Evangelikale Macht in der deutschen Politik


Foto: picture alliance / landov/landov

Der Artikel ist von 2009, dürfte aber in seiner Brisanz nichts eingebüßt haben.

Strenggläubige evangelische Christen, denen die Bibel als getreues Wort Gottes gilt, leben nicht nur in den USA. Auch in Deutschland gibt es sie. Mehrere Unionspolitiker, darunter CDU-Fraktionschef Volker Kauder, gehören dazu. Die Balance zwischen Glauben und realistischer Politik ist für sie oft schwierig.

Von Mariam LauWELT ONLINE

Evangelikale – das Wort hört jemand wie der Fraktionsvorsitzende der Union im Bundestag, Volker Kauder, über sich selbst nicht so gern. Es klingt zu sehr nach gefährlichem Irrsinn, nach Fernsehpredigern, die im Keller eingelegte Gurken für das Jüngste Gericht deponieren.

Aber es gibt in der deutschen Politik quer durch das Parteienspektrum Menschen, die nicht einfach nur „evangelisch“ sind, sondern ein bisschen mehr als das. „Wenn es eine aufsteigende Linie gibt von ‚gläubig‘ bis ‚evangelikal’“, sagt der FDP-Haushaltsexperte Otto Fricke über sich, „dann bin ich da irgendwo am oberen Ende.“

Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt von den Grünen, kürzlich zur Präses der EKD-Synode gewählt, hält nichts von den „Evangelikalen“. Sie bezeichnet sich aber selbst als „fromm“. Auch die Kanzlerin ist gläubig, aber sie ist nicht „fromm“.

weiterlesen

8 Comments

  1. @ Elke Hergenröther,

    …herrje, ich hatte es schon befürchtet, dass jetzt auch noch die zum Christentum mahnenden Worthülsen von „es Angela“ kommen müssen.

    Für derartiges parteipolitsches Wahlkampf-Gesülze habe ich ebenso wenig Verständnis, … da könnt´ich doch glatt wie eine Presswurst aus dem zu engen Hosenanzug platzen. 😉

    Hierzu abschließend ein m.E. passendes Zitat:

    „Am meisten rege ich mich über Dummheit auf, die sich wichtig nimmt.“ (Urban Priol)

    Gefällt mir

  2. @Homer

    Die Realität ist bitter:

    „Die Kanzlerin rief ferner die Partei auf, selbstbewusst für das „C“ im Parteinamen einzustehen. Das Land leide nicht an einem Zuviel an Islam, sondern an einem Zuwenig an Christentum. „Lassen Sie uns mehr bekennen, dass wir Christen sind“, rief die Kanzlerin den Delegierten zu.

    Mit Blick auf die Landtagswahlen im kommenden Jahr appellierte Merkel an ihre Partei, für Wahlsiege zu kämpfen. „Werft Prognosen in den Papierkorb“, sagte die Kanzlerin. Sie fügte hinzu: „Wir sind wir, die Christlich-Demokratische Union. Wir können das.“

    http://www.welt.de/politik/deutschland/article10943288/CDU-Chefin-Merkel-warnt-vor-einer-linken-Republik.html

    Gefällt mir

  3. „Evangelikale – das Wort hört jemand wie der Fraktionsvorsitzende der Union im Bundestag, Volker Kauder, über sich selbst nicht so gern. Es klingt zu sehr nach gefährlichem Irrsinn, nach Fernsehpredigern, die im Keller eingelegte Gurken für das Jüngste Gericht deponieren.“

    …das klingt nicht nur zu sehr nach gefährlichem Irrsinn, sondern er ist es tatsächlich.

    Wenn jemand wie Herr Kauder von den Inhalten eines der größten „Märchenbücher“ aller Zeiten überzeugt ist, soll er doch lieber als wandelnder Laien-Prediger umherziehen.

    In verantwortungstragenden Positionen wie der Politik haben realitätsferne Leute – insbesondere jene, die an irgendwelchen religiösen Nonsens glauben – jedenfalls nichts zu suchen. Und das gilt im übrigen für alle, die politische Verantwortung tragen. Entscheidet euch entweder für die Politik oder die Religion, aber beides zusammen ist unerträglich.

    Gefällt mir

  4. Hallo,
    als Atheist mit lutherischem Migrationshintergrund und ehemals aktivem Mitglied in der Jugendarbeit, kenne ich selber viele evangelische und leider auch evangelikale in Europa und den USA.
    Es gibt nicht gefährlicheres, intoleranteres und verbohrteres als die evangelikalen Freikirchen und jede evangelische Strömung, ja jede evangelische Kirchengemeinde birgt dasselbe Potenzial, dass die evangelikalen Freikirchen entfalten. Da lobe ich mir doch die katholische Kirche mit dem Papst und seinem zentral organisierten Verein. Den kann man wenigstens auch zentral kritisieren.
    Die evangelikalen Kirchen sind durch die dezentrale „Organisation“ vergleichbar mit den Muslimen. Jede Gemeinde hat ihre eigene Meinung und Auslegung und agiert eigenständig.
    Man könnte es mit der Organisationsform der muslimischen Terror Organisationen vergleichen, die ja auch eher eine Glaubensrichtung, basierend auf einer Ideologie, sind und keine wirkliche Organisation an sich.
    Schlimm ist es halt nur, dass wir von solchen Leuten regiert werden und, dass sie ihre vom Glauben durchwirkte Überzeugung nicht offen vertreten, sondern ihre Überzeugung hinter einer bürgerlichen Fassade verstecken.

    Gruss

    Gefällt mir

  5. Ganz aktuell:

    Als Politiker darf Volker Kauder nicht immer sagen, was er denkt – als Fraktionsvorsitzender der Union im Bundestag ohnehin nicht. Kauder ist Parteisoldat durch und durch und Angela Merkels rechte Hand. Seine öffentlichen Worte wägt der 61-jährige Jurist stets ab. Seit 1990 ist Kauder im Bundestag vertreten, immer direkt gewählt im seinem Wahlkreis Rottweil-Tuttlingen. Wie kaum ein anderer vertritt Kauder das «C», das Christliche in der CDU.

    Er ist strenggläubiger evangelischer Christ mit Sympathien für die Evangelikalen. Die Bibel als Gottes unmittelbares Wort hat für Kauder eine große Bedeutung. Die Ehe möchte er als Privileg der Verbindung von Mann und Frau sehen – wobei er natürlich erklärt, man toleriere auch andere Formen von Partnerschaft. Er ist eben die perfekte Verkörperung der Führungspersönlichkeit einer Volkspartei.

    Gefällt mir

  6. Die Macht des Glaubens gehört längst zu den auffälligsten und dramatischsten Phänomenen der Gegenwart. Die verstörenden Erscheinungsformen sind vielfältig und steuern auch die Politik westlicher Staaten. Was würde geschehen, wenn der vorgebliche Schöpfer wie versprochen zurückkehrt und die Früchte seiner Aussaat einfordert? Wenn er urplötzlich und vor allen Dingen so real auf der Matte steht, wie er auch äußerst lebendig, z. B. Hand in Hand mit Mose und Elias, intrigierte und mordete? Wer wird sich dann distanzieren und ausrufen:

    ‚Das ist doch ein gewöhnliches außerirdisches Himmelsspektakel! Ich kündige den Bund!’

    Etwa die machtbesessenen Oberhäupter der führenden Staaten? Erinnern Sie sich: Im Weißen Haus regierte mit George W. Bush ein Präsident, der sich als „wiedergeborener“ Christ verstand und der seine Entscheidungen mit göttlichem Ratschluss untermauerte. Die Politik der stärksten Weltmacht unterliegt auch weiterhin dem Einfluss evangelikaler Prediger mit ihrer Aufteilung der Welt in Gut und Böse. Selbst ein skeptischer Präsident würde sich mit Lippenbekenntnissen nur so überschlagen müssen.

    ‚Nun gut,’ höre ich beschwichtigende Einwände, ‚die Amerikaner… Aber das moderne Europa! Das lässt sich doch nicht von Sandmännchen- und Märchenfeegeschichten verführen. Schließlich ist der Bedeutungsverlust der Religion allein in Deutschland so ausgeprägt, wie nie zuvor.’

    Das mag sein, aber sagen Sie das nicht dem deutschen Amtskollegen des US-Präsidenten. Der Bundespräsident Christian Wulff besetzte zumindest noch Wochen nach seiner Wahl einen Kuratoriumsposten bei einer christlich-fundamentalistischen Bewegung, für die man den Begriff „christliche Taliban“ prägen könnte.

    Jede Religion hat irrationale Elemente. Was ist, wenn schon die Staatsoberhäupter eine Eigengesetzlichkeit gutheißen, mit der dem vorgeblichen Schöpfer des Universums die höchste Autorität zugestanden wird? Wenn der Wettkampf um den besten falschen Gott auch in den demokratischen Staaten sehr wohl die Politik steuert?

    Das Ergebnis einer Studie dänischer Neurologen aus dem Jahr 2010 macht das Szenario vom wiederkehrenden vorgeblichen Schöpfer nicht weniger dramatisch. Demnach werden die für eine gesunde Skepsis verantwortlichen Hirnregionen durch Glaube und Autorität lahmgelegt.

    Gefällt mir

Kommentare sind geschlossen.