Säkulare apokalyptische Denk- und Verhaltensmuster der Gegenwart


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von den münsteraner Wiedertäufern bis hin zur Ideologie des Nationalsozialismus‘.

Von Ulrich BaronDeutschlandfunk

Drei eiserne Käfige hängen in Münster. Als sie 1536 dort am Turm der Lambertikirche emporgezogen wurden, lagen darin die verwesenden Leichen dreier Männer – den Vögeln zum Fraße und dem Volke zur Warnung, was mit Menschen geschah, die das Himmelreich auf Erden einführen wollten.

Der eine war Prediger gewesen, der zweite Tuchhändler und Scharfrichter. Der dritte war ein niederländischer Schneider und für kurze Zeit König jenes Wiedertäuferreichs zu Münster, in dem die Prophezeiungen der Bibel Wirklichkeit werden sollten. Von feindlichen Truppen belagert, hatte ihr Regime bald groteske Züge angenommen.

Die Täufer lebten in Gütergemeinschaft und trieben Vielweiberei. Für Ostern 1534 hatte der Prophet Jan Mathys das Erscheinen Jesu Christi angekündigt, aber war nach dessen Ausbleiben von feindlichen Söldnern in Stücke gehackt worden. Der Schneider Jan van Leiden war zum „König Johannes I.“ ernannt worden, doch obwohl sein Reich Missionare entsandte, blieb Hilfe von oben und draußen aus. Im Juni 1535 wurde Münster gestürmt. Hunderte von Täufern wurden getötet, und die Stadt war verwüstet.

In seiner Endzeiterwartung war das Täuferreich dem mittelalterlichen Denken verhaftet; sein kritischer Impetus aber war von jenem radikalen Flügel der Reformation inspiriert, der nicht nur das geistige, sondern auch das weltliche Leben neu ordnen wollte. So schuf es sich selbst eine fatale, eine apokalyptische Perspektive, die sich nur durch eine gewaltsame Weltwende hätte erfüllen lassen.

Dass sich die Welt wandelte, war freilich offenkundig. Spanier und Portugiesen hatten den Seeweg nach Indien und eine neue Welt erschlossen. Nikolaus Kopernikus rückte statt der Erde die Sonne in die Mitte des Universums. Stand gar die Geburt des Antichrist bevor, nachdem der rebellische Mönch Martin Luther 1524 die Nonne Katharina von Bora geheiratet hatte? Oder regierte der Antichrist längst als Papst in Rom und hatte es in ein neues Babylon verwandelt, das sich am Ablasshandel schamlos bereicherte?

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1 Comment

  1. Der ganz normale Gotteswahn im „Heiligen Römischen Reich“. Was hätten die Menschen nicht alles aufbauen können und ihr leben Human gestalten können, hätte es diesen Wahnsinn nicht gegeben.

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