Wie Jesus Sozialdemokrat wurde



Helmut Schmidt(SPD):

Misstraue jedem Politiker, jedem Regierungs- oder Staatschef, der seine Religion zum Instrument seines Machtstrebens macht.

Parteisprecherin SPD:

„Die Parteispitze macht sich die Ziele einer Gruppe, die ausschließlich auf eine grundsätzliche Veränderung des Verhältnisses zwischen Staat und Religionsgemeinschaften hin zu einer strikten Trennung gerichtet sind, ausdrücklich nicht zu eigen.“

Bleibt die Frage, wie wurde die Thematik Religion, Christentum in der SPD behandelt, welche Stellung bezog sie, die mittlerweile älteste demokratische Kraft in Deutschland, zu den Aspekten Religion und Politik, Staat und Gesellschaft? Welchen Stellenwert hatte und hat, in der deutschen Sozialdemokratie, der Glaube bei der Gestaltung eines demokratischen, freiheitlichen und sozial-gerechten Gesellschaftssystems?

Im Eisenacher Programm, welches am 8.August 1869, als Gründungsprogramm der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei beschlossen wurde steht unter Punkt III.5:

5. Trennung der Kirche vom Staat und Trennung der Schule von der Kirche.

1869 bewegte sich die deutsche Sozialdemokratie also auf der Grundlage des Laizimsus, einhergehend mit der Feststellung von Immanuel Kant:

AUFKLÄRUNG ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Mit solch klaren Worten konnte und durfte Jesus nicht Mitglied bei den Sozialdemokraten werden. Sehen wir weiter.

Im Gothaer Programm der Partei, beschlossen auf dem Gothaer Kongress, in der Zeit vom 22. bis 27. Mai 1875, lesen wir:

  • Allgemeine und gleiche Volkserziehung durch den Staat.
  • Allgemeine Schulpflicht.
  • Unentgeltlicher Unterricht in allen Bildungsanstalten.
  • Erklärung der Religion ist Privatsache.

Wieder negativ. Deutlich religionskritische Worte einhergehend mit der Forderung nach eine neutralen Schulbildung für alle, unabhängig vom sozialen Status in der Gesellschaft.  Jesus bleibt draußen, hat in der Partei nichts zu suchen.

Im Görlitzer Programm von 1921 heisst es

Religion ist Privatsache, Sache innerer Überzeugung, nicht Parteisache, nicht Staatssache: Trennung von Staat und Kirche. Ausgestaltung der Schule zur weltlichen Einheitsschule.

Im Heidelberger Programm von 1925 wird die Partei noch konkreter:

Die öffentlichen Einrichtungen für Erziehung, Schulung, Bildung und Forschung sind weltlich. […] Jede öffentlich-rechtliche Einflussnahme von Kirche, Religions-und Weltanschauungsgemeinschaften auf diese Einrichtungen ist zu bekämpfen. […] Trennung von Staat und Kirche, Trennung von Schule und Kirche, weltliche Volks-, Berufs,- und Hochschulen. […] Keine Aufwendungen aus öffentlichen Mitteln für kirchliche und religiöse Zwecke.

Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands mit einer klaren und eindeutigen Sprache, Religion ist Privatsache. Progressiv und modern, die mittlerweile in die Jahre gekommene Partei. Die Kirchen hatten klare Feindbilder, wenn es um die Sozialdemokratie ging und vice versa. Christen in der damaligen SPD haben ihre Religion entweder als Privatsache gelebt oder sie haben schlichtweg keinen Einfluss auf die  programmatische Arbeit der Partei gehabt.

Nachkriegsdeutschland (West) kam unter das Kuratel des rheinländischen Katholizismus. Nachkriegsdeutschland (Ost) träumte, von Seiten der Sozialdemokratie den Traum der Überwindung der Spaltung der deutschen Arbeiterbewegung, es sollte ein Alptraum werden. Mit der Vereinigung von Sozialdemokraten und Kommunisten im Osten Deutschlands war die Sozialdemokratie dort offiziell zu Ende.

Der rheinländische Katholizismus, älter als das Christentum, zwang die Sozialdemokratie zum Umdenken. Rigoros. Sie wendete sich hin zur sozialen Marktwirtschaft und öffnete sich den christlichen Glaubensinhalten. Die Gesamtdeutsche Volkspartei löste sich auf. Evangelisch geprägt kamen von dort Neuzugänge in die SPD, die Inhalte wesentlich gestalten sollten. Gustav Heinemann, Erhard Eppler und Johannes Rau brachten jede Menge Irrationalität in die Reihen der Sozis.

Die Leiden und die Kämpfe der Sozialdemokraten wurden mystifiziert, benutzt um sich gegenseitig das Heldentum der alten Genossen zu versichern, nach Gebrauch wurde es wieder ins Archiv verbannt.

Endlich im Jahre 94 sozialdemokratischer Zählung durfte Jesus Mitglied der SPD werden. Wahrlich einer SPD die nur noch dem Namen nach jener Partei entsprach, die Lasalle, Bebel und Liebknecht dereinst gegründet hatten. Die SPD korrumpierte sich selbst. Am deutlichsten ist das im Godesberger Programm von 1959 zu finden:

Der demokratische Sozialismus, der in Europa in christlicher Ethik, im Humanismus und in der klassischen Philosophie verwurzelt ist, will keine letzten Wahrheiten verkünden – nicht aus Verständnislosigkeit und nicht aus Gleichgültigkeit gegenüber den Weltanschauungen oder religiösen Wahrheiten, sondern aus der Achtung vor den Glaubensentscheidungen des Menschen, über deren Inhalte weder eine politische Partei noch der Staat zu bestimmen haben.

[…]

Die Sozialdemokratische Partei achtet die Kirchen und die Religionsgemeinschaften, ihren besonderen Auftrag und ihre Eigenständigkeit. Sie bejaht ihren öffentlich-rechtlichen Schutz.

[…]

Zur Zusammenarbeit mit den Kirchen und Religionsgemeinschaften im Sinne einer freien Partnerschaft ist sie stets bereit. Sie begrüßt es, dass Menschen aus ihrer religiösen Bindung heraus eine Verpflichtung zum sozialen Handeln und zur Verantwortung in der Gesellschaft bejahen.

[…]

Freiheit des Denkens, des Glaubens und des Gewissens und Freiheit der Verkündigung sind zu sichern. Eine religiöse oder weltanschauliche Verkündigung darf nicht parteipolitisch oder zu antidemokratischen Zwecken missbraucht werden.

Das ganze kann man dann sozialdemokratische Spiritualität und Transzendenz nennen. Moderne parteipolitische Fortschrittlichkeit wurde dem Willen zur Macht geopfert. Mit dem Godesberger Programm feierte die SPD wahre Triumphe politischer Macht. Lichtgestalten, wie Willy Brandt und Helmut Schmidt, ließen  die sich langsam entwickelnde Zyanose der Sozialdemokraten nicht sichtbar werden. Aus einem leckeren Rotwein wurde saurer Essig, Hartz IV ist nur ein Höhepunkt sozialdemokratischer Essigwerdung.

In der SPD des Godesberger Programms hat der Laizismus wahrlich kein zu Hause, er gehört dort schlichtweg nicht hin. Kerstin Griese und Wolfgang Thierse, erstere Hauptamtlicher Vorstand des Diakonischen Werkes, Thierse ist Mitglied des Zentralkommitees der Deutschen Katholiken, beide Mitglieder des Bundestages sorgen für die politische Schwere religiöser Wüstengeschichten.

Die Ordensgeneralin Schwester Nahles verbot denn auch den Laizisten in der SPD  den Namen „SPD“ zu verwenden, ebenso die Verwendung des Begriffs „sozialdemokratisch“. Die Oberin versucht anscheinend über das Namensrecht Dinge zu verhindern, die ihr nicht gefallen. Was uns nicht wundert, veröffentlichte sie doch einen Schinken, in dem sie der Welt ihre Frömmigkeit und Betkultur mitteilt.

Das Trauerspiel SPD geht weiter, normative Inkompetenz und christliche Frömmigkeit werden die alte Mutter SPD ins Grab bringen. Den Vater nicht kennend, die Mutter in tödlicher Agonie, seit Jahrzehnten, möchte man eigentlich nur noch eines sein, Vollwaise.

4 Comments

  1. Hab da noch was gefunden im Internet, was das Verhältnis Religigion / Sozialdemokratie genau beleuchtet.
    Bernstein und Kautsky hatten die Position von Marx, Engels und Bebel und anderer bereits aufgeweicht.
    http://www.payer.de/religionskritik/kpdsu01.htm

    In den „großen Volksparteien“ können nur Religiöse was werden, also müssen die Parteien weg. Am besten gleich Direkte Demokratie das ist sowiso Zeitgemäß, indirekte Parteiendemokratie ist undemokratisch und ineffizient.

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  2. Es hört ja nicht bei der SPD auf. Soweit ich bei der letzten Bundestagswahl eruieren konnte, hatten 23 der 24 Parteien einen Religionsbezug in der Parteibeschreibung des Wahlomats.
    Soweit ich mich erinnere war die KPD die einzige wählbare Partei ohne solches Geschwurbel.

    Dieses Kriterium wird bei der nächsten Wahl für mich wieder an oberster Stelle stehen. Keine Stimme den Religioten.

    Allerdings sorgt „Die Mutter der Dummen“ für ständigen Nachwuchs, da sie immer und überall schwanger ist. Deshalb werden die großen mit Religiotenbezug auch wieder gewinnen.

    Ich gebe aber die Hoffnung nicht auf, dass sich der Verstand irgendwann durchsetzen wird.

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  3. Sigmar Gabriel hat es auch faustdick religiös hinter den Ohren:

    CJD Braunschweig, Braunschweig,
    Mitglied des Kuratoriums, ehrenamtlich
    Der CJD gehört zum CVJM, von 1984 bis 2005 war Ulrich Parzany deren Generalsekretär, der Evangelikale, Schwulenhetzer und Leiter von ProChrist.
    Im Kuratorium von ProChrist sitzt: Hartmut Hühnerbein, Sprecher des Vorstands des Christlichen Jugenddorfwerkes Deutschlands e.V. (CJD)
    Und im Kuratorium des CJD sitzt Ulrich Parzany.

    Gabriel:
    Stiftung Knabenhof bei St. Leonhard, Braunschweig
    Mitglied des Vorstandes, ehrenamtlich

    http://www.bundestag.de/bundestag/abgeordnete17/biografien/G/gabriel_sigmar.html

    Stiftung Knabenhof bei St.
    Leonhard – Jugend- und
    Lehrlingswohnheim
    Träger:
    Landesverband der
    Inneren Mission,
    Stiftungsaufsicht durch die
    Ev.-Luth. Landeskirche
    Braunschweig, ab
    1.1.1971 Christl.
    Jugenddorfwerk
    Deutschlands (CJD)

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  4. Wenn ich lese, mit welcher dösigen, schafartigen Realitätsverachtung Herr Bauer („Genossin Nahles will uns ausbremsen“) und Herr Opitz-Leifheit („Schön finden wir das nicht“) den Stöcken und Steinen aus den eigenen Reihen begegnen, ohne den Anflug von rechtschaffener Entrüstung, dann schwindet die Hoffnung, dass das ratzingersche Hirngespinst des sogenannten „aggressiven Atheismus“ in den Reihen der SPD Realität wird.

    Die Piraten werden jetzt den Laizismus in ihr Parteiprogramm aufnehmen:
    http://www.neues-deutschland.de/artikel/182618.piraten-machen-klar-zum-entern-des-landesschiffes.html

    Ob Jesus auch Pirat wird? Jedi oder Simpson scheint ja auch kein Problem zu sein….

    Sonst noch Vorschläge?forum.freigeisterchen.de/index.php/topic,13.0.html

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