Egoistische Gene und moralische Gefühle


Quelle: bildungsserver.de

Reputation ist ein wichtiges Motiv. Ist es „moralisch“? Und herleitbar aus der Biologie? Die Vorlesungsreihe mit dem Titel „Evolution der Moral“ wirft eben solche Fragen auf.

Von Bettina MittelstrassDeutschlandfunk

„Redouan Bshary und seine Kollegen haben beobachtet und in Experimenten dann später auch gezeigt, dass Putzerfische an Riffen auf ihre Reputation achten, und zwar in sehr speziellen Fällen. Wenn sie einen Klienten gerade putzen, dann haben diese Fische normalerweise eine Präferenz, die obere Hautschicht zu fressen. Die fressen sie lieber als die Parasiten. Und das tun sie auch immer wieder. Dann zuckt der Fisch. Das kommt seltener vor, wenn ein anderer Klient wartet und diesem Putzer gerade bei seiner Arbeit zuguckt.“

Der Putzerfisch benimmt sich offenbar besser, wenn ihm jemand zusieht, der ihm als Nahrungsquelle wichtig ist, erläutert der Verhaltensbiologe Dirk Semmann seinen Zuhörern an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Heißt das, der Putzer beißt weniger, weil er zukünftige Klienten nicht „enttäuschen“ will? Achtet der Fisch auf seinen Ruf? Ja, sagt der Juniorprofessor von der Universität Göttingen, in gewisser Weise schon. Putzerfische verhalten sich unter Beobachtung auf jeden Fall so, dass sie einen Vorteil von ihrem Verhalten haben.

„Sie achten darauf, dass sie von den anderen als gute Putzer beurteilt werden.“

Der Befund verwirrt, denn eigentlich nimmt man an, dass nur der Mensch mit kooperativem Verhalten einen guten Ruf pflegt. Auch menschliches Kooperationsverhalten wird längst von Evolutionsbiologen oder -psychologen mit Hilfe von Experimenten untersucht. Dirk Semmann etwa kann zeigen, dass Menschen im Allgemeinen stärker mit anderen zusammenarbeiten, wenn sie wissen oder vermuten, dass ihr Verhalten von anderen wahrgenommen wird. Reputation ist ein wichtiges Motiv. Aber ist deshalb das Verhalten von Putzerfisch und Mensch vergleichbar? Ist es „moralisch“? Und herleitbar aus der Biologie? Die Vorlesungsreihe mit dem Titel „Evolution der Moral“, die Wolfgang Forstmeier vom Max Planck Institut für Ornithologie und zugleich Mitglied der Jungen Akademie am Gendarmenmarkt konzipierte, wirft eben solche Fragen in den Raum.

weiterlesen