Die Drückerkolonne des Herrn


Quelle: buffalobeast.com

Mormonen auf Mission

Sie opfern bis zu zwei Jahre ihrer Lebenszeit und lassen sich auf der Straße von fremden Menschen veräppeln. Bis zu 50.000 junge Mormonen gehen jährlich auf Mission – doch sie bekehren nur wenige mit ihrem Spruch: „Ich weiß, dass es Gott gibt!“

Von Frauke Lüpke-NarberhausSpiegel online

Lillian Geurts kann in einem kleinen Handbuch nachlesen, wie ihre nächsten 540 Tage ablaufen werden. 6.30 Uhr: aufstehen, dann „Gebet“, anschließend „Frühsport“. Es folgen „Frühstück“, „persönliches Studium“ und „Studium mit dem Mitarbeiter“.

Um 10 Uhr beginnt Geurts zu missionieren, erst elf Stunden später kehrt sie zurück in ihre Wohnung am Stadtrand von Hamburg. Die Kirche hat das Domizil für sie und ihre derzeitige Mitarbeiterin Sherstin Hamblin, 21, gemietet: zwei Zimmer, ein Etagenbett, auf dem Schreibtisch steht ein Bild des auferstandenen Jesus. Nichts soll ablenken von Gott. Um halb elf geht Lillian Geurts zu Bett.
Die 23-jährige Amerikanerin unterwirft sich freiwillig diesem Regime. Sie hat sogar 6000 Euro an ihre Kirche gezahlt, um nach Deutschland zu kommen. Im Gegenzug finanziert die Organisation ihr den Flug, Unterkunft und Fahrkarten, außerdem ein Dienst-Handy und 170 Euro monatlich zum Leben.

Lillian Geurts ist Mormonin, wobei sie diese Bezeichnung nicht verwendet, sie spricht von ihrer Zugehörigkeit zur „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“. Die Sekte gehört zu den am schnellsten wachsenden Religionsgemeinschaften der USA, und sie expandiert über die Vereinigten Staaten hinaus. Weltweit gehören ihr rund 13 Millionen Mitglieder an, das sind fast so viele, wie dem jüdischen Glauben anhängen. In Deutschland haben sich knapp 40.000 Menschen taufen lassen; etwa zehn davon ließen sich im vergangenen Jahr von Lillian Geurts bekehren.

Das ist ihr Auftrag, für diesen Job schickt die Kirche ihre Sendboten 18 Monate lang in fremde Länder, Männer müssen ein halbes Jahr mehr absolvieren. Ihre Vorbereitung: einige Wochen Missionsschule. Auf dem ganzen Erdball sind sie unterwegs, mehr als 50.000 junge Mormonen, um den Funken ihres Glaubens zu zünden – in welchem Land sie ihr Bekehrungswerk verrichten, das können sie nicht selbst bestimmen.

Radio hören? Verboten. Fernsehen, Kino? Tabu

Einst trug Lillian Geurts gern Jeans und loggte sich regelmäßig bei Facebook ein. Im September 2009 wurde sie dann zu Sister Geurts, und in dieser neuen Inkarnation hat sie ihrer Mutter die Verwaltung des Facebook-Profils überlassen, denn Missionaren ist es untersagt, im Internet zu surfen.

Radio hören? Verboten. Es sei denn, die Musik passt zur „geistigen Berufung“. Fernsehen, Kino? Alles tabu. Nur zweimal im Jahr darf die Missionarin bei ihrer Familie anrufen. Die Sekte schreibt auch vor, wie sich ihre Schäfchen zu kleiden haben. Züchtig natürlich, steht alles im Handbuch: „Blickdicht und in keiner Weise figurbetont, nicht leger, zerknittert, ungepflegt oder zu modern“. Immerhin: Neuerdings müssen die Röcke nur bis zum Knie reichen, früher war Wadenlänge vorgeschrieben.

Solche Regeln aus dem „Leitfaden für Missionare“ lesen sich Lillian Geurts und Sherstin Hamblin abwechselnd morgens vor, nachdem sie gemeinsam gesungen haben: „Oh mein Heiland, Dich zu lieben, Dir zu folgen wünsch ich mir!“ So ähnlich haben schon die Eltern der beiden Frauen ihre Tage verbracht, als sie einst missionieren gingen. Denn die Bekehrungstour ist Pflicht für Mormonen

weiterlesen

7 Comments

  1. Ist es nicht seltsam, dass gerade jetzt zum Zeitpunkt, da Mit Romney sich zur Wahl stellt, dieses Musical am Broadway seine Premiere hatte und ein so seriöses Blatt wie der Spiegel sich der Ausdrucksweise und Schlagzeilen bedient, wie es sonst nur Bild tut?
    War v or vier Jahren nicht anders. Ist es nicht ein seltsamer Zufall, dass sich zum Zeitpunkt der Kandidatur von Mitt Romney ein Film in die Kinos kommt, der auf schmerzliche Weise an ein seltsames Jubiläumsdatum (11.9.) hinweist? Kostete viel Geld, war ein finanzieller Flop, aber man hat getan was man konnte, um mit dem Finger auf die Mormonen zu zeigen. Und dann der haarsträubende Vorwurf des Rassismus, was eine glatte Lüge ist, wurde derart verbreitet, dass es jeder glaubte, der nicht sich genauer damit befasste. de.fairmormon.org/Schwarze_und_das_Priestertum
    Auf diese Weise können die Mormonen nichts gegen Obama sagen. Dann wird sofort wieder der Vorwurf lebendig.

    Gefällt mir

  2. Hallo!

    Zufällig bin ich auf den o.g. Artikel gestoßen und muss nun doch etwas dazu sagen.
    Ich selbst bin Kirchenmitglied und zur Zeit nicht aktiv, d. h. ich war aus diversen Gründen seit ca. 1 Jahr nicht mehr in der Kirche.
    Zum Begriff Sekte muss ich doch sagen, dass es keine ist – in dem Sinne, in dem dieser Begriff heute Verwendung findet. Wäre es eine, so wäre ich genötigt worden, zurück zu kommen, dürfte ich mich nicht mit „weltlichen“ Dingen befassen, würde mir geraten worden sein, mich doch möglichst nur mit „Meinesgleichen“ abzugeben usw.
    Das alles ist nicht der Fall. Klar wurde mal nachgefragt, warum ich nicht mehr käme, das war aber schon alles und ja, es gibt natürlich auch in unserer Kirche Fanatiker, wie aber in allen „Vereinen“.

    Ausbeuter? Unterdrücken?
    Wir zahlen den 10., der übrigens biblisch ist und den es nicht nur in unserer Kirche gibt. Niemand kontrolliert diesen und jeder gibt ihn freiwillig. Okay, für den Tempelbesuch „muss“ man mit allem in Ordnung sein und ist das Halten des Gebotes des Zehnten notwendig, aber das war´s auch schon. Die Höhe definiert jeder für sich.
    Ausbeuten hinsichtlich der Freizeit? Vielleicht, wenn man ein Amt innerhalb der Kirche übertragen bekommt. Demnach wurde mein Vater auch ausgebeutet, der Kassenwart beim Fussballverein war. Halt, er hat sich ausbeuten lassen, denn er hat dieses Amt freiwillig angenommen! Mir wurde auch schon ein Amt angeboten, welches ich aber abgelehnt hatte, weil es mir zu zeitintensiv war und ich es mir nicht zutraute. Und? Folgen? Nein, keine! Jeder entscheidet selbst und die Entscheidungsfreiheit ist übringens etwas, auf das in unserer Kirche sehr viel wert gelegt wird.
    Unterdrückt wurde ich übrigens auch nie.

    Nun zu den Missionaren…
    Es ist keine Pflicht für junge Mormonen, auf Mission zu gehen. Mag sein, dass es welche gibt, die auf Mission gehen, weil sie aus moralischen Gründen meinen, sie „müssten“ das tun oder vielleicht, weil es von ihnen erwartet wird, aber hier sind wir wieder beim Thema Eltern, Vereine usw.
    Wie viele Kinder oder Jugendliche richten sich in anderen Dingen nach den Erwartungen anderer, die an sie gestellt werden? Zahllose! Ob arm oder reich, gläubig oder ungläubig….. Ich möchte einfach nur deutlich machen, dass es überall, in allen gesellschaftlichen oder familiären Strukturen Verhaltensweisen gibt, die manchmal halbherzig sind oder nur gelebt, um anderen einen Gefallen zu tun.
    Die Mormonen hier hervorzuheben ist einfach mal wieder typisch Spiegel, der es ja generell auf Gläubige „abgesehen“ hat. 😉
    Dass jedoch Unwahrheiten verbreitet werden „es sei Pflicht, auf Mission zu gehen“ und es so hinzustellen, als würden die Missionare unendlich darunter leiden, finde ich daneben und nehme ich übel.

    Wir hatten übrigens schon viel Spaß mit den Missionaren und es sind echt tolle Jungs und Mädels dabei gewesen. Wir haben viel gelacht und gewitzelt, verschaukelt haben wir uns auch und sogar Radio gehört. Oh weh!!! Auf Mission gehen ist sicherlich nicht für jeden leicht, auch für mich wären so manche Regeln nichts, wie z.B. um 22:00 Uhr schlafen zu gehen oder JEDEN Tag um 7:00 Uhr oder war´s 6? aufzustehen, aber dafür lernt man eine Menge dazu, sammelt Erfahrungen mit anderen Kulturen, lernt eine Sprache dazu usw. Was sind die Missionare immer stolz gewesen, Bilder vom Kölner Dom mit nach Hause zu bringen. Missionare haben übrigens auch einen Tag in der Woche für private Aktivitäten. Da sind sie in „zivil“ und unternehmen tolle Dinge.
    Man ist als Missionar gebunden, kann aber vieles für sich mitnehmen. Ich habe schon Missionare gesehen, die waren am Anfang ihrer Mission kleine schüchterne Jungs und als ich sie am Ende nochmal sah, weil sie nochmal in unsere Gemeinde versetzt wurden, waren sie fast schon erwachsene Männer, die innerhalb einer relativ kurzen Zeit wahnsinnig an Ausstrahlung und Reife dazu gewonnen haben. Auch ist es eine Lüge, dass alle Missionare viel Geld ausgeben müssen, um auf Mission gehen zu können. Wenn ein junges Kirchemitglied gerne auf Mission gehen möchte, seine Familie dies aber nicht finanzieren kann, so kostet es die Familie nichts, sondern werden die Kosten von der Kirche getragen.
    Also, es ist freiwillig und zu sagen, dass es Zeitverschwendung für die Missionare sei, finde ich anmaßend, gerade weil die Tätigkeit auf Freiwilligkeit beruht, was man vom deutschen Wehr- bzw. Zivildienst nicht behaupten kann! Auch Aupair würde ich nicht sein wollen, weil ich mich dann an die Regeln einer anderen Familie halten müsste, die ich noch gar nicht kenne. Aber ja, es ist freiwillig, so auch bei den Missionaren der Kirche.

    Niemand muss glauben, was er nicht möchte, aber Unwahrheiten verbreiten und beurteilen, ohne sich echt auszukennen oder informiert zu haben, finde ich einfach daneben. Geht einen Sonntag in die Kirche, hört euch die (guten oder auch schlechten) Anprachen an, redet mal mit einigen Mitgliedern oder den ach so bedauernswerten Missionaren und urteilt dann. Ich glaube an Gott, Jesus und auch, dass die Kirche wahr ist, aber das ist doch klar, würde ich das nicht tun, wäre ich kein Mitglied geworden und geblieben. Andere glauben nicht daran, ist okay für mich.

    Gefällt mir

  3. Missionare aller Religionen und Sekten stehen in einer blutigen Tradition. Es waren Missionare, die zu Kolumbus Zeiten das Christentum mit Waffengewalt nach Südamerika exportierten. Aber auch der schwarze Kontinent wurde von Missionaren überschwemmt, die ihre „Kultur“ den Stämmen und Völkern Afrikas aufzwangen. Die Bekehrungswut der Missionare unserer Zeit hat nur ein Ziel: Möglichst viele zahlende Mitglieder zu gewinnen, welche die Macht der von ihnen vertretenen Organisationen stärken soll. Wohin das führt, zeigt uns das Beispiel in den USA mit den vielen zum teil fanatischen Religionsgemeinschaften, deren unseliger Einfluß auf die Politik unverkennbar ist. Unter dieser religiösen Vielfalt zählen die Mormonen allerdings zu den Harmlosen. Anstelle der Bibel glauben die Mormonen an das Buch Mormon, welches dem Religionsgründer, Joseph Smith, auf „goldenen Platten“ offenbart worden sein soll. Na, ja, wer’s glaubt, ist selber schuld !

    Gefällt mir

  4. Die Leute sollten 25 Stunden sammeln gehen wenn es ihnen Spaß macht. Leute die alt genug sind um zu verstehen. Ja zu verstehen das sie nur ausgenutzt werden. Also bitte weiter Sammmeln.

    Gefällt mir

  5. @ Bettina
    Wer persönliche Belange freiwillig auf Zeit in den Hintergrund stellt, um sich auf den Glauben und den Dienst am Mitmenschen …
    __________________________________________
    Kommt immer drauf an was für ein „Dienst“ am Mitmenschen ist. Sie versuchen Menschen in ihre Organisation zu ziehen um sie auszubeuten und zu unterdrücken.

    Gefällt mir

  6. @Bettina: „Sister Geurts und Sister Hamblin werden als „Bekehrungswütige“bezeichnet. Mit welcher Begründung?“

    Frag doch den Moroni-Engel. Vielleicht hat der die Antwort. Oder es steht sogar in der „Goldenen Schrift“.

    Gefällt mir

  7. Wer persönliche Belange freiwillig auf Zeit in den Hintergrund stellt, um sich auf den Glauben und den Dienst am Mitmenschen zu besinnen, kann in einer zunehmend an Eigennutz und Konsumlust orientierten Gesellschaft nicht immer mit Verständnis rechnen. Wenn die Mormonen-Missionare selbstlos und rücksichtsvoll Sinnsucher auf deren Weg zu Gott begleiten, vermitteln Vokabeln wie ‚Drückerkolonne‘ oder ‚Sekte‘ jedoch den falschen Eindruck und suggerieren eine nicht vorhandene Konfliktträchtigkeit. Über die eigentlichen Beweggründe und die christliche Botschaft der jungen Gläubigen im Missionsdienst gibt der Artikel auf „Spiegel Online“ keinen Aufschluss.

    Laut Wikipedia sind mit einer „Drückerkolonne“ Verkäufer im Außendienst gemeint, die sich „unmoralischer oder krimineller Methoden“ bedienen. Ich wüsste gerne, welche Vorgehensweisen der beiden Missionarinnen, deren Arbeit beobachtet wurde, eine solche Beschreibung verdient. Ich selbst halte diesen Begriff im Zusammenhang mit den Missionaren für fehl am Platz und in hohem Maße irreführend.

    Im Laufe des Artikels wird die in Deutschland als Körperschaft des öffentlichen Rechts verfasste Kirche mehrfach als „Sekte“ bezeichnet. Die Mehrheit evangelischer und katholischer Weltanschauungsbeauftragter, deren erklärter Auftrag es ist, unsere Lehre und Glaubenspraxis kritisch zu bewerten, würde die „Mormonen“ so nicht betiteln. In der Religionswissenschaft findet diese Vokabel keine Verwendung mehr und gilt als überholter Kampfbegriff. Im allgemeinen Sprachverständnis schwingt im Wort „Sekte“ auch immer eine gewisse gesellschaftliche Gefahr oder Konfliktträchtigkeit mit, für die sich in dem Beitrag keine Ansatzpunkte finden. Welche Gefahr geht aus Ihrer Sicht von der Kirche bzw. den Missionaren aus?

    Im ersten Absatz heißt es, die Missionare würden versuchen, Menschen mit einem „Spruch“ von der Existenz Gottes zu bekehren. Was genau vermittelte während der Begegnung mit den Missionarinnen den Eindruck, bei deren Bekenntnis zu Gott handele es sich nicht um eine authentische Überzeugung, sondern nur um einen Spruch?

    Sister Geurts und Sister Hamblin werden als „Bekehrungswütige“bezeichnet. Mit welcher Begründung?

    Gefällt mir

Kommentare sind geschlossen.