Wille zur Hülle


 

Wer tatsächlich für die Rechte muslimischer Frauen eintreten will, muss sich den Forderungen der islamischen Feministinnen anschließen: Niemand darf einer Frau ihre Bedeckung vorschreiben, niemand darf sie ihr verwehren. (© REUTERS)

 

Nacktheit ist im Islam Privatsache. Rechtfertigt das die Verschleierung von Frauen? Muslimische Feministinnen wollen diese Entscheidung den Frauen selbst überlassen – im Gegensatz zu Alice Schwarzer.

Von Ingrid Thurner sueddeutsche.de

In islamischen Kulturen sind körperliche Annäherungen zwischen Mann und Frau in der Öffentlichkeit nicht üblich, und nur gleichgeschlechtliche Personen umarmen einander vor aller Welt. Es wäre falsch, dies als Homosexualität zu deuten, sowie auch Händchen haltende Männer, die man vielerorts in der arabischen Welt sehen kann, bloß eine entspannte freundschaftliche Haltung einnehmen. Aber Mann und Frau berühren einander nicht vor anderen, küssen einander nicht, und alles Weitere tun sie auch nicht öffentlich, zumindest nicht in konservativen, wohlerzogenen Kreisen.

Es wird auch nicht der Name einer Frau über die Straße gerufen, jedenfalls nicht, wenn man sie nicht grob beleidigen will. In vielen Gegenden gilt es schon als schlechtes Benehmen eines Mannes, eine Frau direkt anzusehen. Man blickt bei der Begrüßung über ihre rechte Schulter. Einer Frau in die Augen zu sehen, kann als Balzverhalten gedeutet werden. Und wenn er gar die Rede auf die Schönheit ihrer Augen bringt und deren Ausdruckskraft preist, so ist dies im kulturspezifischen Flirtschema eine Einladung, wozu, das hängt ab von den beteiligten Personen, Umständen, Orten der Begegnung.

Jedenfalls besteht eine klare Trennung von öffentlichen und privaten Bereichen. Diese kann im Extremfall und bei kreativer Macho-Interpretation einiger Koranverse zu staatlich verordneter Geschlechterapartheid und weiblicher Ganzkörpervermummung im öffentlichen Raum führen, wie sie etwa in Saudi-Arabien Usus sind.

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10 Comments

  1. Natürlich ist die Entscheidung immer nur innerhalb von sozialen Regelungen möglich,die halt von der Kultur her gestattet sind.

    Wer würde nicht in der größten Hitze lieber nackt mit nur nem Sonnenhut und ner Sonnenbrille herumlaufen? Also ich jedenfalls würde das gern…
    Hängt natürlich mit meiner herkunft aus einer Familie von Nudisten zusammen….

    ist aber hier kaum möglich.

    Ebenso – Röcke in der Hitze für Männer (freies SChwingen dürfte viel angenehmer sein als enge jeans….).
    Die SChotten trauen sich das mitunter noch…
    Ich habe in meinem Leben bisher life nur einen (1) Mann gesehen, der mit einem Rock (und barfuß) durch die Gegend zog, und der war ein Freak…

    Wieviel freie Entscheidung ist also möglich?
    Das geben die geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze her, nicht unbedingt die eigene Idee (wenn man überhaupt auf die Idee kommt).

    Jeanne d´Arc wurde verbrannt für das Tragen von Männerkleidung.
    Die Frauen ihrer Zeit trugen diese umbequemen „Weiberkleider“ auch freiwillig, sozusagen…
    Welche nicht, mußte des Teufels sein…

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  2. Ich bin zwar auch gegen Kleidungsverbote nur sind religiöse Kluften alles andere als modisch und ästhetisch, da wir nicht mehr im Zeitalter von Tempelhuldigung leben.

    Religiöse Symbolik offen zur Schau zu tragen, da muss man ziemlich minderwertiges Selbstgefühl an den Tag legen, da man eigentlich davon ausgehen müsste dass der jeweilige Glaube an Gott oder sonstwas mit Überzeugung im Herzen getragen wird. Oberflächlicher Firlefanz.
    Oder durchaus eher ein Anzeichen von Fundamentalismus, da Fußballfanatiker auch nur dann Hardcorefans sind, wenn sie ihr Gesicht mit albernen Farben bepinseln.
    Personen aus eben jenen Kulturkreisen haben scheinbar noch nichtmal die zur Verfügung stehenden Freiheitsgrade erfasst und lassen sich von oberflächlichem Geplapper einiger religiöser Propagandisten beeinflussen.

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  3. @nickpol:
    Nach meinen Beobachtungen ist es bei diesen „gemischtgekleideten“ Paaren immer der Mann, welcher westlich gekleidet ist und immer die Frau, die traditionell gekleidet ist. Ergo, steckt ein System dahinter, das von allen Paaren befolgt wird. Bei reiner Freiwilligkeit wäre das wohl nicht so möglich.
    Außerdem, was heißt schon freiwillig? Die meisten Frauen, die sich „freiwillig“ für den Schleier entscheiden, hatten aufgrund einer traditionellen bzw. religiösen Erziehung niemals eine Chance, sich eine freie Meinung zu bilden…

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    1. @tischl, du nimmst an! Das ist etwas völlig anderes als du vorher behauptet hast. Wieviele Jeansträger begegnen dir am Tag? Steckt dann auch ein System dahinter?
      Versteh mich nicht falsch. Ich meine wir können in solchen Dingen nicht schwarz-weiß entscheiden. Mir sind Frauen und Mädchen bekannt, die aus freien Stücken Kopftücher tragen. Ich will aber nicht ausschließen, dass in dieser Sache auch Zwang ausgeübt wird. Das klingt mir alles nach medialer Meinungsmache. Ich halte nichts davon, anderen Menschen die Bekleidung vorzuschreiben. Dann kann man auch die Mao-Jacke wieder einführen, Miniröcke verbieten usw. und so fort.

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  4. „…kann im Extremfall und bei kreativer Macho-Interpretation einiger Koranverse zu staatlich verordneter Geschlechterapartheid und weiblicher Ganzkörpervermummung im öffentlichen Raum führen…“

    Kreative Methode, um zu sagen: „Mit dem Islam bzw. Koran hat das alles rein gar nichts zu tun“. Frauen müssen sich nur zufällig in allen islamischen Ländern – freiwillig – verhüllen.

    In Deutschland ist bei vielen jungen muslimischen Paaren zu beobachten: der Mann darf sich westlich kleiden, die Frau muss sich traditionell kleiden. Woran das wohl liegt?

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  5. Der Glaube an eine wie auch immer geartete, unprüfbare Entität, die man meinetwegen als Allah oder Gott bezeichnet ist rein willkürlich.
    Aus dieser Willkür Kleidungsvorschriften ab zu leiten wie es die islamische oder sonst eine Fantasiekultur mit dem Kopftuch tut, ist bizarrer und geradezu grotesker Unsinn.
    Beiträge zu verfassen die sich mit Kopfbedeckungen jener Fantastereien auseinander setzen, ist ungefähr so sinnig wie die Diskussion wie viele Engel auf einer Nadelspitze tanzen.
    Es entbehrt jeder logischen Grundlage die religiöse Seite als gleichberechtigt zu akzeptieren, sonst kann man gleich Homöopathie und Intelligent Design auch einladen zu gesellschaftlichen Diskursen über Medizin und Biologie.

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  6. Ich habe die Überschrift zuerst als „Wille zur Hölle“ gelesen…

    Was mich bei der ganzen Diskussion nevert (in De zumindest, in Frankreich ist man da ein Stück weiter): Kopftuch in der Schule ist verboten. Aber kein Kreuz und auch kein Habit. Klar: Weil das Abendland ja christlich geprägt ist und ‚wir‘ der/n Kirche/n ja sooooooooooooo vieeeeeeeeeeeeeeeeeeeel zu verdanken haben, wenn es um die Entwicklung des abendländischen Wertekanons geht.

    Gruß

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  7. In dem Artikel wird in bedeutungsschwangerem Soziologendeutsch angedeutet, dass Frauen im islamischen Kulturkreis selbst entscheiden können, was sie tragen. Dazu ein alter deutscher Satz: Wer das glaubt ist doof!

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