Kleinbürgerliche Kirchlichkeit


Autor Pfarrer Oliver Albrecht, zuständig für Bildung und Evangelische Identität in den Dekanaten Bad Schwalbach und Idstein,

ADVENT Gott kommt wieder – durch die zerbröselnden Fassaden kleinbürgerlicher Kirchlichkeit

Wiesbadener Tagblatt

Gott wird wieder kommen“ schrieb Dietrich Bonhoeffer 1944 aus dem Gestapo-Gefängnis in Berlin an einen Freund. „Gott wird wiederkommen, das ist nicht die Frage“, schrieb er in der Mitte des letzten, eines sehr gottfernen Jahrhunderts. „Die Frage ist: wie wird er wiederkommen; werden wir uns freuen oder erschrecken?“

In diesen Zeiten ist es soweit: Gott kommt wieder. Etwas Neues bricht hervor, kommt durch die zerbröselnden Fassaden kleinbürgerlicher Kirchlichkeit, seltsam unabhängig von allen ängstlichen amtskirchlichen Reformversuchen. Gott ist wieder da. Die einen freuen sich. Die anderen erschrecken. Und ein paar wenige haben es noch nicht bemerkt.

Zuerst bemerkt wurde er von manchen, die gar nicht an Gott glauben wollten, von Atheisten gar. Von Michail Gorbatschow ist neben dem schönen Ausspruch über das Zuspätkommen noch eine andere Weisheit überliefert: „Gott sei Dank; Gott existiert nicht. Wenn aber – was Gott verhüten möge! – Gott doch existiert?! Was dann ?“

Wir bleiben noch einen Moment bei den Russen. Denn was erleben wir gerade? Es kommt die alte, beunruhigende These Iwans aus Dostojewskis „Brüder Karamasow“ wieder an die Oberfläche: „Wenn es Gott nicht gibt, ist alles erlaubt.“

Eine Weile glimmt sie nur als böse Ahnung unter der Oberfläche einer wohlständigen Gesellschaft, die die Frage nach der Existenz Gottes in den Bereich des Privaten verbannt hatte. Jetzt, wo die großen Systeme und die kleinen Sicherheiten wegbrechen, ist er wieder da, dieser Schreckenssatz, an dem sich menschliches Zusammenleben entscheidet: „Wenn es Gott nicht gibt, ist alles erlaubt.“

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3 Comments

  1. „Iwans“ Aussage stellt die Realität auf den Kopf. Tatsache ist, mit Gott ist alles erlaubt: Mit „Deus lo vult“, „Gott will es“ wurden schon die ersten Kreuzzüge eingeleitet, und so können die Gläubigen jedes Verbrechen rechtfertigen.

    Atheisten dagegen könne ethisch verantwortlich handeln. Zwar können Atheisten wie an theistischen Wahn leidende religionsunabhängig eine Bank überfallen, aber kein Atheist kann morden, weil Nichtgott es ihm befohlen hat, während etwa die Bibeln vor „göttlichen“ Mordbefehlen (Ex 22, 17 etwa, das Hexentötungsgebot http://achim-stoesser.de/atheismus/faq.html#FrageHHTG mit bekannten Folgen) nur so strotzen.

    Und „nur ein Atheist kann ein guter [Mensch] sein“. Denn wenn ein Christ mal nicht mordet, dann aus egoistischen Motiven: aus Angst vor der Hölle.

    Wie „gottfern“ dieses „Jahrhundert“ war, lässt sich auf dem Koppelschloss der Wehrmacht („Gott mit uns“) http://antitheismus.de/archives/10-Gott-und-die-Faschisten.html ebenso nachlesen wie in Hitlers „Mein Kampf“ http://tierrechtsforen.de/meinkampf.

    Ist das Wiesbadener Tagblatt eine religiöse Propagandapostille?

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  2. Ach ne:

    „Warum soll ein mittelloser Mensch, der nicht an Gott glaubt und für den mit dem Tod alles aus ist, nicht die Bank überfallen?…Doch die Frage ist, wann eine gewisse logische Lücke des Atheismus umkippt in eine unheimliche, rücksichtlose, kalte Logik.“

    Zu dieser ‚logischen Lücke‘ möchte ich folgendes sagen: *Der Mensch ist ein soziales Wesen und kann außerhalb der Gesellschaft nicht existieren.
    *Die Gesellschaft kann nicht ohne Regeln existieren

    Das verbunden mit dem kategorischen Imperativ und dem allgemeinen Ziel, Leiden zu minimieren, und schon habe ich Grundlage allen Handelns.

    Entgegenhalten möchte ich diesem Herrn, wenn er schon mit Logik anfängt und die Existenz des Christengottes für gegeben annimmt:
    * Wenn der Mensch nur durch Christus erlöst werden kann, was passiert dann mit denen, die nie die Chance hatten, von Christus zu hören (z.B. Amazonasindianer? Indigene Völker Papua-Neugineas? Alle Mitteleuropäer vor (je nach Region) dem 4. Jhd? Alle Ost- und Nordeuropäer vor dem 10-12 Jhd?….)
    * Und dann die Fragen, die schon Epikur stellte (und die nur einen logischen Schluss zulassen: Es gibt keinen allmächtigen und gütigen Gott).

    Gruß

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  3. Haben diese Gott-Ankündiger denn alle einen an der Waffel ? Dieses saudumme, dämliche Geschwätz geht einem allmählich doch irgendwie auf die Nerven. Irgendwann reagiere ich dann eben so, wie die Rock-Tussi Nina Hagen, die schon bei weitaus geringern Anlässen ausrastet. Ich bin zwar zugegebenermaßen überzeugter Atheist, aber von der Ankunft Gottes auf Erden habe jedenfalls noch nichts bemerkt.

    Übrigens: Welcher der rund 2.800 weltweit angebeteten Götter soll uns denn kürzlich erschienen sein bzw. demnächst erscheinen ? Der Pfaffe sollte sich zumindest bezüglich des Erscheinungsdatums etwas präziser ausdrücken. Aber diese Diener Gottes haben es so an sich, ihre Prophezeiungen in vieldeutigen Worten auszudrücken. So können sie sich hinterher immer herausreden, wenn sie mal wieder mit einer Prophezeihung daneben gelegen haben. So ja häufiger vorgekommen sein ! Alle diese religiösen Salbaderer kommen mir vor wie Hühner, die zwar eifrig gackern, aber niemals ein Ei legen dürfen.

    Was mich anbetrifft fürchte ich mich überhaupt nicht vor einer gottlosen Welt. Wer nämlich die von Gottgläubigen dominierte Welt kennt, wünscht sich nichts sehnlicher als eine Welt ohne diese allseits präsenten Religioten.

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