Wer erschuf Darwin? – Evolution vs. Kreation


Am 14. November 2010 sendete das Bayerische Fernsehen in der Reihe „Faszination Wissen“ einen halbstündigen Beitrag mit dem Titel „Wer erschuf Darwin? – Evolution oder Kreation

Von Hansjörg Hemminger

Der Geschäftsführer von „Wort und Wissen“, Reinhard Junker, beschreibt seine Mitwirkung so:

„Es wurden 6 Statements von mir aufgenommen, die jeweils nicht länger als 30-35 Sekunden dauern durften. Ich vermutete damals schon, dass diese Statements dazu dienen sollten, von anderen widerlegt zu werden. In der Tat war die Sendung in weiten Teilen entsprechend aufgebaut… Meine Aussagen dienten dann als Vorlage für gezielte Widerlegungen. Das Ganze gipfelte gegen Ende in dem Vorwurf an Kritiker wie mir und meinen Mitarbeitern von Wort und Wissen, wir würden „Wissen verschleiern“, weil wir Behauptungen aufrechterhielten, die widerlegt worden seien. Tatsächlich ist es aber so, dass es von uns auf viele „Widerlegungen“ bereits Antworten gibt, diese aber nicht zur Sprache kamen.“ 1

Mit diesem Stil des Argumentierens prägt Reinhard Junker die kreationistische Studiengemeinschaft seit 25 Jahren. Er beansprucht, seine Kritik an der Evolutionstheorie naturwissenschaftlich begründen zu können, diese sei nicht auf religiöse Vorbehalte reduzierbar. Seine Argumente würden aber nicht ernst genommen, nicht sachlich gewürdigt usw. Ob das der Fall ist oder nicht, kann vom Klientel der Studiengemeinschaft – überwiegend konservative bis fundamentalistische Protestanten aus Freikirchen und unabhängigen Gemeinden – bis auf wenige Ausnahmen nicht beurteilt werden. Auf welche wissenschaftliche Autorität man als Laie hört, ist Vertrauenssache, und die Studiengemeinschaft setzt darauf, dass man in den einschlägigen Milieus ihren Lehren und Ansichten vertraut.

Nahezu alle Experten, darunter engagierte Christen, bescheinigen „Wort und Wissen“ dagegen, dass ihre Argumente gegen die Evolutionstheorie nur scheinbar schlüssig sind. Meist bestehen sie aus einem – durchaus mit Fachkenntnis vorgetragenen – Bemängeln von einzelnen Erklärungen, wobei das wissenschaftliche Gesamtbild, das immer gegen den Kreationismus spricht, weggelassen wird. Gegenargumente werden unterlaufen, indem man eigene Erklärungen erst gar nicht anbietet. Offene Einzelfragen werden so behandelt, als würden sie die ganze Theorie in Frage stellen. Diese Strategie ist, wie gesagt, für Laien schwer zu durchschauen. Ihnen wird der Eindruck vermittelt, dass die Evolutionstheorie auf unsicherem Boden stehe, und dass man deshalb eine fundamentalistische Auslegung der biblischen Schöpfungsberichte wissenschaftlich vertreten könne.

Eine Aufklärung, die dieses Verwirrspiel aufdeckt, bewirkt in den einschlägigen Milieus wenig. Dennoch soll anhand des oben genannten Films erläutert werden, wie von „Wort und Wissen“ argumentiert wird, und zwar am Beispiel der „Endosymbionten-Theorie“. Diese Theorie besagt, dass die Zellen höherer Lebewesen (Eukaryonten) u.a. dadurch entstanden sind, dass während der Evolution der Einzeller eine ursprüngliche (präeukaryotische) Zelle andere Zellen (Bakterien) als Symbionten in ihrem Plasma beherbergte, die ihnen Stoffwechselenergie lieferten. Aus diesen Symbionten entstanden über geologische Zeiträume Organellen, die Mitochondrien. Eine Abstammungslinie dieser höher entwickelten Zellen inkorporierte zusätzlich photosynthetisch aktive Symbionten („Blaualgen“), aus denen die Chloroplasten eukaryoter Einzeller und später auch andere Plastiden der Pflanzen wurden. Diese Theorie war eines der Themen des Films. Die anderen beiden Themen „Entstehung neuer Baupläne in der Evolution“ und „Entstehung des Vogelflugs“ seien hier beiseite gelassen. Zur Endosymbionten-Theorie schreibt Junker:

„Ich wies darauf hin, dass ein solcher Prozess der Einverleibung vielfache Abstimmungen zwischen Wirtszelle und einverleibter Zelle erfordert, was ein natürlicher Prozess nach bisherigem Wissen nicht leisten kann.“

Das ist bemerkenswert, weil Endosymbiosen, die eine komplizierte Interaktion zwischen den Partnern erfordern, heute noch alles andere als selten sind. Man kann bei unterschiedlichen Lebewesen verschiedene Stadien zwischen Symbiose und Endosymbiose beobachten. Z.B. kann der Süßwasserpolyp (Hydra viridissima) durch Endocytose Zoochlorellen aufnehmen und mit deren Hilfe Photosynthese betreiben. „Wort und Wissen“ publiziert selbst ein Beispiel, nämlich Bakterien, die in einem Organ (Bacteriom) intrazellulär in Blattflöhen leben2. Da „vielfache Abstimmungen“ zwischen Symbionten also unzweifelhaft existieren, da sie aber nach Junker kein natürlicher Prozess hervorbringen kann, also auch kein Evolutionsprozess, müssten diese Lebensgemeinschaften in jedem Einzelfall durch „Design“ zustande gekommen sein. Das Argument läuft bei näherem Hinsehen also auf „intelligent design“ in der krudesten Form hinaus. Das wird aber nicht gesagt, denn damit würde man sich den bekannten Gegenargumenten aussetzen. Auch Siegfried Scherer sagt in dem o.g. Text, es gäbe „… bis heute keinen evolutionären Mechanismus, der eine erstmalige Etablierung von Organellen mit funktionalem Gentransfer (z.B. Mitochondrien) befriedigend“ erkläre. Das entspricht nicht dem Stand der Forschung, wie Martin Neukamm und Andreas Beyer in einem Essay auf dieser Webseite schildern (Neukamm/Beyer 2011; Endosymbiontentheorie)

Aber die Frage nach dem „evolutionären Mechanismus“ ist für „Wort und Wissen“ nicht die entscheidende, die Diskussion verläuft auf einem Nebengleis. Denn schon die bloße Tatsache, dass die Eukaryonten-Zelle durch irgendeinen endoysmbiontischen Prozess entstand, egal wie dieser aussah, ist für die Studiengemeinschaft unannehmbar. Aber das erfährt der Leser nicht. Denn die Endosymbiose an sich kann nicht mehr bestritten werden, ohne sich von der Biologie zu verabschieden. Die Gründe dafür sind überwiegend beschreibender Natur und hängen von einer kausalen Erklärung des evolutionären Prozesses nicht ab. Nur einige seien erwähnt, eine vollständige Liste findet sich in dem o.g. Essay: Mitochondrien und Plastiden haben eine Doppelmembran, manchmal sogar noch mehr Membranhüllen. Der Membranaufbau der Innenmembran ähnelt in bestimmten Aspekten dem von Bakterien. Sie weisen 70S-Ribosomen auf, die für Bakterien charakteristisch sind. Diese Ribosomen entsprechen in ihrem Aufbau und der Empfindlichkeit gegenüber Hemmstoffen den bakteriellen Ribosomen. Die Chloroplasten- und Mitochondrien-DNA besitzt bakterienartige Promotoren und Ribosomenbindestellen. Mitochondrien und Chloroplasten besitzen, ähnlich wie Eubakterien, ein zirkuläres Genom und vermehren sich eigenständig durch DNA-Replikation und anschließende Teilung. Das Plastiden-Genom weist eine hohe Übereinstimmung mit cyanobakteriellen Genen auf, das mitochondriale Genom mit Alpha-Proteobakterien. Diese und andere Befunde sind nur mit der Endosymbionten-Theorie befriedigend zu erklären. Die Frage, welche evolutionären Prozesse im Einzelnen zum gegenwärtigen Bau und Funktionieren der Eukaryoten-Zelle führten, ist eine sekundäre Frage und liegt auf einer anderen Ebene. Es gibt durchaus Antworten auf sie, auch wenn diese noch unvollständig sind.

Wie „Wort und Wissen“ diese Unvollständigkeit aufgreift, ist typisch: Eine nur noch teilweise offene Frage zweiter Ordnung wird dazu benutzt, eine hochgradig abgesicherte Theorie dennoch fragwürdig erscheinen zu lassen. Zulässig wäre das Argument nur dann, wenn „Wort und Wissen“ beweisen könnte, dass jeder evolutionäre „Mechanismus“ grundsätzlich unplausibel ist. Belege dafür versucht die Bewegung für ein „intelligent design“ vergeblich zu liefern; d.h. sie verbirgt sich auch bei „Wort und Wissen“ zumindest gedanklich hinter dem biologischen Bemängeln von Details. Das würde sofort sichtbar, wenn „Wort und Wissen“ nicht nur bemängeln würde, sondern auch sagen würde, wie eine alternative Erklärung aussehen soll. Sind Mitochondrien und Plastiden aus ihrer Sicht Symbionten, die ein Designer für diese Funktion entworfen hat, wie alle anderen bekannten Endosymbionten? Dann müsste die Studiengemeinschaft öffentlich zugestehen, dass übernatürliches „Design“ für sie kein Ergebnis der Forschung, sondern die Grundlage ihres Welt- und Naturbilds ist, sei es im Sinn der Bewegung für ein „intelligentes Design“, sei es im Sinn des Kurzzeit-Kreationismus. Der Anspruch auf Wissenschaftlichkeit müsste konsequenterweise aufgegeben werden.

Aber vielleicht sind für „Wort und Wissen“ Mitochondrien und Plastiden doch keine ehemaligen Symbionten? Dann muss sie die Frage beantworten, warum diese Organellen überhaupt eigene Gene haben, warum diese nur noch rudimentär sind, warum sie sich dennoch wie Bakterien durch Teilung vermehren, warum sie Bakterien so sehr ähneln und so weiter und so fort. Das Totschlag-Argument, wonach der „Designer“ die Eukaryonten-Zelle so gebaut habe, dass für Forscher ein falscher Eindruck einer evolutionären Entwicklung auf der Grundlage einer Symbiose entsteht, will „Wort und Wissen“ sicher nicht benutzen. Also bleibt ihr nur ein grundsätzliches Bekenntnis zu „Design“ statt Evolution, oder das Eingeständnis, dass die Endosymbionten-Theorie die offensichtlich richtige ist. Das öffentliche Lavieren der Studiengemeinschaft zielt jedoch darauf ab, beide Möglichkeiten zu vermeiden und stattdessen eine Unmöglichkeit oder, freundlicher ausgedrückt, ein Paradoxon zu praktizieren: nämlich den wissenschaftlichen Diskurs zu führen und gleichzeitig nicht zu führen. Wie wichtig es für Junker ist, eine Klärung der eigenen Position zu umgehen, macht er am Schluss seiner Erwiderung deutlich:

„Im Film wurde behauptet, ich würde die geologischen Zeiträume einer 3,5 Milliarden Jahre währenden Evolution akzeptieren. In diesem Zusammenhang wurde im Film der Eindruck erweckt, ich würde eine in Stufen verlaufende Schöpfung vertreten, die an den Epochen der Erdzeitalter angepasst verlaufen sei. Das ist nicht der Fall.“

Man kann nur vermuten, dass die Filmemacher Junkers verwirrendes „sowohl als auch“ aus ihrer Sicht für ihn günstig auslegten. Vermutlich wollten sie ihm gerecht werden. Aber das kann man nicht. Denn wenn man „Wort und Wissen“ dem Kurzzeit-Kreationismus zurechnet, beschwert sie sich ebenso wie wenn man sie wie in dem Film dem Langzeit-Kreationismus zuordnet, und „intelligent design“ will sie auch nicht konsequent vertreten. Die Studiengemeinschaft will kritisieren, ohne sich selbst der Kritik auszusetzen, und ohne die wissenschaftlichen Konsequenzen aus der unbestreitbar vorhandenen Fachkenntnis zu ziehen. Daraus ergibt sich immerhin, dass „Wort und Wissen“ nicht vorwiegend Außenstehende, sondern sich selbst verwirrt, um sich und ihr Klientel gegen die Folgen wissenschaftlicher Erkenntnis abzusichern. Dass diese Folgen für Christen gar nicht so bedrohlich wären, wird in dem Film ebenfalls mit guten Gründen gesagt. Und dass Reinhard Junker darauf äußerst unwirsch reagiert, zeigt, wovor er sich eigentlich fürchtet. Aber das ist ein anderes, nämlich ein theologisches Thema.

Fußnoten

1 „Wer erschuf Darwin?“ Neue „schlagende Beweise“ für Evolution? Bericht und Kommentar von Reinhard Junker; www.wort-und-wissen.de/index2.php?artikel=disk/d10/2/d10-2.html (Stand: Dezember 2010).

2 Siegfried Scherer, in: www.wort-und-wissen.de/index2.php?artikel=sij/sij142/sij142-2.html (Stand: Dezember 2010).

Literatur

Neukamm, M./Beyer, A. (2011) Die Endosymbiontentheorie: Allgemeine Grundlagen, Fakten, Kritik.

www.ag-evolutionsbiologie.de/app/download/4180172202/Endosymbiontentheorie.pdf

2 Comments

  1. Einen kleinen Kritikpunkt an der Reportage habe ich: Blaualgen sind keine Algen sondern Bakterien. Sogenannte Cyanobakterien. Sie wurden nur aufgrund ihrer Filamentstruktur (die mehrzellig erscheint) und ihrer Fotosyntheseaktivität für Algen (also Eukaryoten) gehalten.

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  2. Wer erschuf Darvin ? Darvin Senior wahrscheinlich wenn seine Mutter nicht heimlich fremd gegangen ist.

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