Umstrittene Aufklärung


Kants Manifest
Kants Manifest (Public Domain)

Manche Themen sind für den gewöhnlichen Alltag einfach zu groß. Daher finden sie im Gespräch der heutigen Zeitgenossen kaum mehr wirklich statt. Dazu gehört leider, verflixtermaßen die AUFKLÄRUNG.

Gemeint ist nicht die Geschichtsepoche von Voltaire, sondern das was heutige Humanisten das unvollendete Projekt der „Leitkultur von Aufklärung und humanistischer Ethik“ nennen. Diese steht in einem Spannungs- und Wettbewerbsverhältnis zu den diversen Religionen einerseits und der Arbeitsdysstress- und Konsumismus-Tendenzen der westlichen Alltagskultur andererseits.

Zu den wenigen Berührungspunkten, die der von seinen diversen Arbeitspflichten gehetzten Gegenwartsmensch mit dem Begriff der Aufklärung hat, gehört die Bildungslektüre. Es ist anders als im üblichen TV-Programm ein zwar bekanntes Genre, nämlich „TALK“. Aber ausnahmsweise hat er wie im folgenden, andokumentierten Streitgespräch tatsächlich gedanklichen Tiefgang und Genuss. Gönnen wir als Brights (oder Brights-Gegner) uns das gelegentlich mal.

Moderatoren: Jörg Lau, Christian Staas, Die Zeit

Sind die Ideen der Aufklärung Geschichte? Nicht, solange wir uns über sie streiten. Ein Disput zwischen dem Schriftsteller Rüdiger Safranski und dem Publizisten Mathias Greffrath

ZEIT Geschichte: Herr Greffrath, Herr Safranski, leben wir tatsächlich in einer so durch und durch aufgeklärten Zeit, wie oft behauptet wird?

Mathias Greffrath: Würde der Gott der Aufklärung ins Internet schauen, so würde er sehen, dass die Partie noch immer unentschieden ist. Einerseits zeigt sich dort sehr viel Vernunft – viele Pläne und Projekte, viel Welterklärung und Wissenschaft. Auf der anderen Seite blüht das Irrationale – Dogmen und Idole, dass es nur so kracht. Da ist unsere Epoche nicht viel anders als die Welt vor 200 oder 300 Jahren.

Rüdiger Safranski: Mir scheint ein anderer Gegensatz wichtiger als der von Rationalität und Irrationalität. Gegenwärtig ist etwas aufgebrochen, was schon in der historischen Aufklärung angelegt war. Einerseits sollte sich der Mensch seines Verstandes bedienen, um mündig zu werden. Andererseits wurde die Rakete der exakten Wissenschaft gezündet, und die spezialisierten Disziplinen entstanden. Jetzt haben wir das Problem, dass die institutionalisierten, instrumentellen Wissenschaften den Allgemeinverstand überfordern.

Außer auf dem kleinen Gebiet, auf dem wir uns spezialisiert haben, sind wir ja durchweg Laien und dadurch gläubige Mitwisser von Dingen, die wir nicht wirklich verstehen. Das erzeugt ein großes Spannungsverhältnis: Einerseits sind wir eine aufgeklärte Gesellschaft, andererseits eine Gesellschaft von Mitgläubigen, die an einem Wissen, das sie selbst nicht erarbeitet haben, partizipieren – und die von diesem Wissen auch beherrscht werden. (..)

ZEIT Geschichte: Religion ist aber mehr als nur ein Krisenphänomen. Sie ist auch ein weltpolitischer Faktor, den man lange Zeit nicht auf der Rechnung hatte. Religion ist offenbar etwas, das auch in säkularisierten Gesellschaften nicht einfach verschwindet, wie manche Aufklärer sich das vorgestellt haben.

Greffrath: Aber jetzt sind wir mehr als 200 Jahre weiter, und die neue Religiosität, mit der wir es heute in der westlichen Welt zu tun haben, lässt uns weit hinter die Möglichkeiten von Aufklärung zurückfallen. Schleiermacher hat die massive Religion zur Religiosität verdünnt, bei Hegel kommt sie noch als i-Punkt vor – so wie der Monarch als i-Punkt auf dem rationalen Staat –, letztlich aber besagt das alles nicht mehr als: Hinter der Endlichkeit liegt immer noch eine Unendlichkeit, auf die wir hinstreben; da gibt es etwas, das wir mit Vernunft und bloßem Denken nicht fassen können.

Mir behagt das nicht, diese Art des Grenzen-Einziehens. Schauen Sie sich doch einmal an, was heute in den modernen Naturwissenschaften alles möglich ist, in der Molekularbiologie, der Gehirnforschung, der Astrophysik! Da wird für mich sichtbar, wovon die Aufklärer immer geträumt haben: eine Theorie des Ganzen, auf empirischer Basis, vernünftig begründet.

Ich sympathisiere sehr mit Naturforschern, die nicht mehr sagen: Wo wir nicht weiterkommen, kommt Gott ins Spiel, sondern: Wir können – mit den Worten Schleiermachers – eine Bibel schreiben, in der alles empirisch belegt ist und die uns trotzdem zu mystischen Gefühlen der Verbundenheit, der Ehrfurcht, der Demut Anlass gibt. Wenn man zu früh auf Spiritualitäten zurückgreift, kommt man wieder ins Reich der Geisterseher.

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4 Comments

  1. @Argus7

    Der mangelnde „philosophische Fortschritt“ ist insofern gut zu erklaeren, dass wir das philosophische Handwerkszeug um mit diesem technologischen Fortschritt und der damit steigenden Verantwortung sehr gut umgehen kann. Dieser technologische Fortschritt ist das Ergebnis dieses philosophischen Fortschrittes – die Aufklaerer des 16., 17. und 18. Jahrhunderts bereiteten den Boden fuer diesen Fortschritt (ausgehend von Ideen der Antike), deren „philosophische DNA“ ist auch die „DNA“ des technologischen Fortschrittes.

    Das Problem besteht dann, wenn die durch diese tenochologische Machtmittel in die Haende von Leuten fallen, die nicht die zugrundeliegende „DNA“ in ihrem Denken haben.

    Die Aufklaerung arbeitet nach-wie-vor, zumindest in unseren westlichen Gesellschaften – schaue Dir nur an, wie z.B. die Haltung weiter Teile der Bevoelkerung z.B. zum Thema Homosexualitaet sich in den letzten 30 Jahren aenderte oder wie weit der Einfluss der Kirchen auf das tatsaechliche Denken der Bevoelkerung sank. K

    Es ist nur kein Prozess, der schnell geht, sondern langsam, ueber Generationen: Bewustsein von Gesellschaften, deren Werte und Denken, aendert sich eher ueber Generationen als in Jahren.

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  2. Vielleicht kann man es nach den großen (und gescheiterten) Welterklärungsversuchen als kleinen Fortschritt der Philosophie sehen, wenn Safranski am Ende festhält:
    „Aufklärung heißt schließlich nichts anderes als Ermöglichung des Menschen durch den Menschen.“

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  3. Man sollte sich vielleicht sogar zu der Behauptung versteifen, daß unser Zeitalter sich desto mehr von der Aufklärung abwendet, je offensichtlicher es scheint, daß sie ohne eine gehörige Portion eigenes Dazudenken letztlich nicht durchsetzbar ist. Vielleicht liegt es in der Natur des Menschen, dem Irrationalen im Zweifel den Vorzug zu geben. Ganz sicher aber ergibt sich das Denken zu oft und zu schnell diesem vor allem gefühlt gewonnenen Zustand, und eben darin liegt meiner Ansicht nach auch die große Gefahr, der noch heute jeder sich der Aufklärung verpflichtet fühlende Gedanke unweigerlich ausgesetzt ist.

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  4. Mir scheint, dass eine riesengroße Diskrepanz zwischen technologischem und philosophischen Fortschritt besteht. Technologisch hat sich die Menschheit in wenig mehr als 100 Jahren vom Fußgänger zum Flieger entwickelt. In philosophischer Hinsicht hingegen ist kein vergleichbarer Fortschritt zu erkennen. Noch immer wird versucht, Konflikte mit kriegerischen Mitteln zu lösen. Für die dringendsten Probleme der Menschheit – Armut, Hunger, AIDS, Klima-Veränderung usw. – sind keine wirklich grundlegenden Lösungen in Sicht, obwohl sie durchaus möglich wären.

    Die Erklärung: Technologischer Fortschritt ist für jedermann sichtbar, kann somit nachvollzogen und im täglichen Leben genutzt werden. Philosophischer Fortschritt hingegen ist nicht sichtbar, sondern muss durch mühsames Nachdenken erarbeitet werden. Das Denken wiederum ist für große Teile der Menschheit offenbar viel zu anstrengend, weshalb sie sich diese Mühe erspart. Und so kommt es zu der eingangs festgestellten Diskrepanz.

    Um es mit Immanuel Kant zu sagen: „Wir leben nicht in einem aufgeklärten Zeitalter, sondern in einem Zeitalter der Aufklärung !“

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