Österreich: Konfessionsfreie ohne Einfluss und die Gründe


Quelle: wikimedia.org

KONFESSIONSLOSE
Österreichs Ungläubige: Masse ohne Macht
Zwei Millionen Konfessionslose, aber fast kein Einfluss – Atheisten und Agnostiker tragen das Kreuz, sich organisieren zu müssen, obwohl viele es nicht wollen

Von Lukas KappelerDer Standard

Wien – Heinz Oberhummer geht es ums Prinzip. Der pensionierte Physikprofessor versucht den Konfessionslosen zu ihrem Recht zu verhelfen. Aufrichtig wütend war der 69-jährige Kirchenkritiker, als kein einziger Konfessionsloser eine Einladung ins Parlament bekam, um im Mai über den Ethikunterricht mitzusprechen. Alle Religionsgesellschaften – auch Kleinstgruppen wie Mormonen und Zeugen Jehovas – dürfen hingegen zwei Vertreter zur Debatte entsenden.

„Ich weiß nicht, wie viele Mitglieder wir haben, glaube aber schon, mehr als die kleinste Religionsgemeinschaft“, sagt Oberhummer, Vorsitzender des Zentralrates der Konfessionsfreien, der sich aus fünf Vereinen, teils atheistischen, zusammensetzt. „Ich bin der Überzeugung, es gäbe uns gar nicht, wenn die Kirchen nicht privilegiert wären“, beteuert er. Im Kreuz in Klassenräumen etwa erkennen Oberhummer und seine Mitstreiter kein belangloses Stück Holz, sondern ein Symbol für das Verhältnis von Staat und Kirche, ein Sinnbild katholischer Obrigkeit in öffentlichen Schulen. Es geht ums Prinzip. Diesmal um den Ethikunterricht.

Alle Religionen berücksichtigt

Hintergrund: Die Ethikunterricht-Enquete am 4. Mai im Parlament behandelt, ob Jugendliche in der Oberstufe, die keinen Religionsunterricht wollen, dafür zwangsweise Ethikstunden besuchen sollen. Die Befürchtung der Konfessionsfreien: Die Ethik-Lektionen werden von Religionslehrern erteilt – ein Religionsunterricht durch die Hintertür.

Das Parlament lud katholische, evangelische, muslimische, jüdische Vertreter etc., sogar alle Sozialpartner von Gewerkschaft bis Landwirtschaftskammer ein – nur die Konfessionsfreien um Oberhummer nicht. Zwar haben die Grünen dem Professor nun doch ein Ticket ins Parlament verschafft: Er darf als Experte der Partei kurz referieren.

Doch im Hauptausschuss des Nationalrates erwogen die Abgeordneten nicht einmal die Einladung der Konfessionsfreien, bestätigt man im Büro von Nationalratspräsidentin Barbara Prammer. „Also wenn Sie mich fragen, haben diejenigen, die diese Enquete zusammengestellt haben, schlicht und einfach darauf vergessen“, vermutet auch Ex-Nationalratspräsident Andreas Khol im Gespräch mit derStandard.at.

Atheisten wollen keine Bekenntnisgemeinschaft sein

Geht es nach der Logik des Parlaments, hätten die Konfessionsfreien wohl eine Religionsgesellschaft gründen müssen, um eingeladen zu werden. „Es ist nicht unser Ziel, eine Bekenntnisgemeinschaft zu gründen“, erklärt aber Christoph Baumgarten vom Freidenkerbund, dem größten Verein von Atheisten und Agnostikern in Österreich. Vielmehr sei der Zentralrat mit Oberhummer „eine funktionierende Organisation. Es wäre an der Zeit, dass die Politik das zur Kenntnis nimmt.“

Die Ignoranz des Parlaments kündet vom Grundproblem der Konfessionslosen, einer wachsenden Gruppe von bald zwei Millionen Menschen, doch ohne schlagkräftige Lobby. Am ehesten setzen sich noch die Grünen für deren Anliegen ein. „Es gibt unterschiedliche Initiativen, aber keine legitimierte Vertretung. Genau darin liegt das Problem: Wie soll man die herstellen?“, fragt sich aber auch die grüne Verfassungssprecherin Daniela Musiol. Denn die Konfessionsfreien sind Menschen vom Atheisten bis zum Kirchensteuerflüchtling, vom Agnostiker bis zum Ex-Katholiken, der sich lieber sein eigenes Gottesbild zurechtlegt. „Es sind bei den zwei Millionen sicher auch viele, die an einen Gott glauben“, sagt Oberhummer.

Konfessionsfreie haben oft wenig Gemeinsamkeiten

ÖVP-Politiker Khol hätte eine offizielle Einladung an die Konfessionsfreien begrüßt: „Für mich sind die Sprecher dieser Gruppen repräsentativ, auch wenn sie nur 30 Mitglieder hätten. Ich brauche keine staatliche Bestätigung.“ Khol nennt sich selbst einen katholischen Konservativen, respektiert aber die Haltung der Konfessionsfreien: „Mir sind ein Atheist und ein Agnostiker näher als ein Hedonist, der sagt: ‚Ich beschäftige mich mit der Sache nicht, mir ist das eigentlich wurscht.‘ Jemand, der ganz bewusst Gott leugnet, muss hingegen ethische Grundsätze haben, weil ihn diese Frage beschäftigt.“ Doch auch Khol begreift Konfessionslose als inhomogene Masse: „Diejenigen, die keine Konfession haben, mit Atheisten gleichzusetzen, ist lächerlich.“ 2009 bezeichneten sich in der von Regina Polak veröffentlichten Wertestudie 31 Prozent der Österreicher als nicht religiös, aber nur 4 Prozent als überzeugte Atheisten.

Österreichs führenden Kirchenkritikern wie Oberhummer oder dem Atheisten Niko Alm geht es nicht vorrangig um einen ethischen Gegenentwurf zum Christentum, sondern sie kritisieren den gesetzlichen Ist-Zustand. Die österreichischen Atheisten entsagen jenseitigen Tröstungen und wollen nüchtern aufs Leben blicken. Sie wollen niemanden missionieren.

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1 Comment

  1. Wir werden vermutlich auch in Deutschland nicht daran herumkommen, eine offizielle Vereinigung der Konfessionslosen zu gründen, wenn wir nicht rechtlos bleiben wollen. Es gilt auch hier der Satz: „Wer sich nicht mit Politik befaßt, mit dem befaßt sich die Politik !“

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