Telefonseelsorge Jena: Leiter rausgeschmissen, weil konfessionslos


Quelle: jenapolis.de

Kirche verlangt Personaltausch bei Jenaer Telefonseelsorge
Der Verein Telefonseelsorge Jena muss auf Druck der Evangelischen Kirche seinen neuen Leiter austauschen, weil er konfessionslos ist.

Von Tino ZippelTLZ.de

Laut Protokoll der Mitgliederversammlung, das OTZ vorliegt, hatte der Leiter der Telefonseelsorge Dessau an den Bewerbungsgesprächen teilgenommen und sich für den Kandidaten ausgesprochen, der ausdrücklich betont haben will, konfessionslos zu sein. Der Dessauer zählte nach dessen Einstellung zu jenen Kirchenvertretern, die Beschwerde einreichten. „Die Mitglieder des Vereins sind sich einig, dass sie eine konfessionelle Bindung des Stellenleiters nicht für nötig erachten, der Verein aber auf die finanzielle Förderung durch die Evangelische Kirche angewiesen ist“, heißt es im Protokoll. Diesem Druck beugte sich der Verein, der sich im Einvernehmen vom neuen Leiter trennte. Weil der sich durch den Vorgang „einer Diskriminierung ausgesetzt fühlte, die seine Menschenwürde verletzt“, willigte er ein.

Laut Barbara Killat vom Referat Seelsorge im Landeskirchenamt der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland müssen sich alle Geschäftsstellen der bundesweiten Telefonseelsorge an die Regeln des Diakonischen Werkes als Träger halten. Dazu gehöre die Kirchen-Mitgliedschaft für Mitarbeiter. Fest stehe: Werden die Regeln nicht eingehalten, erfülle die Geschäftstelle nicht mehr die Voraussetzungen für die Mitgliedschaft in der Telefonseelsorge und könne weder diesen Titel führen noch finanzielle Unterstützung erhalten. „Der Trägerverein hat über die Neubesetzung der Stelle eigenmächtig entschieden“, sagt sie.

Der Verein hingegen beruft sich darauf, Killat die Ausschreibung vorab zugesandt zu haben. Dass darin keine konfessionelle Bindung vorgeschrieben war, habe sie nicht moniert. Die Vereinsvorsitzende Angelika Hesse sagt, sie habe sich zudem beim Geschäftsführer der Evangelischen Konferenz für Telefonseelsorge, Dr. Bernd Blömeke, erkundigt. Der Träger entscheide über die Kirchenzugehörigkeit, habe er geantwortet.

Die Telefonseelsorge Jena hat im vergangenen Jahr 13 000 Anrufe entgegen genommen. 50 Ehrenamtliche gehören zum Team.

Kommentar dazu bei TLZ.de:

07.05.11 – 10:18
Anonymer Berater
Vielen Dank für diesen Beitrag. Ich gehöre zu den Beratern der Jenaer TelefonSeelsorge und hatte selbst schon mit mir gerungen, diesen unmöglichen Vorgang öffentlich zu machen. Wir wollen auf der einen Seite eine unabhängige Beratung für Menschen in Not erbringen, andererseits verpassen wir einem Menschen einen derartigen Schlag, dass er sich kaum davon wieder erholen kann. Ich habe Herrn Albrecht als exzellenten Fachmann kennengelernt und kann nicht verstehen, warum die Kirche in derart hinterlistiger Manier einschreitet. Das war feige und einer christlichen Glaubensgemeinschaft nicht würdig. Gespannt warte ich auf die Reaktion auf diese öffentliche Kritik. Wenn die Kirche wahrhaft Größe zeigt, entschuldigt sie sich und macht Herrn Albrecht zum Leiter unabhängig seiner Kirchenzugehörigkeit. Wie ich aber die trotzigen „Oberhäupter“ einschätze, versuchen sie nun eher, unseren Verein „platt zu machen“. Ich jedenfalls muss klar überdenken, ob die evangelische Kirche noch die richtige Heimstatt für mich ist. Ich schäme mich für diesen Vorgang!

17 Comments

  1. @yerainbow

    Eben, der Psychotherapeut unterliegt dem selben Zeugnisverweigerungsrecht wie der Geistliche und der Verschwiegenheitspflicht sowieso.

    http://de.wikipedia.org/wiki/Verschwiegenheitspflicht

    Jedoch im Gericht wird das ausgehebelt. Daher ja der Hinweis an entsprechende Patienten auf das Beichtgeheimnis

    Ich glaube nicht, dass man das pauschal so sagen kann. Nur, in diesem Fall geht es nicht um das rein katholische Beichtgeheimnis von Priestern, sondern um Laien in der evangelischen Telefonseelsorge.

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  2. Ich fürchte, so einfach is es dann doch nicht. Auch der Psychotherapeut hat die Pflicht zur Geheimniswahrung.

    Jedoch im Gericht wird das ausgehebelt. Daher ja der Hinweis an entsprechende Patienten auf das Beichtgeheimnis.

    oha…. da ist rechtlich also doch einiges unsicher… zumindest fürmich.

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  3. yerainbow,
    wichtiger ist das Zeugnisverweigerungsrecht für alle ordinierten Geistlichen. Für Laien in den Kirchen, die Seelsorge betreiben dürfte dies nicht gelten. Eine Verpflichtung zum Seelsorgegeheimnis, wie oben, für entsprechende Mitarbeiter, kann auch anders geregelt werden. Entsprechendes kann man in jeden Arbeitsvertrag einfügen, ohne Religionshintergrund. Es gibt doch auch unzählige weltliche Berufsgruppen, die eine entsprechende Selbstverpflichtung zur 100 %igen Diskretion verlangen. Geregelt durch die sogenannte gesetzliche Verschwiegenheitsverpflichtung.

    Wikipedia:
    … In Deutschland hat der Gesetzgeber die Verschwiegenheitspflicht mit dem stärksten ihm zur Verfügung stehenden Mittel, nämlich der Androhung von Geld- oder Freiheitsstrafe in § 203 des Strafgesetzbuches geregelt und zu schützen versucht (Verletzung von Privatgeheimnissen). Daneben kann sich eine Verschwiegenheitspflicht als Nebenpflicht unmittelbar und mittelbar aus zivilrechtlichen Verträgen ergeben. So besteht eine Pflicht zur Verschwiegenheit für Arbeitnehmer als Nebenpflicht aus dem Arbeitsvertrag bezüglich betrieblicher Geheimnisse gemäß § 242 des deutschen Bürgerlichen Gesetzbuches (Treu und Glauben) …

    Deswegen ist es eine billige Ausrede, wenn es heißt, dass der Leiter gekündigt werden muss, weil er konfessionslos ist. Eine entsprechende Klausel in seinem Arbeitsvertrag zur Schweigepflicht würde völlig genügen. Das ganze hätte nur Hand und Fuß, wenn es um das Zeugnisverweigerungsrecht ginge, welches jedoch genauso wenig für die konfessionellen Mitarbeiter gilt, die keine Geistlichen sind. Bingo! Ich habe den Eindruck, man möchte hier aber der Gesellschaft weiß machen, das es anders ist. Zumindest lässt es sich aus dem Gesetzestext nicht anders interpretieren: http://bundesrecht.juris.de/stpo/__53.html

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  4. Daher ja die Bestimmungen zum Seelsorgegesetz.

    Wäre übrigens mal interessant zu ermitteln, wie es die Justiz versteht. Gilt nur die katholische Ohrenbeichte als Beichtgeheimnis oder auch alle anderen Seelsorgegeschichten unabhängig von der Konfession?

    ich bin da nicht wirklich gut informiert, bisher meinte ich, es wird bei jeder Religionsgemeinschaft akzeptiert…

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  5. @yerainbow

    eine stille Beichte und damit ein Beichtgeheimnis gibt es doch nur in der katholischen Kirche.

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  6. Oha. Das läßt juristische Wege offen…. wäre mal hübsch, wenn jemand wegen nachteilen gegen die Seelsorgende Stelle klagt…

    Das Beichtgeheimnis gilt IMMER. Komplett. Oder bin ich da falsch unterrichtet? Was sagen die Herren Beichtvöter bzw Seelsorger dazu?

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  7. „Die Leitung einer TelefonSeelsorge muss die seelsorgliche Qualifikation der Ehrenamtlichen sicherstellen, damit diese überhaupt unter den Schutz des Seelsorgegeheimnisses stehen können. Der Schutz des Seelsorgegeheimnisses ist für unser Verständnis von TelefonSeelsorge elementar und nciht verhandelbar.“

    soweit Dr. Bernd Blömeke

    dumm nur dass die realitaet mitunter eine ganz andere ist, zb, wenn das tel. seelsorgeschwätz mit einer offenbar psychisch kranken person geführt wird, oder wenn statt solcher personen dritte Peronen den tel. kontakt zur telefonseelsorge aufnehmen. so auch, wenn dritte ein „tel. seelsorgegespräch“ völlig ohne Wissen der Betroffenen führen, dh wegen bzw. für diese Personen bei der telefonseelsorge anrufen —- und somit durchaus auch für entsprechende Aktenvermerke in Krankenakten und bei der öffentlicher Verwaltung (zB Führerscheinstelle) sorgen können.

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  8. ja, § 11 sagt, die einrichtung hat Sorge zu tragen, daß es möglichst… oder so.

    Technische Hilfsmittel haben immer auch das Potenzial zur anderweitigen Verwendung. Die Amis machen es gerade vor, und Einwahldaten werden jetzt schon gespeichert…

    Aber es ist wahr, ich würde einen Menschen, der psychologische Hilfe sucht, und in kriminelle Sachen verwickelt wurde, immer zum Seelsorger orientieren. Der nämlich kann sich aufs Beichtgeheimnis berufen, der Psychologe nicht. Vor Gericht müßte der Psychologe aussagen…

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  9. Ja, natürlich wird nur ein konfessioneller Angestellter in der Konfessionellen Riege geduldet.
    Alle anderen würden vielleicht das AGB als Grundlage nehmen. Der konfessionelle angestellte muß immer die Bibel dem voranstellen…

    REchtlich gesehen so durchschaubar wie logisch.

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  10. Da ich in dem Beitrag namentlich zitiert werde, möchte ich Folgendes richtigstellen: Die Vereinsvorsitzende, Frau Hesse, hat sich an mich gewandt mit der Frage, ob eine neue Stellenleitung kirchlich bzw. konfessionell gebunden sein müssen bzw. was die Grundsatzpapiere darüber sagen. Darauf habe ich ihr geantwortet dass die Bindung eines Hauptamtlichen in der TelefonSeelsorge an eine Kirche so selbstverständlich sei, dass dies nicht eigens in den Grundsatzpapieren formuliert werden müsse. Das begründet sich aus den Essentials der TelefonSeelsorge. Die Leitung einer TelefonSeelsorge muss die seelsorgliche Qualifikation der Ehrenamtlichen sicherstellen, damit diese überhaupt unter den Schutz des Seelsorgegeheimnisses stehen können. Der Schutz des Seelsorgegeheimnisses ist für unser Verständnis von TelefonSeelsorge elementar und nciht verhandelbar.
    Blickt man auf die Rechtskonstruktion der TS Jena, dann stellt man fest, dass dies ein eingetragener Verein ist. Somit entscheidet der Vereinsvorstand bzw. die Mitgliederversammlung rechtsverbindlich für den Verein. Allerdings muss sich ein Verein dann auch darüber im Klaren sein, dass seine Entscheidungen Konsequenzen haben.

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  11. Das sich die Kirche als direkter oder indirekter Arbeitgeber als assozial erwiesen hat ist doch nichts neues – schlicht und ergreifend geht es ihr als Wirtschaftsimperium nur ums Geld.
    Hinter diesem Fall aus der Telefonseelsorge in Jena steht der ungebrochene Missionierungswahn – in Kreuzzügen wurden Köpfe abgeschlagen, wer heute nicht gottgläubig dahinduselt wird dem wird die Erwerbstätigkeit als Lebensgrundlage entzogen – WIEDERLICH!!! Fachkompetenz und Angagement scheint hierbei völlig nebensächlich zu sein.
    >>> http://hpd.de/search/node/kirchen%20arbeitgeber

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  12. Als Telefonseelsorger eignen sich offenbar nur Leute, die in der Lage sind, den Ratsuchenden faulen, verlogenen Religionszauber anzubieten. Dieses Eignungskriterium trifft allerdings auch auf kriminelle Betrüger, Schwindler und Gauner zu. Die wissen auch, wie man seine Mitmenschen belügt, betrügt und mit leeren Versprechungen über den Tisch zieht.

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  13. Interessant, dass von den vielen religiös orientierten Vereinen die von vielen so belächelte Heilsarmee moralisch weitaus gefestigter ist, als die beiden lächerlichen soganannten Amtskirchen.

    Den Heilsarmisten ist es egal ob man irgendeiner Konfession angehört. Das gilt für die Helfer aber auch für die Hilfsbedürftigen. Ausgaben für Verwaltung und Organisation dürften immer noch im eintelligen Bereich liegen und nicht für juristische Prozesse, Missionare und Papstreisen ausgegeben werden. Es fließt der direkten Hilfe Bedürftiger zu, die zB aus Einrichtungen der evangelischen und katholischen Kirche rausgeschmissen wurden (wie in den 80er Jahren die ersten HIV-Infizierten).

    Deswegen ist und bleibt die einzige Organisation, die jemals Spenden von mir bekommen hat und künftig erwarten kann die Heilsarmee, obwohl ich mit dem, was all diese Vereine für „Gott“ halten nichts anfangen kann. Das bedingungslose soziale Engagement dieser Leute überzeugt mich und das werde ich weiterhin unterstützen.

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