Kasernenhof statt „Marienhof“: Die ARD sagt Gutt-bye


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Zapfenstreich – Der in Lug, Trug und Privilegienmissbrauch verstrickte Verteidigungsminister tritt ab, und das Erste überträgt seine Abschiedszeremonie live. Warum eigentlich?

Von Thomas ÖstreicherEvangelisch.de

Wer sagt eigentlich, altehrwürdige Institutionen seien unflexibel? Wenn Flexibilität heißt, dem gefühlten Mehrheitsinteresse des Volkes hinterherzuspüren, dann sind sogar öffentlich-rechtliche Anstalten lernfähig, wie sich in dieser Woche wieder zeigt. In einer Programmankündigung des ARD-Hauptstadtstudios heißt es: „Neun Tage nach seinem Rücktritt ‚von allen politischen Ämtern‘ wird Karl-Theodor zu Guttenberg am kommenden Donnerstag mit einem Großen Zapfenstreich der Bundeswehr geehrt und offiziell verabschiedet. Das Erste überträgt die feierliche Verabschiedung des 15. Verteidigungsministers in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland von 18.25 Uhr bis 19.20 Uhr live.“

Zeremonie ohne Nachrichtenwert

Es ist die erste Live-Übertragung vom Abschied eines Verteidigungsministers in der ARD. „Dieses höchste militärische Zeremoniell möchten wir im Programm nicht übergehen“, so Hauptstadtstudio-Sprecherin Eva Woyte gegenüber evangelisch.de. „Es gibt ein großes anhaltendes, auch polarisierendes Interesse an der Person Guttenbergs, dem wir damit gerecht werden wollen.“ Geplant sei mehr als nur die Bilder der Zeremonie: „Das Geschehen wird journalistisch eingeordnet und kommentiert von Ulrich Deppendorf.“

Um den Job ist der Mann nicht zu beneiden – das Ereignis „Zapfenstreich“ hat als inhaltsleere Zeremonie keinen Nachrichtenwert an sich, sondern dient nur der Ehrerbietung. Eigens dafür Sonderseiten, Fotostrecken und Extrablätter zu diesem Thema zu erstellen, ist eigentlich das Metier von Guttenbergs größtem Fan, „Bild“-Chef Kai Dieckmann. Wieso würdigt also ausgerechnet die personell, technisch und finanziell wohl bestausgestattete aktuelle Redaktion des Landes diesen Termin mit einer Sondersendung?

Wohlwollend betrachtet ließe sich der ARD ein „Mubarak-Effekt“ unterstellen. Nach harscher Kritik an der Äygpten-Berichterstattung der Öffentlich-Rechtlichen und dem Nicht-Senden einer international als bedeutsam angesehenen Rede von Staatschef Mubarak hatte sich der ARD-aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke wenige Tage später entschlossen, anlässlich des vermuteten Rücktritts von Mubarak den ägyptischen Herrscher rund 20 Minuten lang live zu senden. Gniffke lobte sich anschließend selbst für den Mut, ein Stück Zeitgeschichte live zu begleiten, obwohl er genau das zuvor noch in gereiztem Ton verworfen hatte. Insgesamt sahen in Deutschland rund neun Millionen Menschen zu.

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3 Comments

  1. Na, ja, der Sinn der Deutschen für Rituale ist oft nicht nachzuvollziehen. Dass ein ertappter Plagiator und Lügner nachträglich noch mit militärischen Ehren verabschiedet wird, ist eben ein ARD-Meisterstück fürs Kuriositäten-Kabinett.

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  2. Wie konnte die ARD es nur wagen, der Verabschiedung eines Bundesministers für wichtiger zu halten als ihre mit GEZ gebühren finanzierten Soaps.

    In Deutschland mag zwar das Militär nicht beliebt sein, so ist es aber ob wir wollen oder nicht teil unsere Gesellschaft und unserer Kultur, dazu gehören auch die Riten des Militärs.
    Jedenfalls hat das mehr Kultur und sicher weniger Product Placement als die xte Folge Marienhof.

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  3. Also den „Streich“ auf den „Zapfen“ würde er von mir auch kriegen… aber der würde recht unkonventionell ausfallen. 😉 Was meiner Meinung nach die tatsächlich angemessene militärische Zeremonie für so einen dreisten Betrüger wäre… es gibt da dieses bekannte Bild zur Dreyfus Affäre. Auch wenn dies zwei völlig verschiedene Fälle sind, die hier ausdrücklich nicht gleichgesetzt werden sollen, so finde ich die Vorstellung doch recht amüsant wie Guttenbergs Säbel, wenn es denn noch zeremonielle Blankwaffen in der BW bzw. für Verteidigungsminister geben würde, vor dem angetretenen Wachbattaillon zerbrochen wird. Ohne Frage hart, aber ich denke dies wäre durchaus angemessen.
    Aber vielleicht entwirft die Uni Bayreuth ja ein neues Aberkennungsprozedere für Doktortitel. Könnte ja ähnlich gehandhabt werden… Eine (Un-)Ehrengarde aus Studenten erweist dem Delinquenten den nötigen Respekt, während der Dekan in voller Montur Guttis Dokorhut oder alternativ seine „Dissertation“ in Fetzen reißt. Das wär ein Fest…

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