Der Verführer


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Die Politik des Papstes zersetzt die anglikanische Kirche. Er nutzt eine Kontroverse über die Ordinierung von Frauen und bekennenden Homosexuellen, um anglikanischen Priestern und Bischöfen den Übertritt in die römische Kirche anzubieten. Dabei sind es doch die Katholiken, die nun zittern müssen.

Von Alan PosenerThe European

Als Atheist kann ich Benedikt dem XVI. vieles nachsehen. Als Anglikaner nehme ich ihm aber übel, dass er meine Kirche zerstören will. Er nutzt eine Kontroverse über die Ordinierung von Frauen und bekennenden Homosexuellen, um anglikanischen Priestern und Bischöfen den Übertritt in die römische Kirche anzubieten. Dafür müssen sie weder auf die Eigenheiten ihrer Liturgie noch auf eventuell vorhandene Ehefrauen verzichten. Hauptsache, sie erkennen die Autorität Roms an.

Es ist leicht, sich über den Anglikanismus lustig zu machen, und niemand tut es besser als jene Engländer, die unter dem sanften Joch und dem weiten Dach dieser Nationalkirche groß geworden sind. Konvertiten zum Katholizismus wie Graham Greene oder Evelyn Waugh hingegen fielen oft durch ihre säuerliche Miene auf. Ähnlich humorlos wirkt der Vatikan-Historiker und Kardinal Walter Brandmüller, wenn er fragt: „Sind königlicher Machtmissbrauch zum Zweck des Ehebruchs, sind Justizmorde, Grausamkeit, Bruch mit der Glaubensüberlieferung der Kirche, Bruch des Zölibats und Erschleichung der Bischofsweihe – sind all dies Bausteine, aus denen man eine christliche Kirche baut? Kann ein Gebäude, das dank dem Untertanengeist einer charakterschwachen Hierarchie aus diesem Material errichtet wurde, Bestand haben?“

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