Bischof Müller: „Lug und Trug des Säkularismus und Atheismus durchschauen“


Gerhard L. Müller links im Bild

Dogmatische Entscheidungen stehen beim ‚Dialog‘ nicht zur Disposition Regensburger Bischof Müller kündigt im KATH.NET-Exklusivinterview Reaktion auf „Theologenreferendum“ an: Es kann nicht mehr hingenommen werden, wenn die zukünftigen Priester und Religionslehrer sich eine mangelnde Kirchlichkeit gefallen lassen müssen

Kath.net

Kath.net: Papst Benedikt XVI. schreitet entschlossen der Glaubenskrise entgegen, welche die Ursache für die Gottesfinsternis in der säkularisierten Gesellschaft ist und zu einem großen Teil auf eine schleichende Selbstsäkularisierung der Kirche oder fortschreitende Apostasie (Johannes Paul II.) zurückzuführen ist. Diese Glaubenskrise hat nichts mit „Strukturen“ zu tun, sondern mit mangelndem Glaubenswissen und fehlender existentieller Einbindung des Einzelnen und der Gemeinschaft in das Leben der Kirche, die mystischer Leib Christi ist. Welche Wege sind zu beschreiten, um in den Menschen eine neue Liebe zur Kirche entzünden? Glauben Sie nicht, dass eine „liturgische Katechese“ ein privilegierter Weg ist?

Bischof Gerhard Ludwig Müller: Die Glaubenskrise hat in Europa eine lange Vorgeschichte. Heute ist es die Aufgabe, den Menschen innerhalb oder außerhalb der Kirche die Wege zu eröffnen, damit sie Jesus Christus als Gottes Antwort auf die Not und Hoffnung des menschlichen Daseins erkennen. Auf die vergängliche Welt kann kein vernünftiger Mensch bauen. Darum gibt es zu Gott keine Alternative, wenn das Leben gelingen und glücken soll. Es kommt darauf an, den Lug und Trug des Säkularismus und Atheismus zu durchschauen, auf die antikirchliche Stimmungsmache nicht hereinzufallen und im persönlichen Gespräch, in der Katechese und der Liturgie, aber auch in großer wissenschaftlicher Auseinandersetzung den Weg aufzuzeigen, damit der sterbliche Mensch seine Hoffnung im Leben und im Tod auf Christus setzt. Allein der für uns am Kreuz gestorbene Herr, der in seiner Auferstehung von den Toten Sünde und Tod besiegt hat, kann unser Retter sein.

Kath.net: Sie haben sich in Rom (lange) mit dem zweiten Band zu „Jesus von Nazareth“ auseinandergesetzt. Worin sehen Sie den grundlegenden Beitrag dieses Buches für eine Neubesinnung auf die Wurzeln des Glaubens?

Bischof Müller: Der Heilige Vater kennt bestens die gesamte europäische Geistesgeschichte und vermag intellektuell allen Einwänden Paroli zu bieten. Im Jesus-Buch möchte er auf demütige Weise dem suchenden Menschen entgegenkommen und ihm Jesus nahebringen, der uns selbst überzeugt, wenn man nur das biblisch-apostolische Zeugnis in der Heiligen Schrift ohne Vorurteile und Ressentiments liest und hört. Die christliche Botschaft überrumpelt niemanden mit Propaganda oder psychologischen Tricks. Jesus steht vor mir und schaut mich an. Dann verfliegen alle Zweifel und Ängste und ich kann sagen: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens“ (Joh 6,68).

Kath.net: Wie können in der Praxis die beiden Hermeneutiken des Zugangs zur Schrift – historisch-kritisch/theologisch aus dem Glauben – so umgesetzt werden, dass der lebendige Christus als auferstandener Gottessohn in seiner Fülle sichtbar wird?

Bischof Müller: Es gibt nur die eine Hermeneutik des Glaubens, die aber auf einem soliden historischen Fundament steht. Da der Sohn Gottes Mensch geworden ist, kann man seine geschichtlich-menschliche Existenz mit allen historisch-wissenschaftlichen Methoden untersuchen. Da er das Wort Gottes in unserem Fleisch ist, kann jeder durch die Begegnung mit Jesus von Mensch zu Mensch auf menschliche, uns gemäße Weise, in ihm den Sohn Gottes erkennen.

So wie die göttliche und die menschliche Natur in der Person des göttlichen Wortes untrennbar und unvermischt geeint ist, so kann man auch im Hinblick auf den einen Jesus Christus seine menschlich-historische Existenz und die Tatsache erkennen, dass wir es in ihm mit dem Sohn Gottes, der zweiten Person des dreifaltigen Gottes zu tun haben. Jedenfalls kann eine vom Glauben gelöste historisch-kritische Methode nicht beweisen, dass Jesus nur ein Mensch war unter Absehung seiner Gottheit. In ähnlicher Weise kann die Naturwissenschaft auch nur den materiellen Aufbau der Welt und ihrer Entwicklungsbedingungen beschreiben, nicht aber die Welt als Schöpfung Gottes oder den Menschen als gottebenbildliches Wesen widerlegen. Historische Kritik und Naturwissenschaft sind keine Basis für den Unglauben und die Leugnung der Existenz und der Wirksamkeit Gottes in Welt und Geschichte.

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4 Comments

  1. 144 Professoren von Katholischen Fakultäten haben das „Theologenreferendum“ verfasst, das die Katholische Kirche reformieren soll. Ein riesiges Feuer für den Klerus, das Müller mit der Flucht ins mystische / „übernatürliche“, hilflosem Traditionalismus und einschlagen auf Wissenschaft und Atheismus einzudämmen versucht.
    Verzweifelt klammert sich der katholische Klerus am Dogmatismus fest und versucht das Eindringen des Protestantismus und seinen drohenden Untergang abzuwenden 😀 .
    Es geht um die ultra zentralistische Führerstruktur der Katholischen Kirche, um den Vatikan.

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  2. Apropos Lug und Trug ! Gestern las ich in der S-Bahn folgenden Spruch:

    Jesus sagt: Wer mich hat, der hat das ewige Leben. Johannes 6, Vers 47.

    Im Original in der Luther-Bibel steht: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, hat ewiges Leben.

    Eine ziemlich dreiste Lüge ! Nicht einmal der mieseste Politiker würde sich trauen, eine solche Lüge zu verbreiten !
    Arrogante Pfaffen hingegen haben ihre gesamte Macht bis in unsere Zeit mit solchen Lügen aufgebaut und gefestigt.

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  3. Mich wundert das gar nicht.
    Halbbildung ist eben nicht die Vorstufe zur „richtigen“ Bildung, sondern das Gegenteil davon.
    Soll zumindest Adorno so gesagt haben.

    Trifft auch zu, wie man an diesem Beispiel sieht.

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  4. Ich höre Darwin im Grab rotieren. Wenn dieser unwissenschaftliche Reaktionär weiter solchen Unsinn verzapft, wird ev. etwas passieren. Dann wird warscheinlich Darwin auferstehen und dem dummen Müller kräftig den Hosenboden beziehen.

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