Vom vulgären Sozialdarwinismus


Andreas Zick lehrt an der Pädagogischen Fakultät der Universität Bielefeld. Foto: privat

Von Ursula RüssmannFrankfurter Rundschau

„Da kommt Hass zum Vorschein“

Der Sozialforscher Zick spricht im FR-Interview über Sarrazins Fangemeinde und die bedrohte Norm vom gleichen Wert der Menschen.

Professor Zick, wie groß ist der Resonanzboden hierzulande, auf den Sarrazin trifft?

Sarrazin bedient ein rechtspopulistisches Potenzial, das 25 bis 30 Prozent der Bevölkerung umfasst. Zuspruch findet er mit einzelnen Thesen aber bei bis zu 50 Prozent. So haben wir in Befragungen erhoben, dass jeder Zweite findet, wir hätten zu viele Zuwanderer; vier von zehn Bürgern haben Angst vor Überfremdung, nur 16 Prozent meinen, die muslimische Kultur passe hierher. Das sind sogar weniger als etwa in Ungarn oder den Niederlanden.

Sarrazin wird Rassismus vorgeworfen.

Ich finde es treffender, von vulgärem Sozialdarwinismus zu sprechen. Er sortiert ja Menschen in Gruppen und bewertet diese nach ökonomischer Nützlichkeit. Damit reiht er sich ein in eine Tendenz, die wir schon länger beobachten. FDP-Chef Westerwelle hat in der Hartz-IV-Debatte ähnlich argumentiert: zwar nicht biologistisch wie Sarrazin, aber nach Nutzenkriterien. Das zeigt auch unsere Langzeitstudie zu gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, also zu einer ganzen Palette von Vorurteilen: Die Menschen bewerten ihr Umfeld und ihre sozialen Netze immer mehr nach Nützlichkeitsgesichtspunkten.

Das heißt, die Solidarität in der Gesellschaft schrumpft?

Genau.

Sie haben auch Zusammenhänge zur Finanzkrise untersucht.

Da zeigt sich, dass ökonomisch schlechter gestellte Gruppen und auch verunsicherte Mittelschichts- angehörige eher zu Fremdenfeindlichkeit neigen. Das verbreitete Gefühl politischer Machtlosigkeit verstärkt das noch. Dabei wird die Frustration nicht individuell empfunden, sondern kollektiv. Motto: „Wir müssen die Zeche bezahlen, nicht die anderen.“

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3 Comments

  1. Diese Nützlichkeits-Kriterien werde noch weitere Folgen haben.

    Welchen Nutzen haben die Alten?
    Welchen Nutzen haben die behinderten?

    eine Australisch-Neuseeländische forschergruppe hat vor ca 10 Jahren „festgestellt“, wie man zukünftige antisoziale Personen im Alter von 8 jahren „erkennen“ kann.
    Welche Schlußfolgerungen ergeben sich daraus, wie geht man dann mit diesen Personen um?

    übrigens mußten sie etwas später zugeben, daß ihre harten Daten dann wohl doch nicht so hart waren, wie sie erst behauptet hatten.

    Aber das läßt doch viel spielraum.

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  2. „nur 16 Prozent meinen, die muslimische Kultur passe hierher.“

    In die „Dritte Kultur“ die eine kosmopolitische Kultur des Individualismus ist, passen überhaupt keine natürlich erwachsenen Kulturen mehr.
    Man ist kosmopolitischer Individualist. – Ende.
    Man hat keine Wurzeln mehr, sondern man hat das Fliegen gelernt.
    Wenn also jemand darauf besteht Wurzeln zu haben ob muslimische, christliche oder serbo-kroatische oder was-auch-immer, dann setzt er in seiner Selbstverwirklichung Maßstäbe die man mit Selbstverstümmelung gleichsetzen kann.

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  3. Bisher habe ich das mit Sarrazin ziemlich unbetroffen gesehen. Allerdings kommen aufgrund des Sarrazins Buches immer mehr Betroffene zu Wort, z.B. Polizisten, die sich nicht mehr ohne eine Hundertschaft in gewisse Berliner Stadtteile trauen. Was hat unsere Merkel dazu zu sagen: Diese Berliner Stadtteile sind lebendige Stadtteile. Das zeigt mir doch, diese Frau ist absolut unfähig die Probleme der Betroffenen zu begreifen. Die Politik der CDU hat sich vom Volk entfernt. Die CDU ist keine Volkspartei mehr.

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