Pränataler Kreationismus


Dr. Hansjörg HemmingerAG EvoBio

Der Band von Joachim Scheven: „Wer ihrer achtet“

Im Jahr 2007 wurde an verschiedene Schulen und Bibliotheken deutschlandweit ein gut aufgemachtes Buch „Vor uns die Sintflut – Stationen biblischer Erdgeschichte“ von Joachim Scheven kostenlos verschickt. Herausgeber des Werkes war das Kuratorium Lebendige Vorwelt in Hofheim/Taunus. 2010 folgt ein weiteres, mit hervorragenden Schmetterlings-Abbildungen ausgestattetes Werk Schevens: „Wer ihrer achtet. Afrikanische Erinnerungen“. Beide Bücher werben für den Kurzzeit-Kreationismus und für eine fundamentalistische Bibelauslegung. Das erstere orientiert sich weitgehend an „The Genesis Flood“ von John Whitcomb und Henry Morris (1961) und ist damit völlig obsolet.

Da die Erkenntnisse der Geologie und Paläontologie für den Kurzzeit-Kreationismus ein unlösbares Problem darstellen, enthält das Buch naturwissenschaftlichen Unfug, bis hin zu gezielten Täuschungsmanövern. Zum Beispiel wird behauptet, die Jahrmillionen der Erdgeschichte würden von Geologen aus dem „Prinzip des Aktualismus“ gefolgert (S. 27). Kein Wort erfahren Leserinnen und Leser von radiometrischen Zeitmessungen, von datierten Eiskernen, oder von der Dendrochronologie usw. Dieses Manöver ist insofern wichtig, als Scheven ein Erdalter von kaum mehr als 3.000 Jahren annimmt, also noch kürzer als die meisten Kreationisten. So behauptet er allen Ernstes, die Eiszeit (es gibt bei Scheven nur eine) hätte vor rund 1500 Jahren begonnen und sei 300 Jahre später wieder zu Ende gegangen. Durch gigantische Hagelfälle seien kilometerdicke Eisschilde aufgebaut worden, und nach deren Aufhören in wenigen Jahren abgeschmolzen (S. 146, 213, 219). Das dürfte aus physikalischen und geologischen Gründen unmöglich sein. Scheven müsste erläutern, woher die gigantische Wärmeenergie für das Abschmelzen gekommen sein soll, und wo die Spuren der Wassermassen sind, die dieser Prozess freigesetzt hätte. Alle Befunde sprechen für mehrere Eiszeiten, die jeweils hunderttausend Jahre oder länger dauerten, und deren letzte vor rund 11.000 Jahren zu Ende ging. Das Abschmelzen des europäischen Eisschilds dauerte übrigens 4.000 Jahre, also länger als Schevens Erdalter.

Das zweite Werk, das kürzlich verschickt wurde, beschreibt die Forschungen des Schmetterlingssammlers Scheven in Afrika, und gleichzeitig seinen geistlichen Weg vom lutherischen Missionar zum darbystischen Fundamentalisten, der nicht ansteht, seine Herkunftskirche als Hure Babylons zu bezeichnen, und seine Trennung von ihr als Hinwendung von Satan zu Gott. Für ein Studium der Psychologie christlichen Fanatismus ist das Buch aufschlussreich, mit Naturwissenschaft hat es nichts zu tun. Das Kuratorium Lebendige Vorwelt e.V. war im Übrigen die Organisation des Ehepaars Scheven zur Verbreitung des Kreationismus, die zeitweise auch ein kreationistisches Vorzeitmuseum betrieb. Es hatte seine Arbeit, soweit erkennbar, aus Altersgründen weitgehend eingestellt. Wer den neuerlichen Buchversand durchführt, ist unbekannt. Allerdings arbeitet die Tochter Esther Scheven, ebenfalls eine Kreationistin, als Fachreferentin an der Deutschen Bibliothek Frankfurt und hat von daher die Sachkenntnis für die beschriebenen Versandaktionen.

2 Comments

  1. Wo ist das Buch von Joachim Scheven erschienen ? In Hofheim/Taunus !? Diese Kreisstadt scheint sich offensichtlich – dank der Förderung duch die SPD-Bürgermeisterin Gisela Stang – zu einem Zentrum für esoterischen Schwachsinn zu entwickeln.

    Und – sollte das Erdalter tatsächlich nur 3.000 Jahre betragen, wie der Autor meint, dann sind die Zeugen Jehovas mit ihrer Berechnung des Erdalters ja geradezu fortschrittlich. Beim letzten Hausbesuch von zwei Zeugen Jehovas wurde mir nämlich gesagt, dass die Erde nur rund 7.000 Jahre alt sei. Weiter bemerkten die beiden Leutchen, dass die Messung nach der Radiokarbon-Methode nicht verläßlich sei und einen Fehler beinhalte.

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