Zur Kritik des herrschenden Biologismus


Von Martin KochND

Das Verhältnis von Naturforschern und Philosophen war in der Geschichte des öfteren von Misstrauen geprägt. So auch in der frühen DDR, als überzeugte Anhänger des sowjetischen Agrarbiologen Trofim D. Lyssenko die Genetik weisungsgemäß zum »reaktionären Mendelismus-Weismannismus« stempelten. Denn der deutsche Zoologe August Weismann hatte bereits 1883 die später von Lyssenko sanktionierte »Vererbung erworbener Eigenschaften« strikt verworfen. Aus diesem Grund sei über Weismann seinerzeit viel Unsinn geschrieben worden, erinnert sich der Wissenschaftsphilosoph Rolf Löther, der von 1953 bis 1958 an der Leipziger Universität Philosophie und im Nebenfach Biologie studierte.

Nach gründlicher Lektüre der Schriften von Weismann hielt Löther darüber 1962 einen Vortrag, in dem er – zum Ärger der Lyssenkoisten – die materialistischen und dialektischen Gedanken im Werk des geschmähten Zoologen herausarbeitete. Der Vortrag wurde in der DDR veröffentlicht und gelangte als Sonderdruck auch in die UdSSR, wo ihn Biologen offenkundig breit rezipierten. Denn als Löther später nach Leningrad reiste, stellte er überrascht fest, dass ihm sein Name längst vorausgeeilt war. Als Name desjenigen, der Weismann rehabilitiert habe, wie ein sowjetischer Kollege erklärte.

Aus Anlass des 75. Geburtstages von Rolf Löther ist jetzt ein von Ilse Jahn und Andreas Wessel edierter Sammelband erschienen, in dem 15 Autoren aus Deutschland und den USA das Schaffen des Jubilars würdigen. Dieser ist nicht nur Autor und Herausgeber von 32 Büchern. Aus Löthers Feder stammen auch 459 größere Aufsätze sowie 80 Rezensionen. Damit nicht genug wurde eine Zusammenfassung seines 1972 gedruckten Buches »Die Beherrschung der Mannigfaltigkeit« ins Englische übersetzt und 1974 in einer US-Zeitschrift publiziert. Löther warb darin einerseits für die biologische Systematik, die zu jener Zeit als antiquiert galt. Andererseits legte er den Grundstein zum »Species-as-individual-Konzept«, demzufolge biologische Arten nicht als (logische) Klassen, sondern als materielle Systeme mit Eigennamen und folglich als Individuen zu betrachten sind. Zu dieser Erkenntnis gelangten auch die US-Amerikaner Michael Ghiselin und David Hull, die Löthers eigenständige Leistung im vorliegenden Jubiläumsband ausdrücklich hervorheben und zugleich bedauern, dass sie den Diskussionen im deutschen Sprachraum vormals zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hätten.

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