Das folgenreiche Mordgeständnis


Darwin-Ausstellung MfN Berlin, Quelle: brightsblog

Charles Darwin zeigt sich von seiner Erkenntnis geschockt: „Schließlich kamen Lichtschimmer, und ich bin fest überzeugt (ganz im Gegenteil zu der Ansicht, mit der ich begonnen habe), daß die Arten nicht (es ist wie einen Mord gestehen) unveränderlich sind. Ich glaube, das einfache Mittel entdeckt zu haben, durch das die Spezies so ausgezeichnet an verschiedene Zwecke angepaßt werden.“ Dies schreibt er am 11. Januar 1844 an seinen Freund Joseph Dalton Hooker. Sein epochales, wirkmächtiges Werk „The Origin of Species“, in dem er seine Evolutionstheorie entfaltet, erscheint fünfzehn Jahre später.

Von Josef Bordatliteraturkritik.de

Darwins Evolutionstheorie gehört zu den wissenschaftlichen Theorien, die einerseits die Fachdisziplin verändert haben (Theodosius Dobzhanskys oft zitiertes Diktum „Nothing in biology makes sense except in the light of evolution.“ spricht diesbezüglich eine deutliche Sprache), anderseits Auswirkungen auf unser Weltbild und unser Selbstverständnis zeitigen. Dazu gehört im Fall der Evolutionstheorie auch die Art und Weise, wie wir forschen, so dass sich hier eine sich selbst verstärkende Tendenz zum evolutionären Paradigma einstellt, wie in zahlreichen Büchern zum Darwinjahr 2009 deutlich zu erkennen ist.

Zu Darwin sind in den letzten Jahren sowohl (kommentierte) Quelleneditionen neu herausgegeben worden, als auch (populär-)wissenschaftliche Interpretationen. Während die Quellen, vor allem die Briefedition von Frederick Burkhardt, uns einen bescheidenen, fast unsicheren, doch unermüdlich am Gegenstand seiner Forschung arbeitenden, sich dabei der Grenzen dieses Gegenstands sehr wohl bewussten Charles Darwin zeigen, geht die Sekundärliteratur „mit Darwin über Darwin hinaus“ – weit, sehr weit, manchmal auch zu weit.

Mit Darwin über Darwin hinaus

Es gibt großartige naturwissenschaftliche Theorien, die Menschen faszinieren – weit über den Kreis der mit ihr befassten Forscherinnen und Forscher hinaus. Die Evolutionstheorie gehört dazu. Die auf den Arbeiten Plancks, Heisenbergs, Schrödingers, Paulis und vielen anderen mehr gründende physikalische Quantentheorie ebenso. Diese Faszination verleitet dazu, den Erklärungsbereich der Theorie auszudehnen und mit ihrer Hilfe eine „Hochrechnung aufs Ganze“ (so Karl Eibl in seinem Eröffnungsvortrag zum Germanistentag 2007) vorzunehmen. So verständlich das ist, zumal, wenn man sich lange – oft ein Leben lang – mit einer bestimmten Theorie beschäftigt hat: In der Verallgemeinerung der eigenen Heuristik, der zugleich ein brachialer Reduktionismus allen anderen Zugänge gegenüber eignet, liegt die Gefahr des weltanschaulichen oder politischen Missbrauchs der Wissenschaft. Zudem werden damit kategoriale Grenzen überschritten, ohne dass es für dieses Aus- und Übergreifen gute metaphysische Gründe gäbe. So kann man erfahren, mit Quantentheorie lasse sich die Existenz des Jenseits beweisen, die Quantenmechanik zeige, dass alles Geist sei! Der Glaube an ein Jenseits, der in vielen Religionen zentral ist, wird zum physikalischen Sachverhalt. Dann hört man, mit der Evolutionstheorie lasse sich das Gegenteil zeigen: Alles sei Materie! Religion wird zum biologischen Sachverhalt. Unabhängig davon, ob die eine oder andere Schlussfolgerung gut ins eigene Weltbild passt, sollte man – bei allem Respekt gegenüber Wissenschaftlern (oder den Popularisieren der Wissenschaft, den Wissenschaftsjournalisten und -autoren) – diesen Versuchen, Menschheitsfragen aus dem Fundus des jeweiligen Gebiets abschließend zu beantworten, ein gewisses Maß an Skepsis entgegenbringen, das proportional zunehmen sollte, je enger die Forschungsheuristik ist und je weitreichender die daraus entwickelten Behauptungen sind. Der diese Aufspreizungsbestrebungen gut erfassende Aphorismus Justus von Liebigs – „Die Wissenschaft fängt eigentlich erst da an, interessant zu werden, wo sie aufhört.“ – deutet auf das Problem: das „Interesse“ (durchaus im Sinne Habermas’) wird bestimmend und treibt zu immer gewagteren Schlüssen, die von der Erklärungskraft der Theorie nicht mehr getragen werden. Am Ende droht die Theorie selbst in ihrem Ansehen zu leiden, auch im Hinblick auf den eigentlichen Gegenstand.

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