Medizin ist keine Naturwissenschaft!


Eine Wand. Herr Müller sitzt bequem im Stuhl. Die Wand mit einem riesigen Regal, kleine Fächer, fast wie in einem Setzkasten der Drucker. Statt Bleilettern befindet sich in jedem Fach eine kleine Flasche mit Zuckerkügelchen. Globulis.

Sein Arzt hat ihm erklärt, dass er zur weiteren Behandlung des nicht heilbaren Reizhustens nun herausfinden will, auf welches homöopathische „Medikament“ denn der Herr Müller besonders reagiere.  Zu diesem Zweck wird der Puls gefühlt und der Dok nimmt einzelne Fläschchen in die Hand. Bei einem beschleunigtem Puls würde er eine Beziehung von Körper und „Medikament“ feststellen.  Wie das wirken soll ist dem Herrn Müller ein Rätsel, aber in Vertrauen auf seinen Arzt lässt er sich die Prozedur gefallen und die Hoffnung den lästigen Reizhusten loszuwerden wird stärker.

So, oder ähnlich werden in Deutschland tagtäglich die kleinen runden Zuckerkügelchen zur Behandlung von Leiden separiert und dann eingesetzt.

Dem Ausbreiten der skurrilen Heilslehre der Homöopathie scheinen keine Grenzen gesetzt. Unaufhaltsam ist ein ausbreiten an deutschen Hochschulen erkennbar. Ja, an etlichen Universitätskliniken hat sie sich in der Krankenversorgung etabliert. Die neue Approbationsordnung sieht die Homöopathie sogar als Wahlpflichtfach für Medizinstudenten vor. Der Präsident der Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe unterstützt den Humbug. Er fordert eine stärkere Verbindung von Schulmedizin und Alternativmedizin. „Die Wirkung von homöopathischen Mitteln sei zwar naturwissenschaftlich nicht belegbar, trotzdem sei die Homöopathie ein wichtiger Zweig  in der Ausbildung von Ärzten geworden.“ So Hoppe.

Die von Samuel Hahnemann begründete Unheilslehre ist längst wissenschaftlich widerlegt, der Heilserfolg der Glaubulis liegt allein im Placeboeffekt begründet. Hoppe mit der Sturheit eines alten Mannes: „Medizin ist keine Naturwissenschaft, sondern eine Erfahrungswissenschaft, die sich auch naturwissenschaftlicher Methoden bedient.“  Mit solch einem Geschwafel entfernt sich der Präside deutscher Ärzte immer weiter von den internationalen Standards der Medizin. Selbst Voodoo räumt er Möglichkeiten zur Behandlung von Krankheiten ein.

Längst sind die Grundlagen seriöser Medizin verlassen, aufklärerisches Denken irrationalen und grotesken Methoden geopfert. In der esoterisch kontaminierten Politik haben Botschaften, wie sie Hoppe verkündet, willfährige Empfänger. Die Akzeptanz in der Politik führt zum leichten Spiel der Lobbyvereine. An primärer Stelle sei die Carstens-Stiftung genannt, die jährlich ca. 1,5 Millionen Euro in deutsche Universitäten pumpt. Die Stiftung selbst wurde 1982 vom damaligen Bundespräsidenten Karl Carstens und seiner Frau Veronica, einer homöopathischen Ärztin, gegründet. Mit Kapital lockt die Stiftung Universitäten entsprechende Studiengänge anzubieten.

Das Homöopathie eher wie eine besondere Form von Psychotherapie zu sehen ist wird aussen vorgelassen. Ob nun die Professur für Komplementärmedizin an der Berliner Charite, finanziert von der Stiftung, oder die Masterstudienlehrgänge an der Universität Frankfurt(Oder), für Komplementärmedizin lassen erkennen, dass eine immer größere Akzeptanz unter den Medizinern zu Anwendung von Humbug führt.

Abschließend bleibt noch festzustellen, Präside Hoppe kann keine seriöse Studie vorweisen, die die Wirksamkeit homöopathischen Unsinns wissenschaftlich untermauert. Da kann man hoffen und glauben, dass der neue Päsident der Bundesärztekammer wieder zu wissenschaftlicher Redlichkeit zurückfindet und den Obskurantismus eines alten Mannes ausdünnt.

7 Comments

  1. Es ist schwer genug, zu verstehen, wieso so viele Menschen im 21. Jahrhundert an diese Quacksalberei glauben (und an Esoterik und Religion usw). Man findet sich damit irgendwie ab.
    Man verkraftet es dann noch mit Mühe, dass Apotheken, Ärzte und Krankenkassen diesen Unsinn anbieten. Marktwirtschaftliche Zwängen und so…
    Aber Universitäten? Wenn selbst hier Vernunft, Rationalität, Seriösität und Wissenschaftlichkeit abgelehnt wird, bleibt doch nichts mehr.

    Vielleicht gehen wir zu tolerant mit diesem Unfug um. Vielleicht ist es schon zu viel, wenn wir die Unterscheidung zwischen Alternativmedizin und Schulmedizin akzeptieren.

    In meinem aktuellen Artikel beschreibe ich (satirisch) das erfolgreiche „Begriffsmarketing“ der Esoteriker. Freue mich auf jeden Besucher.

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  2. ich fürchte, Udo, daß Du das Grundproblem nicht ganz erkannt hast.

    Das Grundproblem ist nicht der befürchtete Verlust von marktanteilen seitens der Ärzte. Die sie sich sichern wollen, sind längst auf die Humbug-Medizin-Bahn aufgesprungen.

    Das Grundproblem ist das dysfunktionale Denken, das sich durch alle diese Sparten zieht.
    und Auswirkungen in JEDEM Lebensbereich hat.

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  3. @ claasfletcher
    Schön, dass Sie noch lachen können und Sinn für Melodramatik besitzen. Ich habe nicht erwartet, hier auf viel Zuspruch zu stoßen und wollte schon gar nicht auf die (Un)Wissenschaftlichkeit von Homöopathie eingehen. Den Nachweis muss ich nicht erbringen, ebenso wenig den damit verbundenen Aberglauben anprangern. Ich hätte erwartet, dass der Artikel fragt, warum der Aberglaube sich hält, nicht, dass er überlebensfähiger ist als allgemein befürchtet und gar im akademischen Wissenschaftsbetrieb Fuß zu fassen scheint. Es ist doch völlig legitim, dass sich auch hier Kräfte Bahn brechen, Marketing in eigener Sache zu betreiben und bezeichnend, dass die Fakultäten ausgerechnet im Osten Deutschlands mit diesen (Fach)Richtungen werben. Hier geht es um neue Studenten, um wirtschaftliche Interessen, um Refinanzierung und das Einwerben von Mitteln, auch über Stiftungen. Dahinter dürfte nicht viel mehr stecken. Wo ist das Problem? Das der Elfenbeinturm WISSENSCHAFT ins Wanken gerät? Das Esoteriker die Dekane der Zukunft werden könnten? Oder glauben Sie, die Ingenieurwissenschaften haben Angst vor Fakultäten, die das Perpetuum Mobile propagieren? Wohl kaum! Ein bisschen mehr Selbstvertrauen hätte ich Seitens der Wissenschaft schon erwartet.
    Und da meine Replik nun gar zum lachen anregte, bin ich ob meiner therapeutischen Zeilen noch zufriedener, denn Lachen ist die beste Medizin, gegen was auch immer. Diese wohlmöglich wissenschaftlich nicht abgesicherte Behauptung schreibt,
    Udo

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  4. @Udo, der Artikel ist ganz gut geschrieben. Beim lesen deines melodramatischen Kommentars sind mir die Tränen gekommen. Vor lachen.
    Lies den Post nochmal, vielleicht erschließt sich dir der Sinn ja noch.

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  5. Was für ein larmoyanter Artikel.
    Die modernen, verkaufs- und profitorientierten Ärzte haben Angst um Marktanteile. Haben die eigenen Lobbyisten versagt? Werden die willfährigen Politiker abtrünnig? Lasst es uns mit Voodoo-Bashing probieren, um die Dämonen zurückzuschlagen.
    Es ist schon Ironie, diesen Artikel hier zu lesen, in einem Forum, das Bright – Die Natur des Zweifels heißt. Ich kannte den Zweifel immer nur als natürlichen Impuls, als Triebkraft, der Handlungen hervor ruft, um zu neuen Erkenntnissen zu gelangen, man möchte sagen, zur Befriedigung seiner im Zweifel nicht mehr befriedigten Bedürfnisse. Doch, was muss man lesen? Eine einzige Verbalkeilerei gegen aufstrebende Mitbewerber, die auch noch vom akademischen Betrieb und teilweise Politik, hofiert werden. Das geht so nicht! Soweit musste es erst kommen, dass sich eine Lobby über die andere mokiert. Auch das macht den Artikel nicht glaubwürdiger.

    Die Hinwendung der Menschen zu voodooistischen Praktiken ist doch, um im Jargon zu bleiben, ein Symptom des Glaubwürdigkeitsverlusts der Menschen gegenüber des modernen Medizinbetriebes. Der Artikel beschwert sich nur, statt dem Problem selbst auf den Grund zu gehen. Das wäre ja noch schöner. Es wäre zu schmerzlich. Und dagegen muss es doch ein Mittel geben…

    Zu oft müssen Patienten Martyrien auf sich nehmen, auf dem Weg zur erhofften Gesundheit. Auf diesem Weg begegnen ihnen ahnungs-, ja wissens- und gewissenlose Ärzte und Mediziner, die nur das Beste wollen, deren Geld. Sind das Ausnahmen? Nein, dass kann ich mit gutem Gewissen sagen.
    Das Unwissen, außer die zur Schau gestellte, allgemeine Weltkenntnis, ist erschreckend. Niedergelassene, etablierte (Fach)Ärzte, die nur noch in Arzneilisten nachschlagen, statt eine gründliche Untersuchung vorzunehmen oder Ratschläge zur Ernährung und Lebensführung anbieten, auch mal drastisch ins Gewissen reden. Vielmehr traf ich in erhellenden Plauderstündchen auf redselige Weißkittel, die in ihrem patientenverachtenden Nihilismus kaum zu überbieten sind, ja nur mehr Spott und Hohn für Patienten über haben. Wen wundert es da, dass man sich weiter umschaut, nach Alternativen sucht und vermeintlich auch findet.

    Die Arroganz und Perspektive des Artikels ist beredter Beweis, wie weit verbreitet die Sicht der Mediziner auf den Patienten ist, wie empörend es doch ist, dass sich Kranke und Ratsuchende vom allwissenden Medizinbetrieb abwenden. Sie wollen und können nicht verstehen, was Menschen wirklich in die Hände von Quacksalbern und Heilsversprechern treibt. Daher wirkt die berechtigte Kritik an der Alternativmedizin nur mehr als Hetze, weil es ihr an Aufrichtigkeit und Reflexion fehlt. Antworten gibt sie nicht, auf das Warum. Man darf auch nicht verleugnen, dass es sowieso nur die Menschen sind, die den Weg zum Alternativmediziner finden, die in ihrem Leben etwas verändern wollen. Alle anderen tappen derweil, auch im eigenen Tun im Dunkeln und bedienen sich des bestehenden Systems. Nicht, dass man Vertrauen hätte, aber so überträgt man doch die Verantwortung für die eigene Gesundheit dem behandelnden Arzt.
    Das ist bequem und sicher auch ein gesellschaftliches Phänomen, wohlstandsimmanent auftretende Abtretung von Eigenverantwortung, die sich auch im Ruf nach noch mehr Sozialstaat bemerkbar macht. Hier könnten verantwortungsbewusste Ärzte Boden gut machen, um Glaubwürdigkeit zurückerlangen, anstatt sich des Verdachtes weiterhin auszusetzen, lediglich der lokale Dealer der Pharmakartelle zu sein. Problematisch ist nur, dass sich mit herzlichen Appellen an Patienten keine Profite erwirtschaften lassen.

    Derweil verrichten Ärzte in Krankenhäusern in Akutfällen wahre Meisterleistungen und retten Leben. Von einem guten Image aber, können auch sie nicht profitieren und das oft zu Unrecht. Ich überlasse es jedem selbst, inwiefern er sich angesprochen fühlt und worin die Moral besteht. Jeder Arzt kennt DIE Wahrheit, auch die eigene.

    Einige, vielleicht sogar viele Ärzte sollten sich wieder auf etwas besinnen, was ihnen einst zumindest nachgesagt wurde: gebildete, emphatische und vor allem integre Mitmenschen zu sein, deren Trachten darin besteht, der Allgemeinheit, ja sogar der Menschheit zu dienen und deren Wohl, im Auge zu haben. Dafür haben sie einen Eid geschworen. Und dafür sollten sie auch reichlich entlohnt werden. Aber eben auch nur wenn und genau dafür.

    Herzlichst
    Udo

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  6. Erfahrungswissenschaft…
    Muß man sich auf der Zunge zergehen lassen.
    Damit ist die Wissenschaft mal eben um 100 oder mehr Jahre zurückgefallen.
    Wissenschaftsmethodik? pah…

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  7. Insbesondere die Partei „Die Grünen“ – an ihrer Spitze Renate Künast – machen sich für die sog. Alternativmedizin stark. So beschlossen sie auf der 32. Ordentlichen Bundesdelegiertenkonferenz am 19. – 21.11.2010 in Freiburg einen entsprechenden Passus. Kein Wunder, denn in dieser Partei tummeln sich eine Vielzahl von Heilpraktikern (Schmalspur-Mediziner), Homöopathen und anderen esoterischen Disziplinen.

    Dass sich auch der Präsident der Bundesärztekammer, Hoppe, für die Homöopathie einsetzt, ist nur mit seiner beginnenden Senilität zu erklären.

    Leider ist die Lobby der Homöopathen aber auch in den anderen politischen Parteien längst vertreten. Man fühlt sich angesichts dieser Entwicklung ins Mittelalter zurückversetzt. In der Wissenschaft weltweit allgemein anerkannte Regeln, nach denen Wirkungsbeweise erarbeitet werden, sollen für die Homöopathie nicht mehr gelten !? Das ist der Gipfel der Ignoranz und Absurdität !

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