EVOLUTIONSBIOLOGIE, SZIENTISMUS und KREATIONISMUS


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Von Hansjörg HemmingerEvangel. Zentralstelle für Weltanschauungsfragen

Am 12. Februar 1809 wurde Charles Darwin geboren. Im gleichen Jahr publizierte Jean-Baptiste de Lamarck die erste echte Evolutionstheorie, in der er die Vererbung erworbener Eigenschaften postulierte (Lamarckismus). Allerdings konnte er sich damit gegen die Theorie von der Konstanz der Arten noch nicht durchsetzen.1 1859 erschien das Hauptwerk Charles Darwins „On the Origin of Species …“, in dem ihm die Zusammenfassung aller Argumente für die Abstammungslehre gelang, also für ein langes Erdalter, eine lange Lebensgeschichte, für die Verwandtschaft aller Lebewesen und ihren gemeinsamen Ursprung.

150 Jahre später beschreibt die Evolutionstheorie die Geschichte des Lebens als ein kompliziertes Wechselspiel von Genetik, Ontogenese (individuelle Entwicklung) und Ökologie, das sich über Milliarden Jahre erstreckt. Sie ist eingebettet in Kosmologie, Geologie und in biochemische Hypothesen zum Übergang von unbelebter Materie zum Leben. Allerdings entfernen sich ihre komplizierten und abstrakten Begründungen auch immer weiter von der Alltagserfahrung und dem Vorstellungsvermögen der Nicht-Experten. Wissenschaft und Pseudowissenschaft sind deshalb für Laien kaum mehr unterscheidbar.

Die aus dem protestantischen Fundamentalismus der USA stammenden Ideen des Kreationismus und eines „intelligenten Designs“ sind solche Pseudowissenschaften, die für Laien eine oberflächliche Plausibilität besitzen. Man braucht Fachkenntnisse, um ihre naturwissenschaftliche Unhaltbarkeit zu durchschauen. Ein Unterschied zu früheren Jahrzehnten (bis etwa 1975) ist, dass viele Christen in Freikirchen, im Pietismus usw. heute auf ihre fachkundigen Mitchristen nicht mehr hören, sondern ihr Weltbild mit einer scheinbar christlichen Pseudowissenschaft abrunden.

Ebenso schwer zu beurteilen, wenn auch aus anderen Gründen, sind atheistische Welt- und Menschenbilder, die sich auf die Evolutionstheorie berufen. Der Szientismus der „neuen Atheisten“2 stützt sich zwar auf recht verstandenes biologisches Wissen, behauptet aber zusätzlich, aus diesem Wissen ergebe sich zwingend ein naturalistisches oder materialistisches Weltbild. Von dem berühmten Paläontologen Simon Conway Morris wird dieses Argument als „Ultra-Darwinismus“ charakterisiert: „Den Ultra-Darwinisten scheint selten aufzugehen, dass die Theologie ihren eigenen Reichtum und ihre eigenen Differenzierungen hat und dass sie – seltsame Idee – uns tatsächlich etwas über die Welt sagen könnte, was nicht nur sehr zu unserem Vorteil wäre, sondern was uns die Naturwissenschaft auch nie zu sagen imstande wäre.“3

Die meisten Evolutionstheoretiker sind keine Ultra-Darwinisten, z. B. Marc W. Kirschner und John C. Gerhart4, deren bahnbrechendes Buch inzwischen – wie das von Conway Morris – auf Deutsch erhältlich ist. Es ist deshalb unabdingbar, zwischen der naturwissenschaftlichen Diskussion um die Evolution und ihrer weltanschaulichen Verwertung zu unterscheiden. Mit Recht hat der EKD-Text 945 von April 2008 die Überwindung falscher Alternativen zwischen Theologie und Naturwissenschaft zum pädagogischen Ziel erklärt. Darüber hinaus bietet das Spannungsfeld zwischen Naturwissenschaft, Kreationismus und Szientismus die Chance, sich auf das Wesen naturwissenschaftlicher Erkenntnis zu besinnen, darauf, wie sie gewonnen wird, was sie sagt und was nicht und was aus ihrem enormen Erfolg zu schließen ist. Das wird im Folgenden versucht.

Gute naturwissenschaftliche Theorien

Naturwissenschaftliche Theorien zeichnen sich (nach Gerhard Vollmer) durch Zirkelfreiheit und interne Konsistenz aus.6 Beides gilt auch für formale Idealwissenschaften wie Mathematik und Logik. Ein Kriterium für empirische Wissenschaften ist die externe Konsistenz, also die Vereinbarkeit mit dem gesamten Wissenshintergrund. Für Charles Darwin war zum Beispiel ein Haupteinwand gegen die Evolution, dass keine Energiequelle bekannt war, die für eine Sonnenaktivität von Jahrmillionen ausgereicht hätte. Man diskutierte eine Gravitations-Schrumpfung oder chemische Reaktionen auf der Sonne, ohne eine Lösung zu finden. Damit bestand eine Inkonsistenz zwischen Biologie und Physik. Diese wurde durch die Kernphysik aufgelöst. Inzwischen ist die externe Konsistenz der Evolutionsbiologie allgemein gegeben.

Weitere Kriterien sind der Erklärungswert einer Theorie, ihre Prüfbarkeit und der tatsächliche Testerfolg. Zum Beispiel publizierte Mendel seine Arbeiten zur Vererbungslehre bereits 1865, aber Darwin nahm sie nicht zur Kenntnis. Sie hätten den Erklärungswert seiner Theorien auf lange Sicht erhöht.7 Stattdessen entwickelte er eine spekulative Pangenesis-Theorie, die unfruchtbar blieb. Erst die moderne Genetik erweiterte den Erklärungswert der Evolutionstheorie entscheidend. Er ist inzwischen ihre auffälligste Stärke, während Kreationismus und „intelligentes Design“ so gut wie keinen Erklärungswert besitzen. Entweder bieten sie für einen Befund wie den bekannten Fossilbestand gar keine Erklärung an oder eine, die den Kriterien für eine Theorie nicht entspricht, etwa weil sie nicht prüfbar oder extern inkonsistent ist. Die Behauptung, alle Meeresfossilien seien durch die Sintflut abgelagert worden, ist z. B. mit Geologie und Physik völlig inkonsistent. Die physikalischen und geologischen Altersbestimmungen sagen etwas ganz anderes. Die Zusatzbehauptung, Gott habe die Fossilien vor 10000 Jahren mit der ganzen Welt zusammen geschaffen, sie seien keine Überreste lebender Wesen, ist zwar mit allen denkbaren Daten konsistent, aber eben deswegen nicht prüfbar und naturwissenschaftlich belanglos.

Die seriösen Einwände gegen die Evolutionstheorie, soweit es sie noch gibt, zielen auf ihre Prüfbarkeit und auf den tatsächlichen Testerfolg. Lesen Sie weiter in der Printausgabe 8/2010 der Zeitschrift Materialdienst.

Das Materialdienst-Einzelheft 8/2010 ist zum Preis von 2,50 Euro zuzüglich Porto erhältlich und online bestellbar: Bestellen

Anmerkungen

1 Siehe die Darstellung der Biologiegeschichte in Thomas Junker, Kreationisten erklären die Evolution: Das „kritische Lehrbuch“ von R. Junker und S. Scherer, in: Martin Neukamm (Hg.), Evolution im Fadenkreuz des Kreationismus. Darwins religiöse Gegner und ihre Argumentation, Göttingen 2009, 321-340.
2 Wichtige Autoren sind: Richard Dawkins, Der Gotteswahn, Berlin 2007 (engl. The God Delusion, 2006); Christopher Hitchens, Der Herr ist kein Hirte. Wie Religion die Welt vergiftet, München 2007; Michel Onfray, Wir brauchen keinen Gott, München 2006; Daniel Dennett, Breaking the Spell. Religion as a Natural Phenomenon, London 2006; Martin Urban, Wer leichter glaubt, wird schwerer klug, Frankfurt a. M. 2007.
3 Simon Conway Morris, Life’s Solution, Cambridge 2003, 316, Übersetzung H.H.; Morris ist einer der führenden Evolutionstheoretiker in Biologie und Paläontologie.
4 Marc W. Kirschner / John C. Gerhart, The Plausibility of Life, New Haven 2005.
5 Evangelische Kirche in Deutschland (Hg.), Weltentstehung, Evolutionstheorie und Schöpfungsglaube in der Schule, EKD-Texte 94, Hannover 2008.
6 Eine ausführlichere Darlegung findet sich bei Martin Neukamm / Andreas Beyer, Kreationismus und Intelligent Design – Wissenschaft oder Pseudowissenschaft?, in Martin Neukamm (Hg.), Evolution im Fadenkreuz des Kreationismus, a.a.O., 37-54; sowie noch umfassender bei Gerhard Vollmer, Biophilosophie, Stuttgart 1995.
7 Mendels „Spaltungsregel“ sprach zu Darwins Zeit unmittelbar eher für Artkonstanz, weil die Merkmale der P-Generation in der F 2-Generation wieder zum Vorschein kamen. Erst als die Populationsgenetik entwickelt wurde, stellte sich heraus, dass Mendels Regeln nur einen idealisierten Gleichgewichtszustand beschreiben, der durch genetische Veränderungen und Allelverschiebungen dauernddurchbrochen wird (persönliche Mitteilung Martin Neukamm).

2 Comments

  1. ID ist eine notwendige Erweiterung der Wissenschaft

    In vielen Teilbereichen der Wissenschaft ist die Methode des Intelligent-Design eine oft angewandte Methode. Es geht dabei doch um die zunächst einfache Frage, ob ein beliebiges Objekt oder eine Struktur natürlichen Ursprungs ist oder nicht. Diese Unterscheidung muss von einigen Wissenschaftlern gemacht werden, wobei die Frage auch entgegengesetzt formuliert werden kann, nämlich ob eine bestimmtes Objekt von Menschen bearbeitet wurde oder nicht. In diesem Fall ist die Design-Hypothese auf den Menschen als Intelligenz abgestimmt.

    Bei der Beantwortung solcher Fragen gibt es in vielen Bereichen der Wissenschaft keine Vorurteile und es werden Methoden erdacht, die gestellten Fragen zu klären. Im Bereich der Biologie verändert sich die Situation schlagartig, denn „Was soll denn das?“ ist die spöttische Reaktion der meisten Evolutionisten. Sie sind von weltanschaulichen Vorurteilen derart blockiert, diese Frage auch nur zu durchdenken, dass man objektiv eine große Lücke in der Forschung feststellen kann. Ihre Suche nach Modellen und Erklärungen für die Entstehung des Lebens und dessen Diversifizierung beruht ausschließlich auf der Suche innerhalb der materiell vordefinierten statischen und dynamischen Fähigkeiten der Materie selbst. Dass eine solche Suche unter Umständen nie zum Ziel führt, wird nicht erwogen und Fragen in dieser Richtung werden als „religiös“ disqualifiziert. In diesem Zusammenhang wird in letzter Zeit immer öfter gerufen, diese Theorie sei absolut bestätigt und kein vernünftiger Mensch zweifele mehr daran. Doch wenn diese Rufe auch lauter werden, so scheint diese Theorie in Wirklichkeit immer mehr zu bröckeln. (siehe: http://www.evolutionstheorie.info/naturalismus/evolution/evolution-kritik1.htm) Evolutions-Prozesse die die Entstehung von neuen Arten aus „Stammformen“ beschreiben, sind jedoch auch im Rahmen der ID-Theorie unerlässlich. Insofern wird auch jeder ID-Vertreter die Leistungen Darwins achten.

    Welcher Wert steckt denn in der Aussage, dass „die überwiegende Mehrheit der Natur-Wissenschaftler seit über einem Jahrhundert die Evolutions-Theorie anerkennt“. Im Grunde genommen ist diese Aussage alles andere als ein Hinweis auf die wissenschaftliche Relevanz dieser Theorie, denn heute würde (hoffentlich) kein Wissenschaftler gestützt auf das völlig unzureichende Datenmaterial, was vor hundert Jahren verfügbar war, diese Theorie anerkennen. Rückblickend können wir feststellen, dass diese Theorie zu jeder Zeit von den meisten Wissenschaftlern eher „geglaubt“ wurde, weil die Daten einfach fehlten. Gegenwärtig im Zeitalter der Mikro-Biologie trifft das mehr zu als je zuvor.

    Die Frage, ob das Leben unserer Erde auf einen intelligenten Konstrukteur zurückgeht, ist kein Unfug, denn es liegt im Bereich des Möglichen. Das Argument, dass dort, wo „göttliche oder außerirdische Intelligenzen“ ihre Hand im Spiel haben, wir Menschen nicht den notwendigen Zusammenhang zwischen einer erkennbaren Ursache und einer planbaren Wirkung erkennen könnten, trifft nicht zu. Auf heuristischer Basis lassen sich bestimmte Prinzipien der Intelligent Designer herausfinden, die der Suche nach berechenbaren Zusammenhängen dienen, und somit eine Voraussetzung dafür sind, dass ID mit den Mitteln der Naturwissenschaft erforschbar ist. (siehe: http://www.evolutionstheorie.info/idtheorie/idtheorie-prinzip2.htm)

    Falls eine lückenlose Beschreibung für die „natürlichen“ Entstehung eines Objekts vorliegt, wie das zum Beispiel für Kochsalz oder viele Aminosäuren der Fall ist, dann ist es natürlich nicht erforderlich, die Frage des Intelligent-Design zu stellen. Auch dann nicht, wenn der Wissenschaftler eine gute Theorie für die mögliche Entstehung hat und mag sie noch so intuitiv sein. Aber es gibt im Bereich der Biologie mehr ungeklärte Fragen als es gut ist und eine Reihe Wissenschaftler haben die Theorie geschaffen, wonach in bestimmten Strukturen ein hoch intelligentes Design vorliegen könnte. Solche einzelne Hypothesen setzen immer auf den momentanen Kenntnisstand auf und sind demnach empirisch widerlegbar, sobald entsprechende Beobachtungen vorliegen. Hier muss darauf hingewiesen werden, dass Intelligent-Design nicht beliebig postuliert wird. Grundsätzlich kommen nur solche Strukturen oder entsprechende Informationen auf den Prüfstand, die bislang nicht aufgeklärt wurden aber potenzielle Signale für ID in sich tragen. Dabei handelt es sich oft um nicht reduzierbar komplexe Systeme oder um Systeme, deren Entstehung nur teleonomisch erklärbar zu sein scheint.

    Die Argumentationen der Anhänger des Naturalismus laufen fast immer in das Gleis, dass durch den Rückschluss auf einen Designer die Suche nach einer natürlichen Erklärung vorzeitig abgebrochen werde – und es stelle sich die Frage, ab wann man die Suche nach einem natürlichen Ursprung aufgeben sollte. Dem ist entgegen zu halten, dass sich ein vernünftiges Maß für den Aufwand in der einen oder anderen Richtung zu forschen ganz sicher finden lassen wird. Man muss zu diesem Zweck nur einmal die hypothetische Position einnehmen, die die Wissenschaft hätte, falls feststehen würde, dass es diesen Designer gibt und dass dieser das Leben in definierbaren Grenzen entwickelt haben. Ab diesem Zeitpunkt würde wohl niemand auf die Idee kommen, nicht mehr weiter zu forschen – ganz im Gegenteil.

    Die zentrale Hypothese des ID bezieht sich auf den Designer. Seitens der Anhänger des Naturalismus wird behauptet, diese sei nicht falsifizierbar. Dem kann jedoch widersprochen werden, weil sich diese Hypothese gleichzeitig konkret auf das Leben auf den Planeten Erde bezieht. Sollte sich herausstellen, dass sowohl die Biogenese als auch die Diversifizierung des Lebens ohne den Designer erklärbar ist, wäre die zentrale Hypothese des ID widerlegt. Welches Kriterium dafür, dass ID keine Wissenschaft sei, liegt denn eigentlich vor?

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  2. Simon Conway Morris: „Die Theologie könnte etwas über die Welt sagen, was nicht nur sehr zu unserem Vorteil wäre, sondern was uns die Naturwissenschaft auch nie zu sagen imstande wäre.

    Was könnte er damit meinen?
    Kennt jemand ein Beispiel?

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