Scharping war der dümmste


Jürgen Rose – 2009 in einer Veranstaltung in München NRhZ-Archiv

Die Wehrpflicht ist im Laufe der deutschen Geschichte zu einer Bekenntnisfrage geworden und wird noch heute als solche vehement verteidigt. Es gibt sicher eine Reihe von Argumenten für die Wehrpflicht, die man nicht unterschätzen darf. Jürgen Rose, Oberstleutnant a.D., heute Vorstand der friedenspolitischen Soldatenvereinigung „Darmstädter Signal“, hat schon vor 15 Jahren die Abschaffung der Wehrpflicht empfohlen. In einem Gespräch mit n-tv.de schlägt Rose einen weiten Bogen um die Geschichte der Wehrpflicht, spricht über die zweifelhafte Rolle sozialdemokratischer Verteidigungsminister und widerspricht dem Vorwurf, die Intelligenz mache einen großen Bogen um die Bundeswehr.

Von Peter PoprawaNRhZ

Peter Poprawa: Herr Rose, warum war es bislang so schwierig, die Wehrpflicht in Deutschland abzuschaffen?

Jürgen Rose: Was man nicht unterschätzen darf, ist das, was ich das „Reichswehr-Syndrom“ nenne, also die Angst vor dem Staat im Staat. Viele Menschen haben sofort das Desaster der deutschen Militärgeschichte im Hinterkopf. Es fängt 1814 an, als in Deutschland – genauer in Preußen – die Wehrpflicht eingeführt wurde. Mit einer kurzen Unterbrechung in der Weimarer Republik und noch einmal kurz nach der Gründung der Bundeswehr galt in Deutschland die Wehrpflicht durchgehend. Die Wehrpflicht hatte damals einen emanzipatorischen Charakter, weil der Bürger Soldat und damit anerkannt wurde. Das feudale System hatte den Bürger bis dahin gar nicht als vollwertiges Subjekt anerkannt, das mit allen Rechten, wie wir sie heute als Allgemeingut kennen, ausgestattet war. Der Deal war also, wir gehen in die Armee und erhalten im Gegenzug Bürgerrechte. Dies ist aber ganz schnell wieder gekippt worden. Später hatten die Sozialdemokraten die anfänglich gar nicht so abwegige Idee, wir schicken unsere sozialdemokratischen Anhänger in die Armee, um den sozialdemokratischen Geist ins Militär hineinzubekommen.
Das hat sich aber als Trugschluss erwiesen, oder?

Ja klar, das wurde ein echter Rohrkrepierer. Nicht die Sozis schafften es, das Militär zu sozialdemokratisieren, sondern umgekehrt, die Sozialdemokratie wurde militarisiert. Und das ist sie meiner Ansicht nach bis heute. Die konservativste und verheerendste Verteidigungspolitik haben immer sozialdemokratische Minister gemacht. Der dümmste Minister, den diese Republik je hatte, war Rudolf Scharping. Es gab aber auch Leute, die eine solide Politik gemacht haben, wie Peter Struck. Aber viele von diesen sozialdemokratischen Verteidigungsministern waren wirklich die absolute Katastrophe. Na gut, der Christdemokrat Franz-Josef Jung war der zweitdümmste Minister, den Deutschland je hatte…

… aber wir waren beim Trugschluss…

… ja, zurück zum Thema. Die Wehrpflicht hatte den emanzipatorischen Touch also ganz schnell verloren. Später in der Bundesrepublik erwuchs der Eindruck, endlich eine militärische Struktur geschaffen zu haben, die funktioniert, die ganz wenig Ärger macht und die in den Staat integriert ist – ganze ohne Putschideen. Das Primat der Politik wird uneingeschränkt anerkannt. Die Führungskräfte der Bundeswehr sind zwar ziemlich konservativ, sie sind aber alle Demokraten. Die demokratische Verträglichkeit der professionellen Soldaten ist keinesfalls zu bezweifeln. Natürlich gibt es hier wie dort einzelne Ausreißer. Aber im Großen und Ganzen ist das ein funktionierendes Modell. Man hatte da immer die Weimarer Zeit vor Augen, in der sich die Armee verselbstständigt hatte. Damals spielte Gustav Noske eine unrühmliche Rolle – übrigens wieder ein Sozialdemokrat – der die Reichswehr auf die Arbeiter schießen ließ, was man heute getrost als Klassenverrat bezeichnen darf. Aber so sind sie halt, die Genossen. Auch heute noch. Immer wenn ein Sozialdemokrat vor einer Generalsjoppe steht, rutscht ihm das Herz in die Hose …