Leiterin einer evangelischen Gemeinde in der Türkei berichtet


Quelle: evangelisch.de

„Nicht nur über schusssichere Westen sprechen“
Ursula August leitet seit Februar die deutschsprachige evangelische Gemeinde in der Türkei. Sie ist die erste Frau in diesem Amt. Im Gespräch mit pro fordert sie die Medien auf: Berichtet nicht nur über die Probleme der Christen, sondern zeigt, dass auch Minderheitengemeinden fröhlich ihren Glauben leben.

Pro-Medienmagazin

pro: Frau August, gibt es in der Türkei Ihrer Meinung nach Religionsfreiheit?

Ursula August: In der türkischen Verfassung ist zwar die individuelle Religionsfreiheit verankert, das heißt, dass keine Person aufgrund ihres religiösen Glaubens benachteiligt werden darf. Aber die Realität sieht doch oft anders aus. In der Türkei warten viele Menschen – darunter die religiösen, kulturellen und ethnischen Minderheiten – auf Reformen. Die nichtmuslimischen Minderheiten genießen noch nicht dieselben Rechte. Nach dem Lausanner-Vertrag ist die Anerkennung als Religionsgemeinschaften der griechisch-orthodoxen und der armenischen Kirche sowie den jüdischen Gemeinden garantiert. Andere Kirchen sind in ihrem Status nicht anerkannt. Doch auch viele Gemeinden, die einen gesicherten Rechtsstatus haben, können viele Dinge nicht tun. So ist etwa das griechisch-orthodoxe Priesterseminar auf Chalki ist noch immer geschlossen. Ich fühle mich dennoch frei. Religionsfreiheit bedeutet für mich, dass ich davon Zeugnis geben kann, was mich bewegt und was meine Identität ausmacht. Wenn Menschen mich zu meinem Glauben befragen, gebe ich ihnen Auskunft, ganz im Sinne des ersten Petrusbriefes, wo steht: „Seid aber allezeit bereit Rechenschaft zu geben denen, die von Euch Antwort fordern über die Hoffnung, die in euch ist.“ Das kann ich hier. Aber wir gehen nicht auf die Straße und konvertieren die Menschen. Das ist auch nicht unsere Aufgabe.

Was ist Ihre Aufgabe?

Die meisten Auslandsgemeinden nahmen zunächst die Seelsorge an den Gesandtschaften der ehemaligen Hauptstadt Istanbul wahr. Später gründeten Kaufleute und Handwerker, die als Einwanderer kamen die „Ev. Deutsche Gemeinde“. Ich als Pfarrerin habe den Auftrag, mich um die in der Türkei lebenden evangelischen deutschsprachigen Menschen zu kümmern. Zur Gemeinde gehören heute Ausgesendete von Firmen, wir haben hier deutschsprachige Schulen, in denen es evangelische Gemeindemitglieder gibt, wir haben hier Diplomaten, Monteure, Künstler und so weiter, die aus deutschen evangelischen Gemeinden kommen und sich hier wieder anschließen, weil sie im Ausland leben und arbeiten, oder erneut zur Kirche zurückfinden. Dazu kommen jene Familien, die die Nachfolger der ehemals Eingewanderten sind. Für diese Menschen bin ich zuständig – in der Seelsorge und bei Gottesdiensten, aber auch in den Amtshandlungen wie Taufe oder Trauungen.

Fühlen Sie sich manchmal, als lebten Sie in einer christlichen Enklave mitten in der türkischen Gesellschaft?

Vor 90 Jahren lag der Anteil der christlichen Bevölkerung in der Türkei noch bei über 20% , heute sind es nur noch 0,15%. Soweit zu Ihrer Frage. Im Alltag aber lebe ich Tür an Tür mit den Muslimen. Ich bekomme mit, wann die Feiertage sind, wir unterhalten uns, wie Nachbarn sich unterhalten. Und wir helfen uns. Ich habe mich bei den Moscheegemeinden vorgestellt. Ich läute hier sonntags die Glocke – auch das bekommen die Anwohner ja mit. Unsere Kirche ist einerseits ein Stück Heimat für diejenigen, die aus dem Ausland herkommen, aber wir sind eben auch seit 1843 Teil der Stadt und des türkischen Lebens.

Es gibt in der Türkei ein Missionierungsverbot, ihre Kirche darf keine Bankkonten führen oder Grundstücke erwerben. Fühlen Sie sich eingeschränkt?

Ich habe anfangs schon etwas dazu gesagt. Wir feiern unsere Gottesdienste, ich erteile hier am deutschen Gymnasium Religions- und Ethikuntericht. Wir haben Konfirmandenunterricht, ich taufe in unserer Gemeinde – das alles wird nicht verhindert. Es gibt noch andere Predigtstätten, etwa in Ankara, auf Nachfrage werden auch Gottesdienste in Izmir oder Bursa gehalten. Dennoch wünsche ich mir, dass auch unsere Gemeinde einen abgesicherten Rechtsstatus erhält, also etwa als Körperschaft des öffentlichen Rechts oder als Verein anerkannt wird. Ich setze aber auch auf den Dialog: Ich möchte die gute Zusammenarbeit mit den anderen Kirchen vor Ort pflegen, genauso wie das Gespräch zwischen Christen, Juden und Muslimen. Erst kürzlich hatten wir hier in der Gemeinde eine Gruppe junger Studenten von der Marmara-Universität, aus dem internationalen Studiengang Islamwissenschaft zu Besuch. Diese Menschen konnten sich durchaus vorstellen mit Seminargruppen zum Austausch in die Kirche zu kommen.

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