Aufklärung statt Gift


Apollofalter
Apollofalter (CC-by-sa/2.0 by Eddy Van 3000)

„Hier sangen früher Vögel“, war der Titel eines Öko-SF-Buchtitels der 1970er. Viele Schmetterlingsarten drohten auszusterben, das konnte man spätestens in den 1980ern wahrnehmen. Ziemlich genau 30 Jahre nach Erscheinen der Studie „Global 2000“ ist zu fragen, was war und was blieb.

Die meisten der  Schreckensszenarien sind obsolet und aus heutiger Sicht übertrieben gewesen. Andererseits hat die Zahl der (armen) Menschen, der Hunger, die Zerstörung der Urwälder und der bebaubaren Ackerflächen weltweit tatsächlich wie prognostiziert zugenommen. Entwarnung Fehlanzeige. Es sieht so aus, als seien die westlichen Menschen (Medienkonsumenten) eher dümmer (gemacht) worden. Die Medien sind ganz sicher seichter und weniger aufklärerisch als damals.

Die billigen Polemiken der Antiökologen beruhen darauf, dass die meisten Leute wirklich nur ihren Nahbereich wahrnehmen. Wie sollten sie, die mit eigenem sozialem Überleben ausgelastet sind,  anders? Mehr wollen sie auch gar nicht sehen, es sei denn um sich beim Medienkonsum wohlig zu gruseln. Denn im Vergleich zu Lebensbedingungen in der sogenannten Dritten Welt sind bei uns sogar die Armen noch passabel dran.

Nüchtern und wissenschaftlich betrachtet aber haben erst die durch das damalige Erschrecken eingetretenen Einstellungs- und Verhaltensänderungen das Ausbleiben der schlimmsten Phantasien ermöglicht. In anderen teilen der Welt, wo diese Lernprozesse nicht stattfanden, sieht es dementsprechend weit düsterer aus.

Die Evolution ebenso  wie „der Mensch“ lernt am meisten aus „Fehlern“. Aus sicht- und spürbaren Fehlschlägen und unliebsamen Nebenwirkungen entwickelt mancher neue Strategien, die schadärmer und erfolgreicher in die Zukunft führen. Einer davon ist die Erfolgsgeschichte der Naturschützer im Moseltal, die mit einer wissenschaftlich basierten Sex-Lockstoff-Verwirrung der Rebenwickler-Männchen, die Flächen-Giftduschen der Weinberge abwendeten.

Eines lohnt sich auf jeden Fall daraus zu lernen. Ebenso wie bei privaten Suchtproblemen bezüglich Schokolade oder Nikotin, haben nur Strategien Erfolg, die an die Stelle des unerwünschten Verhaltens einen erfolgsträchtig wirksamen Ersatz konsolidieren. Wo bisher etwas Unschönes war, muss etwas Anderes, Aufgeklärteres dessen Stelle einnehmen, sonst ändert sich nichts zum Guten.

SZ Wissen

Den Tieren selbst drohte durch Pflanzenschutzmittel keine Gefahr, die Raupen starben beim Kontakt mit Insektengift sofort. Kinkler und andere Schmetterlingskundler gewannen Dieter Bourquin von der Trierer Weinbauforschungsanstalt und Franz Dötsch, einen örtlichen Bürgermeister, für ein Schutzprogramm.

Bourquin überzeugte die Winzer, fortan auf die Giftdusche zu verzichten. Stattdessen wurden in den Weinbergen Schnipsel mit Pheromonen zweier Rebenwickler-Arten verteilt. „Die von weiblichen Tieren gewonnenen Sexuallockstoffe wurden von den Winzern im Weinberg aufgehängt. Die männlichen Rebenwickler waren so verwirrt, dass sie die Weibchen nicht mehr fanden“, sagt Kinkler.

Die kleinen Falter, die von den Winzern als Schädlinge bisher mit Gift bekämpft wurden, konnten so eingedämmt werden: keine Rebenwickler, kein Gift – gut für den seltenen Apollo.

Aber auch die Futterpflanze der Larven, die Weiße Fetthenne, musste geschützt werden. Sie gedeiht nur an Kronen der Weinbergmauern in der Sonne. Wachsen die Mauern mit Gestrüpp zu, verschwinden Fetthenne und Falter. In den wenigen Naturschutzgebieten, in denen bisher die Flora sich selbst überlassen worden war, wucherte alles zu.

Dötsch sorgte dafür, dass Fetthenne und Falter im Weinberg wieder genug Licht bekamen. Das hat zu einer Zunahme der Apollo-Bestände an 15 Stellen geführt. Heute gibt es im Moseltal zwischen Koblenz und Cochem wieder so viele Apollofalter wie lange nicht mehr.

Sie segeln im Juni und Juli zu Tausenden wie kleine Vögel durch die Weinberge. Neben dem Apollo profitieren Smaragdeidechse, Sattelschrecke, Zippammer und andere wärmeliebende Bewohner trockener Offenflächen.

Heute werden 80 Prozent der Weinberge an der Untermosel ohne Insektengifte bewirtschaftet, weitere Flurbereinigungen unterblieben, und die Apollofalter und andere seltene Schmetterlinge wie Segelfalter, Großer Schillerfalter und Großer Fuchs haben sich vermehrt. (..)

Der Apollo ist sogar Werbeträger von Winzern und Tourismusmanagern geworden, Feste und Weine sind nach ihm benannt, zwischen Valwig und Cochem wurde der naturkundliche „Apolloweg“ angelegt. Der Schutz einer einzigen Schmetterlingsart hat offenbar zum Umdenken geführt – und eine gewachsene Kulturlandschaft mit den typischen Weinbergterrassen erhalten.

weiterlesen

3 Comments

  1. jaja, die schlimmen Technologien.
    ZumBeispiel das Messer, das ist ja so gefährlich.
    sollte man kein Kind damit rumspielen lassen… (komisch, Technologien wie PC, Internet und WWW – sicher auch DVD-spieler und Tv und so weiter – das nutzen die netten Gutmenschen von nebenan. TV ist übrigens eine der Rechnologien, die kinder zur Verfettung brinen könnten….)

    Ich teile diese Sicht nicht.
    Schöner Artikel, hat mir gut gefallen.

    die Frage ist halt immer, wie geht man damit um.

    Gefällt mir

  2. Wie bitte? ‚Die meisten der Schreckensszenarien sind obsolet und aus heutiger Sicht übertrieben gewesen‘!???
    Als 57jähriger überblicke ich einen vermutlich etwas weiteren Zeitraum und kann nur sagen, es ist eine Katastrophe wo wir hinsteuern. Allein die stetig steigenden Erkrankungsraten und die bei immer jüngeren Kindern schweren Gesundheitsprobleme. Woher bitte sollten die sonst kommen, wenn nicht von ‚fortschrittlichen Technologien‘?

    Gefällt mir

Kommentare sind geschlossen.