Loveparade: Sündenbock gesucht


OB Adolf Sauerland als Sündenbock
Adolf Sauerland (Zweiter von rechts). Foto: xtranews. Lizenz: CC-BY-2.0

Auch am vierten Tag nach dem Loveparade-Desaster am Samstag sind die Medien voll mit Meldungen darüber. Die Gemüter haben sich nicht beruhigt – wie eigentlich erwartet. Das ist angesichts der 21 Getöteten, zwei weitere schwer Verletzte sind gestorben, aber leicht nachvollziehbar. Vor allem die Fragestellung nach der moralischen, der sogenannten „politischen Verantwortung“ beschäftigt die Journalisten und das Publikum.

Ist es aber wirklich die sachliche Klärung der zugrunde liegenden Verhaltens-Fehler und der dafür Verantwortlichen, die das Publikum umtreibt? Man kann sich des Eindrucks kaum erwehren, dass es eher der Wunsch nach einem Schuldigen ist, den man „opfern“ möchte, um psychologisch Entlastung zu finden. Das ist der uralte Sündenbock-Mechanismus.

Der heutige Bericht des aus Duisburg stammenden Landesinnenministers Ralf Jäger (spd) belastet mit vielen Indizien die Lopavent GmbH um den Fitnessunternehmer Rainer Schaller, also die offiziellen Veranstalter schwer. In den Tagen zuvor waren vor allem belastende Details und Rücktrittsforderungen gegen den Duisburger Oberbürgermeister (OB) Adolf Sauerland (cdu) laut geworden. Zudem wurden auch die Polizei sowie der Panik-Forscher Prof. Schreckenberg beschuldigt, Fehler gemacht zu haben.

Nun schieben sich alle Beteiligten seit Tagen gegenseitig die Hauptverantwortung in die Schuhe. Es geht um viel, noch könnten etliche darüber ihre Posten, ihren Leumund oder viel Geld verlieren. Statt sich an dem entbrannten öffentlichen Schwarze-Peter-Spiel zu vergnügen, sollte von den Beobachtern indes lieber genau hingeguckt werden.

Denn der Gedanke liegt zumindest nahe, dass es nicht das Versagen eines einzelnen „Täters“ ist, sondern das Versagen einer ganzen Gruppe verschiedener Beteiligter. Was die Verursacher des blutigen Desasters aber gemeinsam haben dürften, ist eine Mentalität des „Image-Erfolg-um-jeden-Preis“ und später „Augen-zu-und-durch“. Für den Sündenbock-Mechanismus indes genügt meist ein „Bauernopfer“, um etwa durch einen Rücktritt das Publikum zu besänftigen.

Nur den Rücktritt des OB zu fordern und zu bekommen, könnte ein Davonkommenlassen weiterer Verantwortlicher bedeuten. Das hat in dem bisher besten journalistischen Beitrag zum Geschehen der Journalist Peter Mühlbauer in der telepolis (28. Juli) herausgearbeitet.

Er nennt Indizien, die Dieter Gorny, den Chef des Bundesverbandes Musikindustrie, sowie den Ex-Landesinnenminister Ingo Wolf (fdp) belasten. Beide haben trotz gut bekannter schlechter örtlicher Voraussetzungen, die im Vorjahr auch logischerweise in Bochum zu einer Absage des Massenevents führten, die operativen Entscheidungsträger zur Duldung der Konzeptschwächen stark beeinflusst.

Wolf soll sogar zwei Polizeipräsidenten, die der Sicherheit der Menschen den Vorrang einräumten und davon nicht abzubringen gewesen waren, zur vorzeitigen Pensionierung „verholfen“ haben. Es waren die zuständigen polizeilichen Leiter in Duisburg und Bochum. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt?

Peter Mühlbauer, telepolis

Rücktrittsforderungen als Massenbewegung … und Ablenkung von Verantwortung

Früher kamen Rücktrittsforderungen vor allem aus Parteien und nur manchmal auch von Verbänden und Gewerkschaften. Dass einzelne Bürger so etwas formulierten, kam – wenn überhaupt – wahrscheinlich nur an Stammtischen vor und wurde von den damals existierenden Medien in jedem Fall geflissentlich ignoriert. Doch auch nach der Massenverbreitung von Internetzugängen dauerte es noch lange, bis sich die erste Rücktrittsforderungswelle bildete.

Sie begann am Samstagabend und betrifft einen Mann, dessen Name fast ein wenig erfunden klingt: Adolf Sauerland, den Duisburger Oberbürgermeister. Nicht nur in Blogs wie Ruhrbarone.de forderte man ihn zum Abdanken auf – es scheint auch kaum ein größeres deutsches Forum zu geben, wo nicht erstens über das Love-Parade-Unglück diskutiert und zweitens Sauerlands Rücktritt verlangt wurde. In Facebook widmen sich gleich mehrere Gruppen schon im Namen einer Amtsbeendigung des CDU-Politikers und auf  Twitter fühlen sich ebenfalls massenhaft Nutzer bemüßigt, seinen Abschied zu verlangen.

Sauerland reagierte auf all das bisher mit einer seltsam unentschlossen wirkenden Mischung aus Nachgeben und Aussitzen: Er könne, so der Oberbürgermeister auf seiner Website, die Forderungen nach seinem Rücktritt zwar „nachvollziehen“, aber trotzdem müsse man sich „die Zeit nehmen dürfen, zunächst die schrecklichen Geschehnisse aufzuarbeiten“.

weiterlesen

Von Bernd Dörries, Duisburg, Süddeutsche Zeitung

Heftige Vorwürfe gegen Veranstalter der Loveparade

Die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen macht das Unternehmen von Fitness-Millionär Rainer Schaller für die Katastrophe in Duisburg verantwortlich. Der Sicherheitsaufwand sei völlig falsch eingeschätzt worden.

Nach Einschätzung der Landesregierung von Nordrhein-Westfalen ist der Veranstalter der Loveparade in Duisburg durch verschiedene Fehleinschätzungen für die Katastrophe verantwortlich, bei der am Samstag 20 Menschen ums Leben kamen. Innenminister Ralf Jäger (SPD) will an diesem Mittwoch einen vorläufigen Bericht veröffentlichen, wonach sich der Veranstalter mehrmals über Bedenken der Behörden hinweggesetzt habe.

weiterlesen

7 Comments

  1. Stimmt schon irgendwie.

    Aber Menschen machen Fehler. Wer glaubt, daß es mal fehlerlose Menschen geben könnte, der liegt wohl niht richtig.

    Fehler machen ist so ziemlich das Normalste, sogar dann, wenn man das Fchwissen hat. Um so mehr, wenn man es nicht hat.

    Die dort Getöteten sind nach meinem aktuellen Wissensstand erdrückt worden, also durch nachrücken der massen von hinten – bei gleichzeitigem anstauen der Massen vorn, wo es zu langsam weiterging.

    Mir ist sowas ähliches schon mal geschehen, als ich in einer Kassenschlange stand, allerdings nicht so gefährlich, aber schon schmerzhaft genug.
    Wen man einmal drin steckt, klemmt man fest.

    durch kluges Krisenmanagement bei der Planung kann man solche Effekte zu entschärfen versuchen.
    Eigentlich logisch, daß bei – sagen wir – der Verkleinerung des Durchgangs auf 1/2 die Geschwindigkeit beim Eintritt in den Verengungsbereich mal 2 erreichen muß, damit hinten die Geschwindigkeit beibehalten werden kann…
    oder man braucht Geschwindigkeitsbrecher, schon weit vor dem Verengungsbereich…
    Kennt man von der Autobahn.

    Gefällt mir

  2. Bei der ganzen Diskussion um Schuld und Verantwortung vermisse ich einen wesentlichen Aspekt: Die Eigenverantwortung eines jeden Menschen für sein eigenes Handeln. Als junger Mensch war ich Teil eines Freundeskreises, in welchem zehn meiner Freunde über ein Motorrad verfügten. Meine Eltern waren weder willens noch in der Lage, mir ebenfalls ein Motorrad zu schenken. Mitfahren durfte ich bei Ausflügen stets dann, wenn die eine oder andere Motorradbraut ausfiel und somit ein Platz für mich frei wurde. Meine Freunde waren allesamt keine auffälligen Raser und alles andere als risikofreudig. Als dann einer meiner Freunde mit dem Motorrad unverschuldet tödlich verunglückte (ein Stahlblech war von einem vorausfahrenden LKW auf die Straße gefallen und verletzte ihn tödlich) war die Trauer im Freundeskreis groß.

    In den darauffolgenden 4 oder 5 Jahren verloren weitere fünf meiner motorradfahrenden Freunde bei völlig
    „normalen“ Verkehrsunfällen ihr Leben. Als ich schließlich von meinem Geburtsort wegzog, lebten nur noch vier meiner ursprünglich zehn motorradfahrenden Freunde.

    Was ich damit sagen will: Es ist bekannt und auch statistisch erwiesen, dass Motorradfahrer überdurchschnittlich gefährlich leben. Es kommt mir aber so vor, als gingen sie samt und sonders von der Annahme aus, dass sie nicht nur ein Leben hätten, sondern die Wahrheit zwischen zwei und zehn Leben liege ! Banal ausgedrückt könnte man sagen, wer die Gefahr kennt und sie nicht wahrhaben will, spielt nun mal mit seinem Leben. Diese Art von Spaß hat nun mal einen Preis ! Der Höchstpreis: Das eigene Leben !

    Man braucht nicht besonders ängstlich zu sein, um sich die Gefahren bewußt zu machen, die ein Risiko für Leib und Leben bedeuten könnten. Das ganze Leben ist ein Risiko, aber wir haben es selbst (eigenverantwortlich) in der Hand, diese Risiken in Grenzen zu halten. Wenn es aber Menschen gibt, die nur ihren Spaß sehen und die damit verbundenen Risiken nicht sehen wollen und verdrängen, dann… Ja, dann kommt die Einsicht im Nachhinein leider zu spät. Es ist dann müssig, die Frage nach den Schuldigen zu stellen und dabei das eigenverantwortliche Denken und Handeln aussen vor zu lassen. Im schweizerischen Zivilrecht gibt es z.B. den Begriff „Kausalhaftung“. Dass bedeutet, dass man die Haftung auch dann übernehmen muss, wenn kein eigenes Verschulden vorhanden ist. So haftet z.B. ein Autofahrer, der unverschuldet ein unachtsames Kind anfährt, automatisch mit.

    Eva Herrmanns dämliche Feststellung, dass es sich beim Loveparade-Unglück um eine Strafe Gottes gehandelt habe, ist sowas von bescheuert, dass man sich um ihren Geisteszustand ernsthaft Sorgen machen muss. Aber es bleibt die Frage nach der Eigenverantwortung, die jeder Mensch für sein Leben hat. Massenveranstaltungen dieser Art sind nun mal mit unwägbaren Risiken verbunden. Das weiß man oder müßte es wissen. So werde ich z.B. nie nachvollziehen können, dass es Eltern gegeben hat, die mit ihren Kindern im Jahr 1988 die Flugzeugschau in Ramstein besucht haben. Da hat einmal mehr die Sensationsgier über das Vernunft- und Risikodenken gesiegt. Der Preis: 70 Tote und ca. 100 Verletzte.

    Welche Konsequenzen sind aus dem Unglück in Duisburg zu ziehen ? Ich für meinen Teil habe zeitlebens größere Menschenansammlungen gemieden. Nicht aus Angst, nur aus Vorsicht. Ein gefährliches Gedränge im Stehplatzbereich eines Fußballstadion hat mir vor Jahren vor Augen geführt, welch ein Risiko ich da gedankenlos eingegangen bin. Ich kenne seitdem das Gefühl, eingeklemmt zu sein und nach Luft zu ringen ! Solche Stehplätze sind zum Glück längst als Gefahrenquelle erkannt.

    Es bleibt abzuwarten, wie lange der Schock von Duisburg nachwirkt, denn die menschliche Vernunft hat leider ein sehr eingeschränktes und kurzes Gedächtnis !

    Gefällt mir

  3. ja, Evchen hat uns doch gezeigt, wers war.
    Gott. Da er allmächtig, hat er die Loveparade erfunden, und sie nun scheitern lassen.
    Sindflut rave, sozusagen.

    Gefällt mir

  4. Da hast du mich wohl missverstanden. Ich habe zwar betont sachlich geantwortet, aber keineswegs die Ironie in den falschen Hals bekommen. Äähhrlich! 😉

    Schau mal zum Spaß nach, wie oft ich hier meine Beiträge mit Ironie oder Realsatire tagge, dann bekommst du einen Eindruck, wie sehr ich dem Schwarzen Humor verbunden bin.

    Gefällt mir

  5. Tut mir leid für dich, aber Evchens wilde politische Theologie und reaktionäre Räuberpistolen haben mich nicht befriedigt. Das mag für das Unterhaltungsbedürfnis ja gut hinreichen. Aber schließlich firmiert der Brightsblog immerhin in der Rubrik Wissenschaftsblog. Noch Fragen?

    Gefällt mir

Kommentare sind geschlossen.