Wider den Instrumentalismus


Zwei Bemerkungen noch zu Herrn Wunder und seinem Bekenntnis zum Instrumentalismus bzw. zu Thomas Kuhns wissenschaftstheoretischem Modell des „Paradigmenwechsels“:

1. Für Instrumentalisten sind Theorien nicht mehr oder weniger wahrheitsnah, sondern nur irgendwie/zeitweise nützlich. Die Meidung des allzu leicht missbrauchbaren Wahrheitsbegriffs wäre gar nicht mal zu kritisieren, würde sie nicht bei Instrumentalisten letztlich zu völliger Indifferenz hinsichtlich epistemischer Urteilskriterien führen. Wenn es darum geht, gute von schlechten Theorien zu unterscheiden, kann Wunder mangels Kriterium niemanden von der Debatte ausschließen. Er gibt das sogar unfreiwillig zu, als er sich gegen die Abgrenzung der (Natur-)Wissenschaften von Para- und Pseudowissenschaften wendet und die Vernunft als polemischen Kampfbegriff der Aufklärung diffamiert. Seine vorherige Mahnung an Däniken zur kritischen Sorgfalt entpuppt sich vor diesem Hintergrund als hohle Phrase. Kritik braucht Kriterien! Vollmer reagiert sichtlich genervt auf Wunders schnöseligen Versuch, ausgerechnet ihn, den pankritischen Rationalisten, in die Nähe dogmatischer Wahrheitsapostel oder prämissenblinder Naivlinge zu rücken. In einem seiner Bücher findet man Vollmers lesenswerte Abrechnung „Wider den Instrumentalismus“.

2. Kuhns Wissenschaftstheorie wird überwiegend von Nicht-Naturwissenschaftlern für relevant oder gar zutreffend gehalten. Diese kapieren nämlich häufig nicht, dass seit der prinzipiellen Etablierung des methodischen Naturalismus mit Galilei jede vermeintliche wissenschaftliche Revolution nur die intersubjektiv-diskursive Einigung darüber war, welches der gerade diskutierten Modelle die vorliegenden Beobachtungsdaten am besten erklärt. Die angeblichen Brüche sind reine Mythen, es hat sie nie gegeben. Vielmehr hat die kritisch-rationale Methode immer wieder zu kleineren und größeren Revisionen geführt, die uns dann jeweils neue Einsichten und neue technische Anwendungen ermöglichten. Der entscheidende Punkt ist: Mit den zeitlich später erdachten Theorien kann man auch alle früheren Erfindungen gewinnen, aber nicht umgekehrt. Instrumentalisten müssen diese Assymetrie — sowie allgemein das Scheitern von Theorien — schlicht leugnen. Dabei ist der wissenschaftshistorische Befund sehr plausibel und einfach erklärbar, wenn wir hypothetisch annehmen, dass da draußen „reale Systeme“ wirken, die Informationen auf unsere sinnliche Peripherie projizieren, welche wir zu — überlebenstechnisch hinreichend adäquaten — mentalen Rekonstruktionen unserer Umwelt nutzen. Dass uns dabei Irrtümer passieren (z.B. Sinnestäuschungen, vermeintliche Mustererkennung, cherry-picking, voreilige Schlüsse, Meinungsstarre), ist unvermeidlich und auch gar nicht weiter bedauerlich, so lange wir uns in unserem Bemühen um Erkenntnis der systematischen Fehlersuche und -beseitigung widmen: „Wir irren uns empor!“
Schließlich noch ein Kommentar zu Oberhummers Verzweiflung darüber, dass sich Wissenschaftler genötigt sehen, längst enttarnten Unfug immer wieder zu diskutieren: Dies ist eigentlich der Appell, dem Rasiermesserprinzip endlich mehr Popularität zu verschaffen. Nicht jede noch so abstruse Idee oder angebliche Erfahrung/Offenbarung verdient es, ernst genommen oder gar wissenschaftlich geprüft zu werden. Mit Dieter Nuhr: „Wenn man keine Ahnung hat: einfach mal die Fresse halten!“

Wie der Max-Planck-Physiker auch korrekterweise anmerkt: Wenn 99 Klimaforscher sagen, es gäbe einen anthropogenen Treibhauseffekt, und einer behauptet das Gegenteil, dann sitzen beim Fernsehtalk zum Thema natürlich nicht 99 zu 1 Leute, sondern wahrscheinlich 1 zu 1; und so vermittelt sich kein Proporz, sondern das völlig verzerrte Bild, als sei die Frage unter Wissenschaftlern immer noch hoch umstritten.

Fazit: Pseudo- und Parawissenschaftler beharren gläubisch auf ihren Methoden, ohne jemals einen prüfbaren Beleg für deren Tauglichkeit zu erbringen. Naturwissenschaftler haben dagegen zahllose Erfolge vorzuweisen und bleiben dennoch bescheiden und skeptisch gegenüber ihren vorläufigen Resultaten. Spricht das nicht sehr dafür, zum Beispiel Physikern eher zu vertrauen als Esoterikern? Mich persönlich macht es traurig und wütend, dass so viele Menschen unser (Noch-)Nichtwissen einfach nicht akzeptieren können und bei der Suche nach Sinn und „höheren“ Einsichten ausgerechnet dreisten Bauernfängern und Heilsversprechern in die Arme laufen.

Recht herzlichen Dank an „ostfriese“ für diesen Post.