Petition gegen die Globuli


Petition, Skulptur
Petitions-Skulptur (CC-by-sa/3.0 by Kastey)

Florian Rötzer, telepolis

Der Kampf um die Globuli

Nachdem der Streit in der Politik kurz aufloderte, ob homöopathische Mittel von Krankenkassen bezahlt werden dürfen, gibt es nun auch eine Petition für ein entsprechendes Verbot

Ein gutes Thema, um eine lebhafte, wenn nicht hitzige Diskussion zu provozieren, ist die Homöopathie. Hier stoßen gerne ideologische Lager aufeinander, vor allem wenn es darum geht, ob und wie homöopathische Mittel wirken (sollen).

Einem rationalen, naturwissenschaftlichen Geist kann nicht mehr zuwider sein als diese zuckerhaltigen, mit Wasser und Alkohol hochverdünnten Globuli, in denen nachweislich kein Wirkstoff mehr vorhanden ist, während die Homöopathie-Gläubigen dann gerne von irgendwelchen Energien sprechen, die man halt noch nicht nachweisen könne, die aber den medizinischen Effekt verursachen sollen.

Wissenschaftlich liegt kein Beweis für eine Wirksamkeit homöopathischer Mittel vor. Sie wirken bestenfalls wie Placebos, was aber eigentlich gar nicht so schlecht ist, denn Placebos können ganz gut wirken, nur dass bei diesen eben keine Substanz wirkt, sondern der Kontext, in dem ein Mittel gegeben wird, also die Erwartung des Patienten, der Heilende, dem man vertrauen kann, längere Gespräche, irgendwelche Praktiken, Empfehlungen, Berichte von Erfolgen etc.

Dabei nutzen homöopathische Mittel eher gebildete Menschen, die sich womöglich dank Rationalitäts- und Wissenschaftskritik lieber verzaubern lassen oder der Meinung sind, dass es doch andere, noch nicht nachweisbare Wirkmechanismen geben könne. Die Alternativmedizin-Industrie erklärt ohne Hin und Her, wie Ralph Schmidt, der Chef des Unternehmens Biologische Heilmittel Heel GmbH: „Homöopathie ist keine Illusion, Homöopathie wirkt.“

Kürzlich ist erst wieder ein Streit darüber entbrannt, ob Krankenkassen prinzipiell weiter homöopathische Mittel erstatten dürfen, wenn deren Wirksamkeit nicht nachgewiesen werden kann. Nicht alle Krankenkassen machen dies, manche auch nur mittels Zusatzversicherungen. Große Bedeutung hat dies angesichts der enormen Summen im Gesundheitssystem und der Milliarden, die für Medikamente ausgegeben werden, nicht. Etwa 25 Millionen Euro geben die Krankenkassen im Jahr für homöopathische Arzneimittel aus.

Wenn man dies streichen würde, würde man kaum etwas einsparen, aber Manchen geht es um Grundsätzliches, schließlich wird mit der Homöopathie das Prinzip unterlaufen, dass nur wissenschaftlich überprüfte Medikamente von den Kassen bezahlt werden dürfen. Man könnte also durchaus mit demselben Recht weitere Placebos einschleusen. Nachdem sich die politische Debatte wieder gelegt hat, wurde nun mit einer öffentlichen Petition, die in den Bundestag eingereicht wurde, die Diskussion noch einmal aufgeheizt.

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7 Comments

  1. naja, Suchtverhalten mag legitim sein, aber hilfreich ist es niemals.
    Sieht nur immer kurzfristig so aus.
    Auch in Liebesbeziehungen ist dysfunktionales Verhalten problematisch. Entgegen der beliebten Liebesromane…

    Leider hab ich kein Rezept anzubieten. nach meiner Hypothese kann nur gute Bildung – auch Persönlichkeitsbildung – weiterbringen.

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  2. Ich seh das noch tiefer gegründet.
    Ich habe den dringenden Verdacht, daß die Kultur durch und durch eine Suchtkultur ist.
    Es gibt ja nicht nur die substanzgebundenen Süchte, sondern viel mehr (und schwerer erkennbar, dafür auch noch besser gelernt) an strukturgebundene Süchte, zB Beziehungssucht, Arbeitssucht etc.

    Innerhalb eines Suchtsystems ist das dann alles logisch. Moralisiererei, Heuchelei, Betrug, Lüge, Unfähigkeit zum Erkennen der Strukturen etc…

    Das könnte erklären, weshalb der eine irrationale Glaube nur von einem anderen abgelöst wird, und nicht gänzlich Irrationales und Dysfunktion hinterfragt werden.
    Dasselbe sieht man auch bei Sektenaussteigern. Die lösen sich nicht von der Grundidee an sich, sondern satteln nur auf eine andere vergleichbare um.

    Und alles hat miteinander in dem Punkt zu tun, da Mensch Selbstverantwortung übernehmen müßte – da aber dyfunktional rreagiert und auf eine heilbringende Macht hofft… wünscht, „errettet“ zu werden, sich nicht selbst auf den Weg machen will.
    Im Grunde eine sehr kindliche Sicht, wenn ein GROSZER kommen soll und die sache halt regeln, weil man selbst noch zu klein ist…
    (bei Kindern ein normaler Entwicklungsstand…)

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    1. Dein Ansatz gefällt mir. Ein Ausgangspunkt „Suchtkultur“ vermag einiges „Unfassbare“, Irrationale besser zu beleuchten und zu analysieren. Von Seiten der Betroffenen wird es dagegen aber mindestens so wütende Abwehr-reaktionen geben wie bei der Nichtraucherschutz-Gesetzfrage. Da muss man durch. Wo die Angst ist geht’s lang. So kommt man auch wissenschaftlich weiter.

      Kindlich-regressiv sind in wichtigen, privaten Teilbereichen ihres Lebens wirklich viele Menschen. Wenn sich das auf so dunkle Bereiche bezieht wie Sucht umso schlimmer. In gelungenen Liebesbeziehungen hingegen ist es legitim. Wie der Film „Redupers“ damals vorführte und verdammt viel erzählende Literartur, leben wir unter verflixt vielen „steckengebliebenen“ Menschen. Die Muslime im Orient leben in einer antidynamischen, religiös ausgebremsten Kultur, wir Westler leben in einer hyperdynamischen, aber politisch via Bildungsmangel- und Medienmüllsystem ausgebremsten Individualkultur. David Riesmans „Die einsame Masse“ lässt grüßen.

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  3. Sind im Gewinnstreben nicht anders, nur gerissener.

    Zuckerperlen-Wundermittel sind doch Die Verkaufsidee… Der Reingewinn von Herstellungskosten zu Verkaufspreis muß genial sein…

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  4. Es kann schon beinahe leid tun, sehen zu müssen wie hier im intellektuellen „Highland“ verzweifelt gerufen wird: Ihr müsst es doch aber glauben! (Es ist doch naturwissenschaftlich q.e.d.)

    Der Homöopathie Unwissenschaftlichkeit vorzuwerfen ist gerechtfertigt. Wer mag, kann das Folgende lesen:
    http://www.handrick-net.de/homoeopathie/homoeopathie.html
    Allerdings ist es unglaublich, in blanken Determinismus zu verfallen: Kopfschmerzen? –> Mittel rein, Kopfschmerz weg. Die meisten Leute konsumieren Medizin wenn mal wieder etwas „kaputt“ ist. Bloß nicht darüber nachdenken, oder sogar das eigene Leben ändern. Ehrlich gesagt bezweifle ich, das zufriedene Nutzer (aua, wie kann das sein) homöopathischer Mittel höhere Kosten verursachen. Die meisten wissen, das man es „glauben“ muss — sind aber zusätzlich bereit ihre eigene Einstellung/Leben zu ändern.

    Glaubt hier jemand ernsthaft, dass Hersteller homöopathischer Mittel bzgl. des Gewinnstrebens anders sind als irgendein anderer Hersteller pharmazeutischer Produkte? Letztere sitzen lediglich im gößeren Dummboot mit den meisten Konsumenten an Bord. Denen kann man natürlich leicht den einfachsten Weg ins Ohr flöten.

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    1. Die Beobachtung, dass in der westlichen Alltagskultur des Konsumismus sehr viel Gedankenlosigkeit im Spiel ist, kann/will man kaum widerlegen. Das ist wohl so. Auch wenn es dem einen oder anderen peinlich am geschönten Selbstbild kratzt.

      Dabei stehenzubleiben ist aber lauwarm und heuchlerisch („pharisäisch“) wie die Haltung der Kirchen oder der Bundes-spd/cdu etc. Denn dies ist der Standpunkt einer schiefen Moral und Selbstgerechtigkeit. Vorgeworfen wird der gedankenlosen Mehrheit ihre Unbildung und die Hektik ihres Arbeits- und Familienlebens, die wenig Zeit zum Nachdenken übriglässt. Vorgeworfen wird das von Leuten im Wohlstand, denen es persönlich besser geht.

      Die Verursachung der tatsächlich beklagenswerten Unbildung etwa in Fragen der eigenen Gesundheitserhaltung liegt weniger beim Einzelnen als in den Strukturen (Bildungssystemmängel, Medienniveau, Arbeitsverdichtung, Vertröstung durch Religionen statt Humanisierung der Arbeitswelt).

      Fazit: zuviel Moral(isieren), zuwenig humanistische Ethik und Handeln. Das Welt- und Menschenbild der Moralisierer ist oft genug das althergebrachte christlich-konservative, ein zutiefst pessimistischer und abwertender Begriff vom Menschen.

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