Missbrauchsdebatte: Verlogen und scheinheilig


Quelle: brightsblog

Will die katholische Kirche an die Ursachen des Missbrauchsskandals heran, muss sie ihre Haltung zur Homosexualität ändern. Die Rufe nach Reformen werden lauter.

Von Joachim FrankFrankfurter Rundschau

„Seltsam ist das“, sagt Matthias und schaut ein wenig betreten drein. „In den Ferien waren meine Töchter mit der Pfarrgemeinde weg. Und irgendwie war mir dabei komisch zumute. Als sie danach mit dem Sportverein auf Tour gegangen sind, hatte ich überhaupt nicht dieses Gefühl.“ Matthias, Anfang 40, ist katholisch. Er besucht mit seiner Familie den Gottesdienst, er interessiert sich für Theologie, redet gern über Glaubensfragen – früher hätte man ihn einen „treuen Sohn der Kirche“ genannt. So einem ist heute unwohl, wenn er Mutter Kirche die eigenen Kinder anvertraut.

Solche Begebenheiten sind der beste Beleg für die dramatische Lage der katholischen Kirche in Deutschland. Ein Jahr ist vergangen, seit Pater Klaus Mertes einen „systematischen sexuellen Missbrauch“ am Canisius-Kolleg öffentlich machte, dem Elite-Gymnasium des Jesuitenordens in Berlin. Es war der Beginn eines Skandals, der Kirche und Gesellschaft erschüttert hat. Das Problem der Kirche heute sind gar nicht so sehr die Kirchenaustritte. Ja, gewiss, deren Zahl ist 2010 sprunghaft gestiegen: Noch vor der Bekanntgabe der offiziellen Statistik ergab eine Umfrage der FR in den Bistümern eine Zunahme um bis zu zwei Drittel gegenüber 2009. Damals hatten sich 124.000 Katholiken formell von der Kirche losgesagt.

Die „Herde“ wird kleiner

„Das sind aber doch nur 0,5 Prozent von 25 Millionen katholischen Christen in Deutschland“, trösten sich die einen. „Das sind viel weniger Austritte als in der evangelischen Kirche“, rechnen andere vor. Und wieder andere winken ab: „Das sind doch nur die, die sowieso auf dem Absprung waren.“ Menschen mit „lockerer Verbindung zur Familie Gottes“ nennt sie der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller despektierlich und fügt trotzig hinzu: „Vielleicht wird unsere Herde kleiner, aber nicht verzagter.“

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1 Comment

  1. Es ist schon höchst seltsam, wenn man immer wieder lesen muss, dass die Problematik des Missbrauchs erst mit dem Canisius-Kolleg zu einem ekelhaften Skandal geworden sei. Die ehemaligen Heimkinder, die seit Ende des Weltkriegs 1945 bis weit in die 1980er Jahre auf solche widerwärtigen Schweinereien hingewiesen haben und dies schon mindestens seit 2004 öffentlich tun, wurden einfach nicht gehört. – Und das, so finde ich, ist der eigentliche Skandal!- Erst wenn Bürgersöhnen und -töchtern die in dieser – ach so klassenlosen Gesellschaft – anscheinend weit über den Heimschmuddelkindern stehen, den klerikalen Sumpf öffentlich machen, wird zumindest versucht „ihnen Glauben zu schenken“. Wem hat man nun mehr geglaubt?

    Schätzungsweise 80% der ehemaligen Heimkinder hatten unter sexuellen Missbrauch zu leiden. Eine furchtbare Zahl, die unter dem Mäntelchen angeblicher „Obhut“ und „Nächstenliebe“ zustande gekommen ist.
    Wenn man sich nun noch die Zahl der damaligen Heimkinder im „Wirtschaftswunderland“ von 800.000 bis 1 Millionen (Schätzung von Wissenschaftlern) vergegenwärtigt, kann man nur zu dem Schluss kommen, dass hier gewaltig und himmelschreiend mit zweierlei Maß gemessen wurde und wird.
    Wann, so frage ich mich, fällt endlich der Groschen? Wann werden die fürchterlichen Leiden der damaligen Heimkinder endlich anerkannt und ernstgenommen. Die Kirchen und mit ihnen die damals tätigen Ordensgemeinschaften müssen die volle Verantwortung tragen! Sie haben Wiedergutmachung zu leisten! – Finanzielle Wiedergutmachung! – Anderes geht nicht mehr! Ihre hohlen und scheinheiligen Sprüche können sie sich sparen! Die wenigsten Heimkinder nehmen ihnen ihr Geschwafel ab!

    Und der RTH (Runder Tisch-Heimkinder) in Berlin, unter Frau Vollmers 2 jähriger merkwürdiger Leitung hat wieder einmal bestätigt, dass Politik und Kirche – beide haben sich schlimmster Verbrechen an Kindern und Jugendlichen zu Schuld kommen lassen – ein ekliges und mieses Gemenge ist, wenn es um Kinder- und Menschenrechte geht.
    Pfui, Teufel!

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