Religion: Krieg oder Frieden


Menschenrechte sind bisher kein dominantes Kriterium westlicher Außenpolitik, doch der religiöse Fanatismus stellt die Politik vor die Gretchenfrage

Von Stephan BaierDie Tagespost

Das neue Jahr und der Weltfriedenstag 2011 begannen für die Christen in Ägypten mit einem Blutbad. 21 gläubige Kopten starben, etwa hundert wurden schwer verletzt, als ein Selbstmordattentäter in seinem Wagen – geparkt unmittelbar vor der Kirche der Heiligen Apostel Markus und Petrus in Alexandria – eine Bombe mit rund hundert Kilo Sprengstoff zündete. In den Tod gerissen wurden die ersten Gläubigen, die die Neujahrsmesse verließen. Dieser Anschlag auf friedliche Gottesdienstbesucher zeigt neuerlich die mörderische Dimension eines pseudoreligiösen Fanatismus wie auch die Tatsache, dass die Religionsfreiheit der Christen in vielen Ländern der Welt verletzt wird: manchmal durch Staat und Verfassung, in anderen Ländern durch die Politik, in wieder anderen durch fanatische Kräfte, Terroristen und Kriminelle.

Wie wichtig sind dem Westen Menschenrechte?

Das Blutbad von Alexandria unterstreicht auch die Dringlichkeit der Appelle Benedikts XVI. in seiner Botschaft zum Weltfriedenstag 2011: „Wenn die Rechtsordnung, sei es auf nationaler oder internationaler Ebene, den religiösen oder antireligiösen Fanatismus zulässt oder toleriert, kommt sie ihrer Aufgabe nicht nach, die Gerechtigkeit und das Recht eines jeden zu schützen und zu fördern.“ Doch wie wichtig ist der Rechtsordnung „auf nationaler oder internationaler Ebene“ die Bekämpfung des „religiösen oder antireligiösen Fanatismus“? Wie wichtig sind der Diplomatie und der Außenpolitik westlicher Demokratien die Wahrung der Religionsfreiheit?

Die entsetzten Reaktionen von US-Präsident Barack Obama oder EU-Außenbeauftragter Catherine Ashton sind vor allem Botschaften an die Öffentlichkeit, nicht Ausdruck einer außenpolitischen Linie. Tatsache ist, dass die Verletzung der Religionsfreiheit kein maßgebliches Kriterium der Außenpolitik ist. Und dies, obwohl Artikel 18 der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte“ die Mitglieder der Vereinten Nationen darauf verpflichtet: „Jeder Mensch hat das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit; dieses Recht schließt die Freiheit ein, seine Religion oder seine Überzeugung zu wechseln, sowie die Freiheit, seine Religion oder Weltanschauung allein oder in Gemeinschaft mit anderen öffentlich oder privat durch Lehre, Ausübung, Gottesdienst und Kulthandlungen zu bekennen.“

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