Unmoralischer Moralforscher?


Quelle: wjh.harvard.edu

Ein Forschungsskandal um den Primatologen und Moralpsychologen Marc Hauser erschüttert die Harvard Universität

Von Stefan Schleimtp

Evolutionsbiologie und Primatologie haben in den vergangenen Jahrzehnten einen bedeutenden Beitrag zum Verständnis menschlicher Denkfähigkeiten beigetragen. Insbesondere durch die Untersuchung bestimmter Entsprechungen oder Vorformen von unter anderem der Sprachfähigkeit, mathematischen Fertigkeiten oder auch Moralverhalten wurden Mensch und Tier einander unter dieser Perspektive ein gutes Stück näher gebracht. Der Harvard-Professor Marc Hauser hat in den letzten Jahrzehnten einen entscheidenden Beitrag zu dieser Forschung geliefert. Ein nun bekannt gewordener Skandal wissenschaftlichen Fehlverhaltens bringt aber nicht nur Hausers eigene Untersuchungen in Verruf, sondern könnte womöglich auf das gesamte Forschungsgebiet abfärben. Die Verschwiegenheit der Harvard Universität sowie betroffener Regierungsstellen macht die Situation nicht einfacher. Durch anonyme Berichte sind jetzt erste Details des Fehlverhaltens bekannt geworden.

Dass Charles Darwin in seiner Untersuchung über die Abstammung des Menschen unsere evolutionären Wurzeln auf Affen zurückgeführt hat, bezeichnet man manchmal neben der kopernikanischen und freudschen als eine der drei großen Kränkungen der Wissenschaft. Der Vorstellung des Menschen als Krone der Schöpfung im Zentrum des Universums und Herr im Haus der eigenen Seele schienen die revolutionären wissenschaftlichen Funde zu widersprechen. Noch heute ist es ein spannendes Forschungsthema, ob herausragende menschliche Fähigkeiten einzigartig sind oder eine Entsprechung beziehungsweise einen Vorläufer im Tierreich besitzen. Zu dieser Arbeit hat über mehrere Jahrzehnte Marc Hauser beigetragen, ein 50-jähriger Psychologieprofessor, bekannter Wissenschaftskommunikator und Direktor des Laboratoriums für Kognitive Evolution an der angesehenen Harvard Universität.

Sein beeindruckender akademischer Lebenslauf zeigt, dass er das mit großem Erfolg getan hat. So wurde unter seiner Beteiligung allein in den letzten vier Jahren rund jeden Monat eine Arbeit in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift veröffentlicht. Zudem hat Hauser in mehreren populärwissenschaftlichen Büchern der Allgemeinheit Themen der Evolutionsbiologie und -psychologie näher gebracht. In deutscher Übersetzung erschien 2001 „Wilde Intelligenz. Was Tiere wirklich denken“ (C. H. Beck). Sein 2006 erschienenes Buch über die Evolution der Moral, „Moral Minds. How Nature Designed Our Universal Sense of Right and Wrong“ (Ecco), ist weltweit ein großer Erfolg gewesen. Dieser beeindruckende Lebenslauf ist nun durch einen Wissenschaftsskandal befleckt, über den zuerst der Boston Globe am 10. August berichtete.

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