Opfergedenken schadet dem Geschäft


Eingang zur Frauenklinik Weyertal in den 30er Jahren Foto: emons-Verlag

Evangelisches Krankenhaus Weyertal lehnt Anbringen einer Gedenktafel ab
“Zwangssterilisation in Köln 1934-1945“

Von Jürgen SchönNRhZ

„Das schadet unserem Image und damit dem Geschäft.“ – So, erinnert sich Werner Jung, Leiter des Kölner NS-Dokumentationszentrums, habe vor über zehn Jahren – zusammengefasst – ein Mitarbeiter des Evangelischen Krankenhauses in Köln-Weyertal das Anbringen einer Gedenktafel abgelehnt. Eine Gedenktafel für die Menschen, die dort in der Zeit des NS-Unrechtsregimes zwangsterilisiert wurden. Inzwischen gibt es so eine Tafel, diskret im 5. Stock vor der Krankenhauskapelle angebracht.

Ein öffentliches Bekenntnis zur Schuld fehlt auch in der benachbarten Universitätsklinik, wo in den Abteilungen für Chirurgie und Gynäkologie ebenfalls Zwangssterilisationen vorgenommen wurden. Immerhin arbeitet man dort die Vergangenheit auf, in einer Festschrift zum 100-jährigen Bestehen wurde 2008 ohne Verstecken darauf eingegangen, eine ausführliche Untersuchung ist in Arbeit, immerhin von der Historikerin Irene Franken vom Kölner Frauengeschichtsverein. Das früheste und sichtbarste Gedenken an dieses ungeheuerliche Kapitel deutscher Medizingeschichte gibt es seit 1997 im Foyer des Kölner Gesundheitsamtes: Eine große Tafel, angebracht auf eigene Kosten von den Mitarbeitern der Behörde. Von hier aus wurden seiner Zeit die Verfahren eingeleitet.

Man sieht: Das Thema Zwangssterilisation ist auch 65 Jahre nach 1945 ein heikles Thema. Und immer noch nicht zuende geschrieben. Die Historikerin Sonja Endres hat es jetzt zumindest für Köln gründlich aufgearbeitet. Hier gab es neben Hamburg und Frankfurt/Main die umfassendste Aktensammlung dazu. Gab – denn kurz nachdem sie ihre Doktorarbeit beendet hatte, stürzte das Stadtarchiv ein. Inzwischen liegt das Ergebnis der Forschungsarbeit als Buch mit dem Titel „Zwangssterilisation in Köln 1934-1945“ vor. Die quellenreiche, grundlegende Arbeit ist nicht nur wegen ihres Stils lesenswert, mit dem Sonja Endres die Vorgänge nachzeichnet. Sie verortet außerdem das damalige Unrecht in ein Davor und ein Danach. Denn die Ideologie der “Eugenik“, von der Verhütung erbkranken Nachwuchses für ein gesundes Volk, hat ihre Wurzeln im Sozialdarwinismus des späten 19. Jahrhunderts – nicht nur in Deutschland. Auch nach 1945 gab es viele, die dies im Grunde für richtig hielten.

“Klassenkampf“ von oben nach unten
1934 trat das „Gesetz zur Vergütung erbkranken Nachwuchses“ in Kraft. Unfruchtbar konnte gemacht werden, wer z.B. an „Schizophrenie, manischdepressivem Irresein, erblichem Veitstanz“ oder „schwerem Alkoholismus“ litt. Ob eine Erbkrankheit vorlag, wurde in Erbgesundheitsgerichten von zwei Ärzten und einem Richter entschieden. Über 6.000 solcher Verfahren gab es in Köln, die für 4.070 Menschen mit dem Urteil zur Zwangssterilisation endeten – das jüngste Opfer war eine Zwölfjährige. Nach dem Zufallsprinzip hat Sonja Endres zehn Prozent der Gerichtsakten für ihre Untersuchung ausgewertet.

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