Die Pädagogik der runden Ecken


Von Thylakoidmembranspiesser.de

Als Waldorfschüler wurde ich sehr oft von verschiedenen, “nicht Waldis“ angreifend angesprochen und kritisiert. Auf Grund verschiedener Behauptungen (Waldorfschule gleich Sonderschule, Waldorfschüler malen nur Bilder,…) hat es mich interessiert, was verschiedene Erwachsene, Erzieher, Eltern und Waldorfabsolventen an der Waldorfschule zu kritisieren haben.
Im Internet traf ich zunächst auf ein Elternforum, in dem sich Eltern über die Vor- und Nachteile der Waldorfschule unterhielten. Es ging darum, die richtige Schule für sein Kind zu finden.

Ich wurde vor allem bei folgender Äußerung besonders aufmerksam: „Mein Ex-Chef stellt keine Waldorfschüler als Azubis mehr ein, weil er sagt, die können mit klaren Anweisungen und den Arbeitsanforderungen schlecht umgehen.“

Wobei ein anderer Beitrag lautete: „Ich kann nur vom Hörensagen berichten. Es soll Chefs geben, wie der oben genannte, die keine Waldorfschüler mehr wollen und solche, die sie gerne nehmen. Kommt wohl auf den Beruf an.“

Auf einer anderen Seite fand ich den Beitrag eines Waldorfabsolventen interessant. Der Titel lautet: „13 Jahre Waldorf – Ein Resume“. Er kritisiert in diesem Text die ehemalige Waldorfschule, die er zwölf Jahre besuchte und schließlich zum letzten Jahr auf eine andere Schule wechselte. Diese Zusammenfassung seiner Schulzeit war sehr abfällig. Zum Beispiel schrieb er: „Die unterrichteten Fächer sind lächerlich. Die Kenntnis der deutschen Rechtschreibung nach diesen acht Jahren sind dürftig, ebenso verhält es sich in den Fächer Mathematik, Geschichte und Geographie. Wer die vier Grundrechenarten und ein bisschen Bruchrechnen beherrscht, hat schon gewonnen […]. Geschichte war zum Davonlaufen: man erzählt von Atlantis, von germanischen Götter- und Heldensagen. Allerdings wird dies nicht als Märchen beziehungsweise als Sage vermittelt, sondern als ex-existente Realität.“

weiterlesen

5 Comments

  1. Ich denke, die Studentin hatte dazumal (ist ja schon eine ganze Weile her… Wendezeiten…) einfach Glück, nur hat sie es niht gleich kapiert.
    Hätte sie erst mal drin gesteckt, wäre es wesentlich schwieriger für sie geworden, den Kopf oben zu behalten. Dieses „Hintenrum“ ohne klare Ansage ist allerdings keine Erfindung der Steinerer, sondern vermutlich in jeder Religion praktiziert. Steiner-Jünger machen es halt nur etwas gekonnter als andere Religiöse (die es nicht so nötig haben…)

    Was die Religion betrifft, so ist Steinerismus vermutlich eine eigene (christliche) Strömung. Mit etwas mehr Rückenwind wäre es eine echte neue Abspaltung geworden, so aber bleibt es so eine art exotisches Christentum ohne gänzliche Trennung, ein exotisch-okkult-elitäres christentum.
    Wenn man weiß, daß Steiner bis zum Überwerfen mit der Theosophischen Gesellschaft ihr Repräsentant in deutschen REgionen war, und nach Trennung von den Theosophen zum Ordo Templis Orientis gehörte (und zwar in Führungsposition), versteht man das auch.

    Liken

  2. @ yerainbow

    „Es kam ne Absage ohne Begründung.“

    Dieses Verhalten ist beinahe schon eine archetypische Reaktion von Seiten der Waldorf-Verantwortlichen auf das Unerwartete, das Unvorhergesehene, das nicht Gewollte, das besser nicht Eingetretene und das niemals nicht Gewünschte. Dies vor dem Hintergrund von möglichem Rassismus geleiteter Entscheidungen ist ein Armutszeugnis sondergleichen, es offenbart einen Mangel an Couragiertheit, Aufrichtigkeit und Transparenz, der nicht unbedingt Parallelen zu den Gepflogenheiten einer ernstgenommenen Demokratie offenbart.

    Ich selbst musste noch als Waldorfvater ein solches Verhalten erleben, über dass ich noch heute nur mit dem Kopf schütteln kann. Ausgerechnet einer Organisation, die öffentlich ein wahres Wort- und Begriffsfeuerwerk zu zünden imstande ist, fehlt es dann an den Worten, wenn nichts anderes die gegebene Situationklären und aufklären kann. Wie gesagt, ein bezeichnendes Armutszeugnis – aber auch ein Sinnbild für eine de facto religiös-ideologische Heilsbewegung, die sehr wohl um ihre Angreifbarkeit/Verwundbarkeit weiß, diese aber versucht mit Mitteln zu unterminieren, die den Verlust von Anstand und Menschlichkeit wohlfeil mit einkalkuliert.

    Und wie ebenfalls gesagt, an landläufiges demokratisches Verhalten erinnert das nicht… an anmaßende Willkür, selektive Ausgrenzung und versteckter (spiritueller) Obrigkeitsgläubigkeit dagegen umso mehr!

    Liken

  3. „Der Vorwurf „verkappte Religionsschule“ ist frei dahergegriffen. … Die Schüler einer Waldorfschule werden auch in keinster Weise zu irgendeiner versteckten Religion erzogen. Dies entspricht nicht dem Sinne Steiners und auch keinerlei den Absichten der unterrichteten Lehrer.“
    (aus dem betreffenden Artikel in „spiesser.de“)

    „Viele Kinder-Seelen hungern und dürsten nach religiösen Gedanken und Gefühlen. Diese Sehnsüchte verhärten und verkümmern, wenn sie keine Erfüllung finden. So wird man also in der Schule umso mehr Gewicht darauf legen können, den Kinderseelen da entgegenzukommen. Es muss SEHR GESCHICKT angestellt werden, denn alles, was früher einmal ging, geht heute nicht mehr. Man muss selbst GANZ VON RELIGIOSITÄT DURCHDRUNGEN sein und darf nicht dogmatisch oder belehrend darüber sprechen.“
    (Dieter Centmayer, Waldorflehrer und -dozent, 06.10.10,
    geschrieben in „joveniden.blogspot.com)

    Welch ein wunderbarer, weil schnell einleuchtender Widerspruch! Also nicht nur der des Herrn Centmayer, der doch tatsächlich meint, „ganz von Religiosität durchdrungen“ zu sein und dabei Dogmatismus und Belehrung außen vor lassen zu können. Wie so oft liegen tiefe Gräben zwischen Behauptung und Tatsache, wenn es um konkrete Waldorfpädagogik geht. Bemerkenswert auch der Hinweis des Klassen- und Fachlehrers Centmayer, daß die Vermittlung religiöser Aspekte „sehr geschickt“ vollzogen werden müsse, „denn alles, was früher einmal ging, geht heute nicht mehr“. Muß man an dieser Stelle Mitleid mit ihm haben, weil er erkannt hat, daß moderne aufklärerische Mittel religiöses Eiferertum mehr und mehr ausbremsen? Oder muß man ihm Respekt dafür zollen, daß er auf die unbedingte Notwendigkeit eines „geschickten“ Vorgehens aufmerksam macht, also auf eine letztlich dann doch „verkappte“ Methodik, keine Waldorfschule komplett frei vom wundersamen Anstrich einer „Religionsschule“ zu halten?

    An einer Stelle muß man vielleicht doch Mitleid haben: Mit Waldorfschülern nämlich wie jenen, der auf spiesser.de sprachlich sehr unbeholfen weder erkennen kann noch erkennen mag, was in einem Großteil ihrer Lehrerschaft tatsächlich so vorgeht, ohne darüber auch nur ein falsches Wort zu verlieren. Daß man ihm dass Erkennen-können nicht einmal vorwerfen kann, weil ein gewiefter Waldorflehrer in der Regel um die richtigen konzeptionell-didaktischen Mittel weiß, nur verhältnismäßig wenig seines anthroposophischen Erkenntnisspektrums preiszugeben, dafür sollte man ihm dann tatsächlich ein bißchen bemitleiden. Nennt man daß nun eigentlich hintenrum, taktisch, kinderfreundlich oder gleich waldorfpädagogische „Erziehungskunst“?

    Liken

  4. hahaha.
    Das ist aber vorsichtig formuliert… „einiges, was man bei Steiner als Rassismus vielleicht – naja – verstehen könnte, aber gottchen, war alles nicht so gemeint…“
    oder so.

    Ach?

    Hier wieder meine Geschichte zur Dresdner Waldorfschule, mit der Wende gegründet.
    Eine Studentin (mit kindern, die farblich ein wenig zu dunkel geraten waren) bewarb sich für nen Praktikumsplatz.
    man hätte sie für ein halbes jahr umsonst gekriegt, und da sie mit Kindern schon praktisch umgehen konnte, war man begeistert.
    Zur letzten Terminabsprache kam sie leider MIT ihren Kindern, ihr Babysitter war krank oder was.
    man versprach ihr, sie kriegt alles schriftlich.
    Es kam ne Absage ohne Begründung.

    Sie hat JAHRE gebraucht um zu begreifen, WARUM sie so urplötzlich abgelehnt wurde…

    „man redet nicht drüber, dann ist es kein Rassismus“.
    Ach? Tolle Logik.

    Mal abgesehen vom Rest der blödheiten.

    Liken

Kommentare sind geschlossen.