Lessings Ringparabel


Auf einem Plakat vereint: fünf große Weltreligionen - Hinduismus, Buddhismus, Christentum, Islam, Judentum. - Foto: dpa

Über die geistigen Quellen des Abendlandes: Ist die Rede vom christlich-jüdisch-muslimischen Europa mehr als eine Floskel?

Von Thomas LackmannDer Tagesspiegel

W as war wirklich passiert? Die Erbschafts-Soap geht so: Ein König besaß, angeblich, einen Wunderring, den er jedem seiner drei Söhne als Unterpfand der Thronfolge versprach. Das magische Schmuckstück soll jeden, der es trägt und seinen Kräften traut, zum guten Menschen machen. Der Monarch stirbt, der Zwist beginnt: So berichtet vom Nachlass-Zoff der Kulturen Religionsreporter Gotthold Ephraim Lessing. Bislang war der Super-Reif, heißt es in seinem Dramatischen Gedicht „Nathan der Weise“, von Generation zu Generation jeweils dem Lieblingsspross des Herrschers vermacht worden. Nun hatte ein Vater dreier Prinzen, die ihm gleich lieb waren, zur Lösung des Erbschaftskonflikts Replikate anfertigen lassen. Jeder Sohn präsentiert sein Exemplar – und fordert den Thron! Wer hat den echten Ring? Ging der – irgendwann – verloren? Gab es ihn überhaupt?

Lessings berühmte Ringparabel inszeniert die Rivalität zwischen Judentum, Christentum und Islam als Familienkrach – verpackt in einen mittelalterlichen Dialog zwischen dem liberalen Sultan Saladin und dem Juden Nathan. Seit das Stück, Ende des 18. Jahrhunderts, im Zeitalter abschwellender Türkengefahr und hundert Jahre nach Europas schlimmstem Religionskrieg, auf die Bühnen kam, wurde die These des Dichters, absolute Wahrheit im Besitz einer Institution gebe es nicht, von Glaubenshütern als subversive Blasphemie empfunden. Die Ringparabel avancierte zur Schlüsselerzählung eines aufgeklärten Toleranzbegriffes – der uns heute, 240 Jahre später, als Binsenweisheit erscheint: Unsere Gesellschaft, die einerseits erregt debattiert, ob der mehr oder weniger zivilisierte Islam zu ihr „gehört“, empfindet andererseits schon die Vorstellung, eine Religion könne den Alleinbesitz der Wahrheit beanspruchen, als unerträglich.

weiterlesen