Eröffnung Memorium Nürnberger Prozesse


Eingang Saal 600

Die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands benötigt in der Bundesrepublik Deutschland bekanntlich etwas länger, wie sich jüngst beim Auswärtigen Amt zeigte. Dass 65 Jahre ins Land ziehen mussten, bis eine Dauerausstellung „Memorium Nürnberger Prozesse“ am original Schauplatz des Nürnberger Justizpalastes errichtet wird, verwundert vor diesem Hintergrund nicht. Vor dem internationalen Militärtribunal der vier alliierten Siegermächte wurde am 20. November 1945 im Schwurgerichtssaal 600 der Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher begonnen. Im Zeugenstand saßen u.a. Reichsmarschall Hermann Göring, der ehemalige Reichskanzler und Wegbereiter Hitlers Franz von Papen, der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht Wilhelm Keitel, der Reichsminister für Bewaffnung und Munition Albert Speer sowie der Herausgeber der Wochenzeitung „Der Stürmer“ Julius Streicher. Nur noch wenige Zeitzeugen können die Eröffnung des Memoriums erleben, für sie kommt es einige Jahrzehnte zu spät. Doch besser spät als nie!

Nürnberg, die Stadt der Reichsparteitage, der Nürnberger Rassengesetze, der Lebkuchen und Würste, soll nach 65 Jahren auch ein Symbol des Sieges der Rechtsstaatlichkeit über das NS-Regime, als „Stadt der Menschenrechte“ Bekanntheit erlangen. Mit einem Festakt wurde die Dauerausstellung am Sonntag, den 21. November 2010, eröffnet. Neben Dr. Guido Westerwelle, Bundesminister des Auswärtigen der Bundesrepublik Deutschland, kamen Sergej Wiktorowitsch Lawrow, Außenminister der Russischen Föderation, Roland Dumas, Außenminister a.D. der französischen Republik, Dominic Grieve, Kronanwalt und Vertreter des Vereinigten Königreiches Großbritannien und Nordirland sowie Stephen Rapp, Sonderbotschafter der US-Regierung für Kriegsverbrechen der Vereinigten Staaten von Amerika zu Wort. Sie waren sich im Großen und Ganzen einig, dass Deutschland auf dem besten Weg ist, zur Supermacht aufzusteigen und weltpolitisch einen „Platz an der Sonne“ erkämpft. Dass Deutschland wieder Krieg führt, ist politisch als auch medial zum Alltag, zu etwas Normalen geworden, ebenso, dass Deutschland in mehreren militärischen Auslandseinsätzen präsent ist. „Freiheit, Recht und Gerechtigkeit entstehen schließlich nicht alleine,“ so Westerwelle, „sie müssen erkämpft werden.“ Anders gesagt, alle die nicht unseren Definition von Freiheit haben, können sich früher oder später auf einen Angriff gefasst machen.

Die aktuellste Rede des Nachmittages kam von Benajmin Ferencz, Zeitzeuge und Chefankläger bei den Nürnberger Nachfolgeprozessen. Er appellierte an seine Vorredner, wenn sie es tatsächlich ernst meinen mit dem „ewigen Frieden“, dann könnten die Länder einzeln und unabhängig von der Europäischen Union Angriffskriege als strafbar in ihr nationales Recht aufnehmen. Das, so Ferencz, war es, was der amerikanische Chefankläger Robert Jackson den Nationalsozialisten vorwarf, dass sie sich verschworen hätten, einen Angriffskrieg zur Realisierung ihrer Vernichtungs- und Weltherrschaftspläne zu führen. Angriffskriege zählen, betonte Ferencz, zu hohen internationalen Verbrechen.

Ein langer, beschwerlicher Weg zur Ausstellung

Gründe, weshalb sich die Alliierten im August 1945 für Nürnberg als Verfahrensort des Internationen Militärgerichtshof entschieden, waren, dass das Gefängnis und benachbarte Justizgebäude unzerstört den Krieg überstanden hatten. Nach dem Hauptkriegsverbrecher Prozess folgten bis 1949 zwölf weitere Verfahren vor amerikanischen Militärgerichten. Die aus dem internationalen Militärgerichtshof hervorgegangen „Nürnberger Prinzipien“ bilden die Grundlage für den heutigen Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag. Die Anklagen richteten sich auf vier Verbrechensgruppen: Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Verbrechen gegen den Frieden sowie Verschwörung. Der Schwurgerichtssaal hat als Ausgangspunkt für das Völkerstrafrecht welthistorische Bedeutung und ist für die Entwicklung des modernen Völkerstrafrechts als „Saal 600“ weltweit bekannt. Doch bereits 15 Jahre nach den Prozessen, als die alliierte Militärverwaltung das Gebäude dem Freistaat Bayern übergab, wollte keiner so recht den Ort als Symbol für Menschenrechte wahrhaben. Schließlich wurden Dolmetscher Kabinen, Tribünenaufbauten und Stehpulte sprichwörtlich auf die Müllhalde gebracht und so wertvolles historisches Material zerstört. Der Saal 600 ist seit 1960 immer noch ein Ort der Rechtsprechung, weil die bayrische Justiz Platzbedarf hat und der Schwurgerichtssaal nun mal der größte Raum im Gebäude ist. Es ist letzten Endes internationalen Touristendelegationen zu verdanken, dass eine Dauerausstellung „Memorium Nürnberger Prozesse“ entstanden ist. Sie kamen aus Amerika, Kanada, Osteuropa usw. in großer Zahl nach Nürnberg, um den Schwurgerichtssaal 600 sehen zu können. Im Jahre 1990 begann die stückweise Aufarbeitung dessen, wofür Nürnberg aus negativer Sicht weltweit bekannt ist. Es wurde mit Mitteln von Bund, Land und Stadt ein Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände eröffnet. Seit 2000 finden an Wochenenden auch Führungen durch den Schwurgerichtssaal 600 statt und nun gibt es im Dachstuhl eine Dauerausstellung.

Im Saal 600 selbst ist nicht mehr viel aus der Nürnberer Prozeß-Zeit verblieben. Dennoch ist erstaunlich, wie sehr der hohe Saal den Bildern aus den Geschichtsbüchern gleicht. Nur das menschengroße Kruzifix über dem langen Richtertisch ist erhalten. Zeitzeuge Moritz Fuchs, Leibwächter von Robert Jackson während der Prozesse gegen die Hauptkriegsverbrecher, und Arno Hamburger, Dolmetscher der Nürnberger Nachfolgeprozesse, sehen darin ein Zeichen, dass nur mit Gottes Hilfe der Nationalsozialismus überwunden wurde. Am 20. November sprachen sich beide beim Pressegespräch mit Zeitzeugen der Nürnberger Prozesse dafür aus, dass die Menschenrechte und Nürnberger Prinzipien die „Gegenwart Gottes“ bezeugen. Authentischer wirkte Hedy Epstein als Mitglied des amerikanischen Anklageteams im Ärzteprozess. Die zerbrechlich wirkende, kleine Frau setzte sich letztes Jahr tatkräftig für das vielbeschworene „Nie wieder“, ein, als sie mit etwas 1400 Aktivisten aus aller Welt am „Gaza Freedom March“ teilnahm.

Die Dauerausstellung lehnt sich stark an die Ausstellungsweise des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände an. Einzelne Ausstellungselemente sind sachlich gehalten und vermitteln über Vorgeschichte, Verlauf und Nachwirkungen der Verfahren mit Tonaufnahmen und Filmmaterial einen Eindruck vom Prozessgeschehen. Die Ausstellungsarchitektur, einzelne Schauwände, neigt sich in verschiedene Richtungen und fügt sich zu einem Parallelogramm zusammen. Mit oder ohne Audio-Guide erfährt man Stück für Stück mehr über Angeklagte, Ankläger, Verteidiger, Urteile und die Aufarbeitung der Nachfolgeprozesse. Die Dokumentationsstätte klärt über die Angeklagten und ihre Verbrechen bis zu den Auswirkungen der Verfahren bis in die Gegenwart auf.

Zur Eröffnung des Memorium Nürnberger Prozesse fanden begleitend Veranstaltungen statt, u.a. mit dem Chefankläger des Einsatztruppen-Prozesses Benjamin Ferencz.

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