Bischof Müller: „Katholiken und Protestanten haben im Nazi-KZ die Gemeinsamkeit entdeckt


Gerhard L. Müller links im Bild

„Luther wollte keine Spaltung der Kirche“
Bischof Gerhard Müller über die deutsche Ökumene vor dem Besuch Papst Benedikts

Von Gernot FaciusDie WELT

Der Papst will sich bei seinem Deutschlandbesuch im September mehr Zeit für die Begegnung mit Protestanten nehmen. Mit welchen Zielen? Bischof Gerhard Ludwig Müller gilt als Vertrauter Benedikts XVI. Als Ökumenebischof führt er die Gespräche mit den Kirchen der Reformation und der Orthodoxie. Mit Bischof Müller sprach Gernot Facius.

DIE WELT: Mit welchen Intentionen wird Benedikt XVI. in die Gespräche mit den Protestanten gehen? Hat er es Ihnen verraten, als Sie jüngst von ihm empfangen wurden? Wird gar der Kirchenbann gegen Martin Luther aufgehoben?

Bischof Gerhard Ludwig Müller: (lacht) Nein. Eine Aufhebung des Banns zu erwarten wäre unrealistisch. So etwas ist für Verstorbene nicht vorgesehen, die nur noch von Gott allein beurteilt werden. Dass Papst Benedikt der ökumenischen Begegnung breiten Raum geben will, ist eindeutig der Situation in Deutschland geschuldet. Deutschland ist das Ursprungsland der Reformation. Das Land des konfessionellen Gegensatzes, der sich bis in die Gegenwart hinein schmerzhaft bemerkbar macht. Aber es ist auch das Land, in dem im vorigen Jahrhundert Katholiken und Protestanten in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern die Gemeinsamkeit entdeckt haben. Es gibt eine martyriologische Dimension der Ökumene, leider ist das zu wenig ins Bewusstsein der Menschen gedrungen.

DIE WELT: In Deutschland spielt das Problem der konfessionsverschiedenen Ehen eine große Rolle, besonders die Frage der Zulassung nicht katholischer Ehepartner zur Eucharistie …

Bischof Gerhard Ludwig Müller: Gemeinsame Eucharistiefeiern kann es nicht geben, weil es gravierende Unterschiede im Eucharistie- beziehungsweise Abendmahlsverständnis gibt, sie betreffen den Opfercharakter der Messe, die Wesensverwandlung, die Realpräsenz, die Einordnung der Eucharistie in das kirchliche Leben, den sakramental geweihten Priester. Bei uns ist die Eucharistiefeier vornehmlich eine Feier der Kirche, bei den Evangelischen ist das Abendmahl mehr auf den einzelnen Glaubenden bezogen. Die Protestanten erkennen die Sakramentalität der Kirche nicht an. Das ist bis heute der große Unterschied, den können wir nicht einfach überspielen.

DIE WELT: Vor allem in den Familien wird die Trennung am schmerzlichsten empfunden. Und dennoch bleibt es offenbar beim Status quo.

Bischof Gerhard Ludwig Müller: Ein evangelischer Christ kann an der Eucharistiefeier teilnehmen, ohne Kommunionempfang. Nicht nur als Zaungast. Er kann Teile dieser Feier innerlich, geistlich mit vollziehen. Wie auch ein katholischer Christ unter Umständen am evangelischen Gottesdienst – ohne Abendmahlsempfang – als Betender teilnehmen und dort geistliche Früchte gewinnen kann.

DIE WELT: Aber die katholische Kirche lässt in Ausnahmefällen, in „Notlagen“, Protestanten zur Kommunion zu.

Bischof Gerhard Ludwig Müller: In Fällen von Lebensgefahr und wenn kein Geistlicher der eigenen Konfession zu erreichen ist, kann ein evangelischer Christ die Kommunion aus der Hand eines katholischen Amtsträgers erbitten. Ich unterstreiche: erbitten. Nicht einfordern, was den Sakramenten gegenüber völlig unangebracht ist. Wenn zum Beispiel jemand Jahre, vielleicht Jahrzehnte am katholischen Gottesdienst teilnimmt, weil er mit einem katholischen Partner verheiratet ist und unser Eucharistieverständnis akzeptiert und eigentlich Katholik ist, aber sagt, formell möchte ich nicht übertreten, dann sollte man eben die besondere Situation pastoral bewerten. Sie unterscheidet sich gravierend von einem nicht katholischen Onkel bei der Erstkommunion, der nur mal zu diesem Anlass bei der Eucharistie dabei ist.

DIE WELT: Nun wird aber auch gesagt, gerade weil in Deutschland eine besondere ökumenische Situation gegeben ist, eine Parität zwischen Katholiken und Protestanten herrscht, könnte Rom in der Eucharistiefrage großzügiger sein, einen Sonderweg gestatten.

Bischof Gerhard Ludwig Müller: Einspruch! Eucharistiefeier und Kirchenverständnis haben nichts mit der deutschen Situation zu tun. Was die Sakramente angeht, kann es Sonderwege nicht geben. Sonderwege kann es beispielsweise im Staat-Kirche-Verhältnis geben. Aber niemals in sakramentalen und glaubensmäßigen Fragen.

DIE WELT: Gibt es denn zwischen beiden großen Kirchen noch genügend „Schnittmengen“?

Bischof Gerhard Ludwig Müller: Beim Luthertum und auch bei anderen evangelischen Gemeinschaften gibt es durchaus große Schnittmengen, vor allem dort, wo man sich auf den Boden der Heiligen Schrift stellt, die Bekenntnisschriften ernst nimmt und nicht in einem Kulturchristentum verharrt. Gewiss hat auch das Kulturchristentum Bedeutendes geleistet, aber das Christentum ist nicht zuerst eine Kulturerscheinung, sondern eine personale Begegnung mit Jesus Christus. Und Kirche ist die Heimat, in der der Glaube gelebt wird. Davon lassen sich verstärkt auch evangelische Theologen leiten. Das kann für die Ökumene nur gut sein.

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5 Comments

  1. @Kunz

    man kann nur annehmen, dass damit gemeint sein soll, dass sich beide Kirchen dem Nationalsozialismus entgegen gestellt haben und deswegen Katholen und Protestanten im KZ gelandet sind. Dies wäre nicht nur eine gnadenlose Lüge, weil totale Verallgemeinerung und damit extreme Übertreibung, sondern auch eine Verunglimpfung des Holocausts und der Juden-Vernichtung.

    Unterstützer Hitlers und der Shoah gab es in beiden Kirchen mehr als genug.

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  2. „Aber es ist auch das Land, in dem im vorigen Jahrhundert Katholiken und Protestanten in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern die Gemeinsamkeit entdeckt haben.“

    Beeindruckend, dass man sowas einfach mal sagen kann, ohne dass die „Welt“ fragend nachhakt, was denn da genau mit gemaint sein soll …

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  3. Lieber Rolo,

    Der Ausspruch von Immanuel Kant: „Wir leben nicht in einem aufgeklärten Zeitalter, sondern in einem Zeitalter der Aufklärung,“ hat zweifellos noch immer seine Berechtigung.
    Es ist allerdings so, dass Dir und mir die Aufklärung eben immer noch viel zu langsam voran geht. Ja, ich befürchte gar, dass wir noch lange, lange darauf warten müssen, bis das Licht der Erkenntnis auch den letzten Religioten erleuchtet haben wird. Wir müssen uns vermutlich damit abfinden, dass auf unserem Planeten eben doch etwas Unsterbliches existiert, welches sich der Aufklärung entzieht ! Und zwar die Ignoranz und die menschliche Dummheit !

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  4. Was Luther einst mit der Kirchenspaltung geschafft hat, müsste doch irgend ein prädestinierter Zeitgenosse auch mit der Abschaffung aller dieser Neurotikergemeinschaften hinbekommen. Die Zeit wäre wirklich langsam reif. Bedauerlicherweise neigt eine große Anzahl von Menschen, scheinbar naturbedingt, zur geistigen Abhängigkeit von Heilsversprechern, Märchenerzählern und sonstigen, selbstherrlichen Betrügern. Ein Anfang wäre gemacht, wenn junge Eltern ihre Kleinen nicht mehr in die Fänge dieser Gauner begeben würden. In unserem Lande zumindest, gibt es eine Unzahl von Gesetzen. Keines von ihnen schützt unsere Kinder vor der geistigen, seelischen und materiellen Ausbeutung, verursacht durch die, in die Welt gesetzten religiösen Ammenmärchen und die Rezepte zur Selbstbereicherung bestimmter, ausbeuterischer Institutionen und ihrer skrupellosen Anführer. Bleibt zu hoffen, dass eines Tages ein neuer, aufgeschlossener und überzeugungsfähiger, globalverständlicher „Luther“, der Menschheit endlich die Augen, die Ohren und den Zugang zum gesunden Menschenverstand öffnet. Die Zukunft für eine friedliche Gemeinschaft, aller unserer Artgenossen, wäre ein gutes Stück gesicherter.

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