Das Postskriptum des Abendlandes?


Der Albtraum der rationalistischen Aufklärung ist Charlie Chapli in "Modern Times" (1936), aufgemalt auf eie Schweizer Hausfassade

Überall bröckelt das Bewusstsein der Aufklärung, die eine moderne Gesellschaft erst möglich gemacht hat

Von Philipp BlomderStandard.at

Kants Hausschuhe stehen in Peking, und niemand geht hin. Während die chinesische Regierung einen ihrer wichtigsten Kritiker mundtot macht und verschwinden lässt, zeigt die deutsche Regierung den wenigen Chinesen, die sich in die Aufklärungs-Ausstellung verirrt haben, Bilder einer preußischen Idylle. Wenn dieses Ereignis irgendjemanden aufklärt, dann wohl die Machthaber in Peking – die wissen jetzt nämlich, dass sie nicht einmal mit symbolischen Konsequenzen zu rechnen haben, wenn sie einen Ai Weiwei festnehmen, vor den Augen der Weltöffentlichkeit und fast zeitgleich mit der Eröffnung der Ausstellung, die eigentlich die Menschenrechte feiern soll.

Die Werte der Aufklärung sind nicht immer vereinbar mit gesunden Handelsbilanzen. Sie sind unkommerziell und unbequem, und sie werden mit erstaunlicher Geschwindigkeit erodiert. In Großbritannien erhalten Universitäten unter der neuen, konservativ-liberalen Regierung keinerlei Finanzierung für geisteswissenschaftliche Fächer mehr, denn, so erklärte mir ein Wirtschaftswissenschafter, der Mitte zwanzig war, sie steigern die Produktivität nicht. Gleichzeitig steigen die Studiengebühren auf mehr als 10.000 Euro pro Jahr. Diese Maßnahmen der Regierung Cameron scheinen der effektivste Weg, das Abendland als gesellschaftliches Projekt fallenzulassen und durch ein endloses Shoppingcenter zu ersetzen, durch die Postdemokratie, die systematische Belustigung gieriger Ameisen.

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