In den Fängen der Evangelikalen


Quelle: tp

Von Peter Mühlbauertp

Interview mit Jürgen Wolther

Jürgen Wolther alias alionsonny ist Musiker, Grafiker, Videokünstler und Telepolis-Forenteilnehmer. Früher war er in einer evangelikalen Gemeinde aktiv und stieg in deren interner Hierarchie weit auf, bevor er schließlich ausstieg.

Herr Wolther – wie wurden Sie evangelikaler Christ. Durch Geburt oder durch Bekehrung?

Jürgen Wolther: Anfänglich weder noch, sondern aus Neugier und Sinnsuche. Ich absolvierte damals eine Lehre und der Lehrort lag weit von meinem Wohnort entfernt. Da die Busversorgung im dortigen ländlichen Bereich eher bescheiden war, fuhr ich oft per Anhalter nach Hause. Eines Tages nahm mich ein sehr netter junger Mann mit, der der Sohn einer Hauskreisleiterin war. Irgendwie kam man ins Gespräch und er lud mich zu einem dieser Hauskreise ein. So kam der erste Kontakt zustande. Ich war damals neu in die Gegend gezogen und war deshalb über jeden Kontakt froh. Spirituelle Themen interessierten mich eh, also fand ich das ganze einfach nur interessant und „anders“. Ein dermaßen intensiver Ausdruck von Religiosität war mir mit meinen damals 17 Jahren noch nie begegnet. Ich kannte halt nur die ganz normale Kirche und die aufgrund der weitgehenden Religionsablehnung in meinem Elternhaus meist nur von außen.

Es war also eine Art Exotik, die Sie anzog?

Jürgen Wolther: So könnte man es durchaus sagen. Die nach außen hin liebevolle und niemanden ausschließende, gastfreundliche und fröhlich wirkende Art mit Menschen umzugehen faszinierte mich und zog mich an. Und diese Menschen schienen tatsächlich zum sonst so fernen Gott eine persönliche Beziehung zu haben. Das wollte ich auch. Zudem setzten, das weiß ich heute, die jüngeren weiblichen Gemeindemitglieder ihren Charme ein, um gerade junge Männer in die Gemeinde zu ziehen. Ich erlag zum Beispiel dem Charme der Tochter der Hauskreisleiterin, die – wie ich – Gitarre spielte. Und zum gemeinsamen Gitarrespielen gab es in der Gemeinde mit ihren vielen Lobpreisabenden reichlich Gelegenheit.

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