Die Bibel – der ewige Skandal


Liebe deinen Feind: Xavier Beauvois’ Film „Von Menschen und Göttern“ zeigt die Radikalität des Christentums.

Von Thomas AssheuerZEIT ONLINE

Was den Publikumserfolg betrifft, so ist dieser Film ein profanes Wunder. Innerhalb weniger Wochen sahen in Frankreich zwei Millionen Zuschauer Von Menschen und Göttern, und das, obwohl der Film dramaturgisch gegen alle Marketingregeln verstößt und im Fernsehen vermutlich sofort in den Minoritätenknast der Dritten Programme abgeschoben würde. Tatsächlich hat Xavier Beauvois’ Film kaum Handlung und behelligt sein Publikum mit langen meditativen Einstellungen. Die Geschichte spielt in Algerien und zeigt, wie neun französische Trappistenmönche ihrem Tagewerk nachgehen. Mit den Hühnern stehen sie auf, und mit der letzten Abendsonne gehen sie zu Bett. Sie singen und beten und schweigen. Sie bestellen ihr Feld oder kümmern sich wie Bruder Luc (Michael Lonsdale) auf ihrer Krankenstation um die Dorfbevölkerung. Dann singen und beten und schweigen sie wieder.

Der Spiritus Rector ist Christian, der Abt (Lambert Wilson). Er ist ein charismatischer Intellektueller, der die halbe Nacht am Schreibtisch hockt, neben ihm der Koran und die Legendensammlung Die Blümlein des Franz von Assisi . Christian liest die beiden Bücher synoptisch, weil er nicht das Trennende zwischen Islam und Christentum sucht, sondern das Gemeinsame, nicht den Krieg, sondern den Frieden. Für ihn gehören die Weltreligionen zusammen, denn alle hätten denselben Gott.

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