Glaubuli für den Volkskörper


Von Hanno Charisiusdasmagazin.ch

Unter dem Naziregime erlebte die Homöopathie ihren ersten Höhenflug. Doch schon damals konnte sie ihre Versprechen nicht einlösen.

Wer die Alte Römerstrasse in Dachau im Norden Münchens abläuft, macht unweigerlich eine Zeitreise. An einer Betonmauer geht es entlang, dahinter ist ein Bollwerk aus Stacheldraht, Gräben und Starkstromkabel zu erkennen. Betonsockel deuten an, wo früher die Baracken der Gefangenen des Konzentrationslagers standen. Wachtürme herrschen noch heute über das Areal, das vielleicht acht Fussballfelder fasst.


Wer Anfang der Vierzigerjahre aussen vor der Mauer stand und nach Osten blickte, hatte ein idyllisches Bild vor Augen. Felder voller Blüten erstreckten sich bis zum Horizont, dazwischen Gemüsereihen, Heil- und Gewürzpflanzen. Auf Befehl der SS mussten die Gefangenen hier anbauen, was die Selbstheilungskräfte der Deutschen stärken sollte. Um den «Volkskörper» gesund zu halten, griffen die Nationalsozialisten auch auf die Homöopathie zurück. Die fügte sich — wie die gesamte Naturheilkunde — einigermassen zwanglos in ihre Ideologie ein. Umgekehrt brachten auch viele Homöopathen Sympathie für die Ideen der Nationalsozialisten auf. Und das nicht nur, weil sie sich unter deren Protektorat ordentliche Gewinne versprachen. Naturärzte und Homöopathen, die in der Weimarer Republik noch als Aussenseiter einen schweren Stand gehabt hatten, wurden plötzlich gefördert. Die Homöopathen hofften nun auf die lang ersehnte Anerkennung.

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