Die Schöpfungslüge


Von Josef BruckmoserSalzburger Nachrichten

In seiner „Schöpfungslüge“ kehrt Richard Dawkins zu seinem Fach zurück. Ein Biologe über das Brutale in der Evolution – und warum dahinter kein Gott stehen könne.

In seinem Bestseller „Der Gotteswahn“ hatte der englische Biologe Richard Dawkins mit allen Religionen zu ebener Erde abgerechnet. Voller Polemik gegen den fundamentalistischen Popanz, den er meint bekämpfen zu müssen.

Im Vergleich dazu liest sich sein neues Buch „Die Schöpfungslüge“ geradezu sachlich. Der Kronzeuge von Charles Darwin bleibt bei seinem Fach, der Biologie, und bietet gut aufbereitete Sachinformation über die Entstehung der Arten. „Dieses Buch handelt von den Belegen dafür, dass die Evolution eine Tatsache ist. Es richtet sich nicht gegen die Religion“, stellt Dawkins ausdrücklich fest.

Der streitbare Naturwissenchafter weiß sich teilweise sogar mit Theologen und kirchlichen Würdenträgern eins. „Der Erzbischof von Canterbury hat mit der Evolution ebenso wenig ein Problem wie der Papst – wenn man einmal von der seltsam schwankenden Meinung darüber absieht, an welcher paläontologischen Stelle den Menschen die Seele eingehaucht wurde.“

Damit ist Dawkins bei seinem Lieblingsthema: Es könnten nicht beide Recht haben, die Bibel und Darwin. Die über Millionen Jahre dauernde, auf natürlicher Selektion beruhende Evolution sei keine Theorie, sondern eine „Tatsache“. Daran gebe es keine „vernünftigen, geistig gesunden, begründeten und intelligenten Zweifel“. Im Biologieunterricht die Evolution zu leugnen sei ebenso unvernünftig wie in Geschichte abzustreiten, dass es das römische Reich gab.

Dawkins sieht sich auf diesem Feld als Kronzeuge Darwins gegen jene, die er die „Vierzigprozenter“ nennt. Laut Uumfragen seien 40 Prozent der US-Amerikaner „in der Wolle gefärbte, evolutionsfeindliche Kreationisten“. Sie glaubten, dass Gott die Menschen innerhalb der letzten 10.000 Jahre „mehr oder weniger in ihrer jetzigen Form erschaffen hat“.

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5 Comments

  1. In einem Punkt hat Dawkins wenigstens recht:

    „Es könnten nicht beide Recht haben, die Bibel und Darwin.“

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  2. Der Schluss dieses Artikels bringt wieder mal die übergriffige Vereinnahmungsgeste der Religiösen zum Ausdruck. Diese Leute können sich scheinbar nicht vorstellen, dass man ihre Probleme nicht hat. In diesem Fall geht es um das sogenannte Theodizee-Problem:

    „Denn genau um diese Anfechtung, dass die Welt nicht die beste aller denkbaren ist, kommt kein Mensch herum. Diese Frage brennt dem Gläubigen ebenso auf der Seele wie Richard Dawkins. Alle Antworten darauf waren und sind unbefriedigend. Die Antwort des englischen Biologen ist da keine Ausnahme.“

    Das ist natürlich unverschämt. Und im Grunde steckt hier auch wieder, wie schon bei der Rezeption des „Gotteswahns“, der Vorwurf an Dawkins, er kümmere sich nicht genügend um die theologischen Probleme. Selbstverständlich ist das Problem des Bösen und des Leids nur für denjenigen ein – theoretisches – Problem, der an den allmächtigen, allwissenden und allgütigen Gott glaubt. Dawkins hat dieses Problem sicher nicht. Er kann allerdings sehen, dass jede religiöse Theorie spätestens hier scheitert. Na und? Das wissen wir schon und seine Bestürzung darüber dürfte sich in einem schwachen Achselzucken erschöpfen.
    Im übrigen trägt das Buch auf Deutsch den sehr treffenden Titel „Die Schöpfungslüge“. Das Theodizee-Problem stellt sich aber definitionsgemäß nur für Schöpfungen. Wen soll es also theoretisch kümmern, „dass die Welt nicht die beste aller denkbaren ist“, wenn es sich, wie das Buch sehr eindrucksvoll demonstriert, nicht um eine Schöpfung handelt? Unter evolutionsbiologischem Aspekt gibt es kein Theodizee-Problem.
    Dazu folgendes Zitat aus „The Greatest Show on Earth“ (Originaltitel der „Schöpfungslüge“, meine ÜS):

    „Theologen ringen mit den Problemen des Leidens und des Übels, und zwar in einem solchen Ausmaß, dass sie sogar einen Namen erfunden haben, „Theodizee“ (wörtlich „Rechtfertigung Gottes“), für den Versuch, sie mit der mutmaßlichen Allgüte Gottes in Einklang zu bringen. Evolutionäre Biologen sehen hier kein Problem, da Übel und Leiden im Überlebenskalkül der Gene keine Rolle spielen, weder in die eine noch die andere Richtung. Nichtsdestotrotz müssen wir uns um das Problem des Schmerzes kümmern. Woher stammt er, evolutionär betrachtet?“

    Naja, und seine Antwort auf dieses Problem ist gewohnt brillant und – wiederum theoretisch – durchaus befriedigend.

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  3. RE Galileo:
    Mathematiker und Physiker in den Google groups sagen dazu, dass Galileo straflos davongekommen wär, wenn er
    1. mit ein wenig Höflichkeit seine Theorie
    2. als Hypothese, und nicht als Tatsache, aufgestellt hätte:

    http://tinyurl.com/34kn2es

    Quote:
    > „Although a Vatican commission had passed an edict in 1616 declaring
    > the Copernican system a heresy, Galileo had not been completely muzzled by
    > the Church.
    > Sobel emphasizes that Galileo was only ordered by the edict to present his
    > views as strictly
    > hypothetical. The Church in 1616 had little problem with Galileo as long as
    > the sun-centered
    > model was treated ex hypothesi rather than as fact.“

    Galileo got his ass in trouble for three reasons.
    1. As you point out, he asserted the motions of the Earth as fact.
    [….]

    Had Galileo been able to produce evidence of parallax at the time he published, the Church would have shut up, because such evidence is overwhelming proof of the earth’s movement about the Sun.

    The best Galileo could produce was the phases of Venus (which is pretty good evidence) and a defective theory of the tides (Galileo got the tides all wrong, but he made honest empirical errors).
    End of quote
    …………………………………………………………….
    Anderswo sagt der gleiche Autor, dass Galileos Theorie erst viel später mit Foucaults Pendulum bewiesen war.

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  4. Und jetzt ganz neu, die Galileo-Lüge:

    http://www.catholicintl.com/galileowaswrong/index.html

    „Galileo Was Wrong is a detailed and comprehensive treatment of the scientific evidence supporting Geocentrism, the academic belief that the Earth is immobile in the center of the universe. Garnering scientific information from physics, astrophysics, astronomy and other sciences, Galileo Was Wrong shows that the debate between Galileo and the Catholic Church was much more than a difference of opinion about the interpretation of Scripture.

    Scientific evidence available to us within the last 100 years that was not available during Galileo’s confrontation shows that the Church’s position on the immobility of the Earth is not only scientifically supportable, but it is the most stable model of the universe and the one which best answers all the evidence we see in the cosmos.“

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