Es gilt, die Welt wieder ohne Gott zu denken


Hans-Peter Friedrich (Bild: Wikipedia)

Schon traurig, wenn man einem neuen Innenminister als erstes erklären muss, was zu unserer Geschichte gehört. Unser Autor tut es trotzdem.

Von Philipp Blom – FR Online

Kaum ist er Innenminister geworden, weil ein Parteifreund sich mit fremden Federn schmückte, macht sich Hans-Peter Friedrich daran, anderen die Federn auszurupfen. „Dass der Islam zu Deutschland gehört, ist eine Tatsache, die sich auch aus der Historie nirgends belegen lässt“, sagte Friedrich auf seiner ersten Pressekonferenz. Dieser Satz ist empirisch falsch, was den Minister allerdings wenig stören wird, denn er wird weithin auf die Zustimmung derer treffen, die daran Anstoß genommen haben, dass Bundespräsident Wulff feststellte, der Islam sei ein Teil Deutschlands.

Was muss eine Tradition vorweisen, um zu Deutschland zu gehören? Wie lange muss sie in die Vergangenheit reichen, um Teil auch der CSU-„Historie“ zu werden – ein Wort, das soviel weihevoller ist, als bloß „Geschichte“? Die meisten Muslime sind, damals heftig angeworben, in den sechziger Jahren mit dem Wirtschaftswunder gekommen (was gäbe es deutscheres als das?) und haben es mit ihrer Arbeit möglich gemacht. Die erste Moschee entstand, für muslimische Kriegsgefangene, 1915 und die erste offizielle Körperschaft, der „Verein zur Unterstützung russisch-mohammedanischer Studenten e.V.“, wurde drei Jahre später gegründet. Damit ist die offizielle Präsenz des Islam in Deutschland nur fünfundzwanzig Jahre jünger als die des Fußballs.

Da es aber keinem Politiker im Traum einfallen würde zu argumentieren, der Fußball sei kein Teil Deutschlands, können wir die Gründung des „Bundes der deutschen Fußballspieler“ (1890) als terminus ante quo festsetzen, der Moment vor dem Geschichte mit Sicherheit Teil der Historie ist. Glücklicherweise ist damit der Nationalsozialismus wohl ausgenommen, denn der ist noch viel rezenter und wurde ohnehin von einem Österreicher betrieben.

Es ist wohl nicht nötig, das armselige Geschichtsbild des neuen Innenministers weiter zu untersuchen, schließlich ist klar, was damit gemeint ist, dass nämlich der Islam, gemäß seinem populistischen Bild als unreformierbare Religion von Schleierträgerinnen, Selbstmordattentätern und Ehrenmördern, nicht Teil eines anständigen Deutschlands sein kann. Der Innenminister eines Landes, das Lebensmittelpunkt von vier Millionen Muslimen ist, knapp die Hälfte davon deutsche Staatsbürger, erklärt einen wichtigen Pol ihrer Identität für fremd und nicht integrierbar.

weiterlesen

3 Comments

  1. Ja, das vermute ich schon länger. Man benötigt schließlich eine Projektionsfläche für all die schlechten Dinge im Leben, so dass man immer mit dem Finger auf jemanden zeigen kann. Ausgrenzung hat nämlich auch etwas vereinendes.

    Gefällt mir

  2. Ein Fall für eine Dodo-Nominierung?
    Falsche Tatsachen erzählen kann jeder.
    Aber als Inhaber einer Position wie der des Innenministers, sollte man doch darauf achten, die Bevölkerung mit seinen Worten nicht derart in zwei angeblich miteinander unvereinbare Teile zu spalten. Andererseits vermute ich langsam, dass das gewollt ist.

    Gefällt mir

Kommentare sind geschlossen.