Der Widerspenstigen Volkszählung


Zensus 2011 – Wissen, was morgen zählt

„Ermöglicht die hiesige Wohnung die Führung eines eigenen Lebenshaushalts?“, „Wohnen Sie in Ihrer Wohnung mit einem Partner/einer Partnerin in einer Lebensgemeinschaft zusammen, die weder Ehe noch eingetragene gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaft ist?“ oder „Haben Sie in den letzten vier Wochen etwas unternommen, um Arbeit zu finden?“ So und noch schlimmer lauten die Fragen, die Vater Staat Ihnen beim sogenannten „Zensus 2011“ stellt. Aber nur, wenn Sie zu den zehn Prozent der auserwählten Bevölkerung gehören.
In einer Verordnung von 2008 verpflichtet die Europäische Union alle Mitgliedsländer, Daten über die Bevölkerung zu sammeln.

Ein Merkmalkatalog legt fest, welche Daten erhoben werden sollen, beispielsweise Familienstand, Arbeit oder Größe des Haushalts. Die Bundesregierung nimmt dies zum Anlass, die eigenen Erhebungen auf den neusten Stand zu bringen. Denn das Statistische Bundesamt in Wiesbaden rechnet noch auf der Grundlage von Daten, die fast dreißig Jahre alt sind. Die letzte Zählung liegt im Fall der Deutschen Demokratischen Republik 1981 und in der Bundesrepublik Deutschland 1987 zurück. Ohne Zweifel hat sich seit dem, nicht nur durch Deutsche Einheit und Europäischen Union, einiges an den Lebens- und Arbeitsverhältnissen verändert (Hartz IV etc.).
Das Sicherheitsbedürfnis der Regierung hat sich seit dem radikal ausgebreitet. Von Überwachungsstaat und gläsernem Bürger ist seit der Videoüberwachung an deutschen Bahnhöfen, den Diskussionen um den Nacktscanner an deutschen Flughäfen und der Vorratsdatenspeicherung nur noch selten die Rede.
Im Zensusgesetz von 2009 ist festgelegt, in welchem Umfang die Daten aus den Registern der Meldebehörden und der Bundesagentur für Arbeit erhoben werden. Vater Staat ist bereits kräftig am Schnüffeln: Neben der Einwohnerzahl werden also auch Daten zu Arbeit oder Wohnverhältnissen der Bürger erhoben. Als Quelle dienen vor allem Behördenregister. Da diese Daten aber nichts über Bildungsstand und Migrationshintergrund aussagen, wird zusätzlich ein Drittel der Bevölkerung direkt befragt. Mit der Gebäude- und Wohnungszählung können Rückschlüsse auf Gemeinschaftsunterkunft, alleinstehend, Kinderzahl etc. gezogen werden. In einer Stichprobe bekommen weitere zehn Prozent aller Bürger einen Fragebogen per Post zugeschickt. Spezielle Fragen gibt es für „sensible Sonderbereiche“. Dazu gehören Sie, wenn Sie in einem Erziehungsheim, einer Flüchtlingsunterkunft oder Justizvollzugsanstalt wohnen.

Volksverhör schon zu Bibelzeiten

Der „Arbeitskreis Zensus“, ein Zusammenschluss von Bürgerrechtlern, Datenschützern und Internetnutzern, hält die Volkszählung in ihrer geplanten Form für verfassungswidrig, weil sie das Recht auf informationelle Selbstbestimmung verletze. Das Statistische Bundesamt hält dem entgegen, dass die erhobenen Daten dem Statistikgeheimnis unterliegen und somit der Datenschutz gewährleistet sei. Und wieso werden die Daten dann bis zu vier Jahren gespeichert, Vater Staat?
Massenmedien haben das Thema „Zensus 2011“ nicht auf die Agenda gesetzt und ordnen sich ihrer auferlegten Selbstzensur unter. Dafür findet man in der Bibel Verweise auf einen Zensus. Unter König David wurden vornehmlich wehrpflichtige Männer gezählt, Frauen spielen in der Bibel weniger eine Rolle. Doch weil die Volkszählung nicht von Gott angeordnet wurde, jagte dieser zur Bestrafung die Pest unter die Menschen und forderte viele Opfer. Auch in der sogenannten Weihnachtsgeschichte im Lukas Evangelium heißt es: „Es geschah aber in jenen Tagen, dass eine Verordnung vom Kaiser Augustus ausging, den ganzen Erdkreis einzuschreiben.“ So lässt sich auch die Frage „Welcher Religionsgemeinschaft gehören Sie an?“ in der stichprobenartigen Haushaltsbefragung erklären.
Wer sich nicht in eine öffentlich-rechtliche Religionsgemeinschaft unterordnen lässt, folgt der freiwillig zu beantwortenden Frage „Zu welcher der folgenden Religionen, Glaubensrichtungen oder Weltanschauungen bekennen Sie sich? – Christentum, Judentum, Islam – Sunnitischer, Schiitischer oder Alevitischer –, Buddhismus, Hinduismus …“ Das zeigt, dass mit dem Zensus 2011 gleich nach terrorverdächtig oder nicht sortiert wird. Zudem geht die Frage nach der Religionszugehörigkeit über den eigentlichen Fragebogen der EU hinaus.

(K)ein Boykott-Aufruf

„Für die Erhebung besteht Auskunftspflicht“! (ZensG 2011 § 18). Wer wissen möchte, wie sich der Aushorchung unter Einhaltung gesetzlicher Vorschriften entzogen werden kann, dem sei Dietrich Kittners 72-seitiges Büchlein „Der Widerspenstigen Zählung“ inklusive CD mit einem bisher unveröffentlichten 60-minütigen Bühnenmitschnitt der Kittner-Satire empfohlen. Der Kabarettist hat exemplarische Maßnahmen erarbeitet, aufgeschrieben und durchgesetzt.

Dies sei insbesondere Immobilienbesitzern empfohlen, die müssen nämlich Auskunft über die Mieter ihrer vermieteten Wohnungen geben und beispielsweise angeben, ob die Wohnung ihrer Mieter eine Ferien- oder Freizeitwohnung ist. Das kann dann als staatlich verordneter Spitzelauftrag verstanden werden, was insbesondere die neuen Bundesländer zu verstehen wissen.

Satiriker Kittner wünscht dem Volke vorab auf seiner Homepage http://www.dietrich-kittner.de „ein strafloses Überstehen des für Januar 2011 von der Bundesregierung angedrohten, auch ,Volkszählung‘ genannten Massenverhörs.“

Begriffsbestimmung Zensus:

„Eine Volkszählung (auch Zensus, Census oder Makrozensus) ist eine gesetzlich angeordnete Erhebung von statistischen Bevölkerungsdaten, wobei die Bürger bei der herkömmlichen Methode der Zählung per Fragebogen zur Auskunft verpflichtet sind.“

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Volksz%C3%A4hlung

Informationen zur Volkszählung 2011:

• Statistisches Bundesamt:
http://www.zensus2011.de/

• Kampagne gegen die Volkszählung (Initiative des AK Vorratsdatenspeicherung; Zusammenschluss von Bürgerrechtlern, Datenschützern und Internetnutzern): http://zensus11.de/

von Edith Wagner, Berlin