichen Spezies

Wie er in Stellung geht, wartend, endlich lossprinten zu dürfen, um seinem Herrchen die Beute vor die Füße zu legen. Es folgt die gönnerhafte, überlegene Geste: braver Hund! Dann der beliebte angetäuschte Wurf. Hund läuft los … aber kein Stöckchen, nirgends. Hund kommt zurück, wenn es sein muss, zehnmal. Und keiner von beiden verliert je die Freude daran. Ja, man versteht sich.

Zum „Herrentum“ des Menschen gehörte lange das Hundehalten als Ausdruck der Macht: Friedrich der Große, Bismarck, selbst Hitler waren demonstrative Hundehalter. Dies ist der Demokrat anstandshalber schon nicht mehr. Bei ihm ist die Lust am Hund ins Private verschoben. Sein „Herrentum“ würde er nicht mehr so nennen, obwohl er es nur ein wenig zivilisiert hat.

Im Hundehalter Thomas Mann können wir den Übergang beobachten. Die Erzählung ‚Herr und Hund‘ von 1919 verrät schon manches über die wachsende republikanische Gesinnung eines sich demokratisierenden Herrn, der jedoch auf einen Rest Aristokratismus nicht verzichten will.

„Ich habe meinem Schmerz einen Namen gegeben und rufe ihn ‚Hund'“, sagt Nietzsche in der ‚Fröhlichen Wissenschaft‘. „Er ist ebenso treu, ebenso zudringlich und schamlos, ebenso unterhaltend, ebenso klug wie jeder andere Hund“. (..)

Immer mehr Menschen bedürfen jedoch des Hundes. Ihre Zahl wächst vor allem in Großstädten kontinuierlich. Doch was sie hinterlassen, bekümmert Herrchen nur selten. Peter Fox schreibt in ‚Schwarz zu blau‘, seiner herb-melancholischen Hymne auf Berlin: „Überall liegt Scheiße, man muss eigentlich schweben, jeder hat ’n Hund, aber keinen zum Reden.“ Der Schweizer greift immerhin zum Belloo-Beutel, auch Kot-Schnappi genannt. Der Deutsche sieht, wie so oft, wenn es stinkt, einfach weg.

weiterlesen

6 Comments

  1. „Das Problem ist nur, dass meine Katze mir ihre Liebe täglich dadurch beweisen will, indem sie mir oft noch lebende Mäuse in die Wohnung bringt“

    Geht uns genauso. Uns wurde mal gesagt, dass die Katze
    uns unfähigen Zweibeinern damit das Mäusefangen beibringen
    will…

    Liken

  2. Ach, naja…
    Hunde sind soziale Säuger, und logischerweise geht ihnen das Rudel über alles. Mit „devot sein“ hat das gar nix zu tun.
    Wenn chefchen sauer nach Hause kommt, und der Hund „devot“ reagiert, reagiert er nur direkt auf die Stimmung – und signalisiert, daß er gaaanz freundlich ist.
    nennt man Deeskalation, würde manchem Menschen auch gut tun…

    Katzen sind keine sozialen Säuger, sondern Solitärwesen. Dafür allerdings akzeptieren sie ihren Nebenmann (zwei- oder 4-Beiner) schon erstaunlich gut…
    katzen sind halt Katzen, und Hunde sind halt Hunde.
    Und wenn man das vermischt, kommt nur Kokolores raus. Ich hab hier nen beknackten Hund, der höchstwahrscheinlich mit Katzen aufgewachsen ist – aber ohne Hunde.
    Der versteht die „Hundesprache“ nicht, es ist ein Jammer (das nervt, kann ich nur sagen, nix klappt, wie es soll, alles geht zäh und langsam…). Der liebt die Katzen hier im Wohngebiet auch heiß, aber die trauen ihm nicht.
    Das macht ihn unglücklich…
    Und ich lege mir keine Katze zu, ich wohne direkt neben einer Fernverkehrsstraße… die Nachbarn haben so ihre eigene Methode, sind jedes Jahr neue Katzen, unkastriert. So kann mans auch machen…

    Um hier aber mal einer alten und schwer auszurottenden Legende ans Bein zu pinkeln: LIEBE ist ein Konzept, mit dem ein Hund nix anzufangen weiß.
    Hunde entwickeln bindung ans rudel. Wir sollten sie nicht mit Gefühlskonstrukten vermenschlichen.
    Da gibt es noch viel mehr Mißverständnisse.
    Was Hunde nicht selten besser hinkriegen als Menschen: ihre hohe soziale Intelligenz.
    Ich sehe so manchen Hund mit ziemlich unwissenden Menschen, bei denen es nur klappt, weil der Hund so unendlich Geduld mit seinen dämlichen Menschen hat….

    Liken

  3. Der Artikel ist pure Küchenpsychologie!

    In Wirklichkeit sind Haustiere, besonders Hunde und Katzen, Lehrer des Menschen. Sie selber können so gut wie nichts vom Menschen lernen, aber Menschen können viel von ihnen lernen.

    Ihre wichtigste Botschaft ist: Lebe im Augenblick. Liebe bedingungslos!

    Liken

  4. Ich bevorzuge Katzen als Haustiere. Hunde sind mir einfach zu devot. Untertäniges Gehabe verachte ich nicht nur bei Menschen, sondern auch bei Hunden. (Das sind doch alles devote Domestiken !)

    Meine derzeitige Hausherrin, eine dreifärbige EHK (= Europäische Hauskatze), ist eine seltene Ausnahme. Sie folgt mir auf Spaziergängen (weil sie es so will) freiwillig kilometerweit. Und wenn ich nach ihr pfeife, kommt sie (weil sie mich liebt) schnurstracks, hocherhobenen Schwanzes angerannt. Kein Witz ! Wir sind in unserer Wohngegend längst eine Sensation. Man verwechsle dies nicht mit devotem Verhalten. Das ist reine, gewachsene Freundschaft und nichts anderes !

    Vor Hunden zeigt sie zudem überhaupt keinen Respekt. „Halten Sie ihre Katze fest !“ empörte sich eine Hundebesitzerin kürzlich, weil meine Maja sich anschickte, sich auf ihre feige Dogge zu stürzen, die den Weg nicht freimachen wollte ! Und – wenn wir im nahegelegenen Wald spazieren gehen, brauche ich Maja nicht – wie einen ungehorsamen Hund – an die Leine zu nehmen.

    Also, wenn ihr mich fragt, dann behaupte ich, dass Katzen die besseren Hunde sind.

    Das Problem ist nur, dass meine Katze mir ihre Liebe täglich dadurch beweisen will, indem sie mir oft noch lebende Mäuse in die Wohnung bringt. Ich weiß wirklich nicht, wie ich ihr beibringen soll, dass ich überhaupt keine Mäuse mag ! Schon gar nicht, wenn sie noch leben und sich hinter einem Kasten oder – wie geschehen – unter meinem Bett verkriechen.

    Liken

  5. übrigens, kichernd stellte ich mir gerade vor, wie ein Blinder seinem Blindenhund mit Tütchen aufhilft.

    Aber vielleicht sollten die einfach daheim bleiben.
    Dann brauchts auch kein Hundetier.

    Liken

  6. naja, Polemik (ganz nett, nicht mehr).
    Der hundefachmann wundert sich (Nietzsches Werk kenne ich nicht so gut, aber manns Herr und Hund hab ich knurrend beiseite gelegt – zu wenig Fachwissen, aber hübsch fabuliert).

    Und das hundekackeproblem.
    Das ist im Ansatz ungelöst.
    Meine Hunde erledigen das auf Kommando, auf einem von mir bestimmten Areal (in der lernphase nicht fehlerlos, zugegebnermaßen – aber erwartungsgemäß).

    Für den Menschen ist die sinnvolle Lösung, die auch etliche jahrhunderte auf sich warten ließ, das Wasserklo mit Spülung.
    Für den Hund, der mitunter als Diensthund oder – noch besser zu verstehen – Blindenhund seinen Job versieht, der leichter als ein Kind angelernt werden kann, seine Körperfunktionen kontrolliert ablaufen zu lassen – gibts nix.
    Tütchen?
    Das ist nur eine Zwischenlösung.
    Wer schon mal 3 Kilometer mit Tütchen in der hand durch die Gegend trabte, weiß das.
    Ich gebe zu – mach ich nicht mehr. Wo ich keine Tonne zum Bunkern sehe, trage ich nichts mehr durch die Gegend.

    Die Innovation steht noch aus. Ein Löseplatz mit Buschwerk drumherum (für die Ästhetik, nicht unbedingt für den Hund) mit Absaugevorrichtung… nur mal als Idee.

    an jeder besch… eidenen kleinen Tankstelle ist ein Staubsauger. Fürs Auto immerhin gibts schon Infrastruktur (die Geschichte des Hundes an Menschenseite ist doch etwas länger als die des Autos…)

    Wo nix vorhanden ist, ist die Lösung halt ein Problem.

    Liken

Kommentare sind geschlossen.