Religion als anthropologische Konstante des Menschen


Die französische Philosophin, Psychoanalytikerin und Schriftstellerin Julia Kristeva. (Bild: Carmen Jaspersen dpa/lni)

Die französische Philosophin Julia Kristeva zählt zu den bedeutendsten Gelehrten moderner Literaturtheorie. Sie erkundet das Bedürfnis zu glauben und sagt: „Der Glaube ist koexistenziell für die menschliche Existenz.“

Von Susanne FührerDeutschlandradio Kultur

Susanne Führer: Philosophie, Linguistik, Psychoanalyse, Literatur – auf all diesen Gebieten arbeitet Julia Kristeva. Geboren wurde sie 1941 in Bulgarien, aber als junge Frau zog sie nach Paris, wo sie bis heute lebt und arbeitet. Sie gilt als eine der zentralen Figuren des Poststrukturalismus, stützt sich wie auch viele ihrer Kolleginnen und Kollegen zentral auf die Theorien Jacques Lacans, auf sie geht zum Beispiel der Begriff Intertextualität zurück. Heute Abend wird Julia Kristeva in Berlin einen Vortrag über Religion und das Bedürfnis zu glauben halten. Ich habe sie vor der Sendung getroffen und zunächst gefragt, ob sie denn selbst ein solches Bedürfnis zu glauben verspüre.

Julia Kristeva: Zunächst einmal muss man sich die Frage stellen, was ich unter dem Bedürfnis zu glauben verstehe. Ich versuche zu erklären, dass alle Religionen, jede auf ihre Weise, in der Menschheitsgeschichte sich auf das universelle Bedürfnis zu glauben stützen, das präreligiös ist und eine anthropologische Konstante darstellt. Jeder von uns hat es in seiner Kindheit empfunden, mit seiner Mutter, mit seinem Vater. Das Bedürfnis, zu vertrauen, das Bedürfnis, anerkannt zu werden, dieses Bedürfnis ist uns immer eigen. Es wird zum Wunsch, später zur Erfahrung, aber es ist etwas fundamental im Menschen Angelegtes. Dieses Bedürfnis teile ich natürlich auch. Bei Patienten findet man es ebenfalls. Das Problem mit den Religionen ist, dass oft dieses Bedürfnis ausgenutzt wird, man gibt ihm Trost oder Auswege, die sehr positiv und schmeichelnd erscheinen können, aber auch todbringend sein können. Da hat die Säkularisierung Fragen gestellt und versucht, sich der Vereinnahmung dieses Bedürfnisses zu glauben durch religiöse Institutionen entgegenzustellen.

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