Noch ein Ehrenmord


christlicher ehrenmord
Bild: World Bulletin / News Desk

Ich stolperte über eine Nachrichtenmeldung aus der Türkei, die in vielerlei Hinsicht nicht ungewöhnlich ist: Ein frisch vermähltes Paar wurde durch den Bruder der Braut ermordet, um die Ehre der Familie wiederherzustellen.

Offenbar war die Familie der Braut strikt gegen die Beziehung und versuchte, sie davon abzubringen. Aber dies geschah nicht in einer ländlichen Gegend, in der Mitte (nicht den Slums) einer riesigen Metropole, und die Braut beteuerte ihre Unabhängigkeit. Letztendlich, aber sagte der ältere Bruder der Braut, dass er provoziert wurde und keine andere Wahl hatte, als das Paar, das nur für zehn Tage verheiratet gewesen war zu töten.

Bisher liest sich das wie ein „Routine-Ehrenmord“. Aber, es hat städtischen anstatt ländlichen Charakter, und es ist nach einer Eheschliessung, statt irgendein unerlaubtee Kontakt. Und der beteiligte Mann wurde getötet, ebenso wie die Frau. Türkische Nachrichten wie diese sind deprimierend. Normalerweise würde ich nicht einmal die Details lesen.

Hier ist ein ungewöhnlicher Aspekt: ein Hauptgrund das die Hochzeit umstritten war, war, dass die Braut und der Bräutigam verschiedenen Religionen angehörten: Islam und Christentum. Die Familie der Braut konnte die Mischehe nicht dulden.

Und hier ist der Clou: die Familie der Braut sind  Christen, keine Muslime. Sie gehören zur Gemeinschaft der assyrischen Christen, einer sehr kleinen Minderheit in der Türkei. Die Familie der Braut hatte darauf bestanden, dass sich der Bräutigam zum Christentum bekehrt und dass die Hochzeit in einer Kirche stattfinden sollte. Aber selbst dann waren sie noch unwillig. Das Paar hatte bereits einmal versucht durchzubrennen, und die Frau kehrte nur unter der Drohung „nur Blut wird diese (Beleidigung der Ehre) reinigen“ nach Hause zurück. Aber dann lief sie wieder weg und heiratete heimlich. Sie hatten gehofft dass, nachdem es eine beschlossene Sache war, die Familie der Braut lernen würde, mit dem fait accompli zu leben.

Quelle: World Bulletin

11 Comments

  1. @ Esofee
    Dieses angesprochene Matchotum und die damit einhergehende Verteidigung der Ehre, gab es jedoch in einer derartigen Form, kulturell verankert, in Deutschland nie.
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    Diese Frage ist hochinteressant und wäre eine genaue Untersuchung wert.
    Deutschland war Germanisch und vorher Keltisch, das heist es hatte sich in der Antike keine Hochkultur gebildet. Das Patriarchat hatte sich daher gleich weniger herausgebildet, die Frauen hatten in der Gesellschaft wohl eine stärkere Position da es wohl auch noch Matriarchale Einflüsse gab.
    Die Germanischen Stämme eroberten das Weströmische Reich und brachten ihre Sitten mit, das Oströmische Reich hielt sich viel länger und damit auch die extremen patriarchalen Strukturen. Die Christianisierung brachte zwar auch den Germanen patriarchale Strukturen, diese gab es aber nicht so lange und nicht so verfestigt wie im Bereich des Oströmischen Reiches. So konnten sich die Frauenrechte hier schneller durchsetzen je weiter und länger die Region außerhalb des Römischen Machtbereiches lag.

    Friedrich Engels schrieb auch in: „Der Ursprung der Familie, des Privateigentum`s und des Staat`s“, das die Römer nur von außen durch die Germanen von ihren völlig zementierten Gesellschafts und Familienstrukturen befreit werden konnten.

    Die Schandmorde scheinen im Bereich des ehemaligen Öströmischen Reiches und anderer antiker Hochkulturen noch am verbreitetsten zu sein, egal was für Religion.

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  2. @Bürger

    es war von mir nicht gemeint so weit in die Vergangenheit zurückzugehen, habe mich da etwas undeutlich ausgedrückt. Deine Anmerkungen sind schon richtig, auch ich kenne: „Noch zu meiner Jugendzeit war es ein Skandal wenn Jemand Katholisches Jemand Evangelisches Heiratete“

    Nur, wurden Frauen deswegen nicht umgebracht. Wir reden in diesem Thread ja ganz gezielt um Morde aufgrund der Ehre.

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  3. @ Esofee
    Dieses angesprochene Matchotum und die damit einhergehende Verteidigung der Ehre, gab es jedoch in einer derartigen Form, kulturell verankert, in Deutschland nie.
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    Dem würde ich nicht zustimmen, die Habsburger etwa heirateten sich ihr Imperium zusammen. Es war auch in Deutschland üblich das die Eltern bestimmten, wer zu Heiraten war. Beim Adel war die Heirat natürlich eine hochpolitische Angelegenheit mit höchster Priorität, aber auch bei den unteren Ständen bestimmten die Eltern wer zu heiraten war.

    Noch zu meiner Jugendzeit war es ein Skandal wenn Jemand Katholisches Jemand Evangelisches Heiratete.

    Im Römischen Reich hatten die Frauen (leider) keinerlei Rechte, sie konnten vom Familienoberhaupt wie Sklavinnen verkauft oder sogar getötet werden. Auch im Mittelalter im „Heiligen Römischen Reich“ hatten Frauen keine Rechte. Frauenwahlrecht kam erst Anfang des Zwanzigsten Jahrhundert allmählich auf. Einigermaßen Gleichberechtigung kam erst allmählich im Zuge der 68er Umwälzungen.

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  4. @Kuro Sawai

    Dieses angesprochene Matchotum und die damit einhergehende Verteidigung der Ehre, gab es jedoch in einer derartigen Form, kulturell verankert, in Deutschland nie.
    Ist für uns ja auch unbegreiflich, wie Italiener Berlusconi wählen können und m.E. repräsentiert der korrupte Macho den Charakter seiner Wähler, anders ist es gar nicht möglich.

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  5. @Esofee
    „Die türkische Rechtsanwältin Seyran Ates hat gesagt, daß die Gewalttätigkeit das ist, was die türkische Kultur von der Deutschen trennt. Stimmen Sie ihr zu?“

    Ich schätze das so ein, dass historisch die traditionellen Erziehungsstile besonders der ländlichen Türken und der früherer deutscher Generationen recht ähnlich waren. Prügel gegen die eigenen Kinder gab es nicht zu knapp. In der Schule und beim Militär wurde der Nachwuchs ebenfalls recht grausam sanktioniert/misshandelt. Wer als Kind/Heranwachsender öfter geschlagen wurde, hat eine relativ große Wahrscheinlichkeit, selber zu einem gewalttätigen Menschen zu werden. – Wir haben in Hanekes Kinofilm „Das weiße Band“ ein großartiges Fenster in diese schlechte alte Zeit. – Hat Ates demnach recht? Teilweise. Gewalterfahrungen (Kriegserlebnisse nicht zu vergessen, die häufig gesellschaftlich verrohend wirken) brauchen oft mehrere Generationen, um nicht mehr weitergegeben zu werden.

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  6. Auch Radio Vatikan berichtet:

    Türkei: Christlicher Ehrenmord?

    Ein jungvermähltes Paar in Istanbul ist vom Bruder der christlichen Braut erschossen worden, weil der Bräutigam Muslim war. Der 29-jährige Mann und die 26-jährige Frau wurden am Wochenende in ihrem Auto mit Kopfschüssen getötet, berichtete die türkische Presse am Montag. Der Bruder der Braut wurde wenig später gefasst. Er gestand, die beiden getötet zu haben, weil seine Schwester gegen den Willen der Familie einen Muslim geheiratet habe. Die Geschwister stammten aus einer syrisch-orthodoxen Familie.

    http://www.oecumene.radiovaticana.org/TED/Articolo.asp?c=446710

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  7. @Kuro Sawai

    … Die türkische Rechtsanwältin Seyran Ates hat gesagt, daß die Gewalttätigkeit das ist, was die türkische Kultur von der Deutschen trennt. Stimmen Sie ihr zu?

    Ehrendelikte sind aus einer alten mediterranen Kultur überkommene Phänomene, die sich von der modernen mitteleuropäischen Kultur unterscheidet. Das gilt nicht allein für den Orient und die Muslime. In Sizilien zum Beispiel gehorcht die Blutrache ähnlichen Mechanismen. Im Libanon und Syrien, wo Ehrenmorde leider noch gang und gäbe sind, sind sie auch unter Christen weit verbreitet. Unterschiede werden jedoch im Bildungsgrad und der sozialen Herkunft deutlich. Je höher der Bildungsgrad, desto seltener werden die Ehrenmorde – auch unter Muslimen …

    http://www.faz.net/s/Rub02DBAA63F9EB43CEB421272A670A685C/Doc~ED4D3205346454A9788D0285538036D45~ATpl~Ecommon~Scontent.html

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  8. Tolles Fundstück. Sowas findet man selten auf den Kanälen des Webs, wo ich lese. Es fehlt indes die Quellenangabe!

    Der geschilderte Sachverhalt legt nahe, dass einerlei ob Islam oder Christensekte das Ehrenmord-Verhalten Teil eines „kulturellen“, traditionalistischen ungeschriebenen Moral-Kodexes ist. Kann man so sehen. Oder?

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